Piratenparteitag 2011: Angekommen im Meer der Beliebigkeit
Was man hatte nicht alles erwartet von der Piratenpartei und ihrem Parteitag? Neue Themen, neue Beratungsformen, alles online, alles neu. Nun ist er vorbei, der Bundesparteitag 2011 der Piratenpartei in Offenbach. Und, war das was? Letztlich nicht wirklich viel, wenn man sich den Ablauf und die Ergebnisse anschaut.
Eigentlich hatte ich ja erwartet, dass die Piraten als dezidierte Internet-Partei den neuen Weg eines Online-Parteitags gehen würden. Das wäre in der Tat in der deutschen Parteien- und Politiklandschaft etwas Revolutionäres und auch Interessantes gewesen. Stattdessen trafen sich am vergangenen Wochenende über 1.300 Teilnehmer in einer miefigen Stadthalle und debattierten sich die Köpfe heiß. Ein Haufen Nerds, so mag man denken, der sich da zwischen iPhone und MacBooks zusammenrauft und eine riesige LAN-Party feiert. Doch weit gefehlt. Wie bei den anderen Parteien überwachte ein Präsidium den korrekten Ablauf des Parteitags und führte brav eine Rednerliste, damit auch jeder irgendwie zu Wort kommen konnte.
Überraschend am Ablauf des Parteitags mag vor allem der Start gewesen sein. Vier Fahnenschwenker auf einer Bühne mit Trockeneisnebel wirken eher wie eine Show von DJ Bobo oder Parteien aus einer Zeit, an die man lieber nicht erinnert werden möchte… Wer sich das ausgedacht hat, muss wohlschon eine besondere Art von Geschmack verspüren. Das war es dann auch schon mit den piratigen Eigenheiten.
Wer sich interessante Themen und Diskussionen zur Netzpolitik gewünscht hatte, wurde letztlich enttäuscht. Einen größeren Raum nahm vor allem sozialpolitische Themen wie das „Bedingungslose Grundeinkommen“ (BGE) ein, das letztlich auch mit 2/3-Mehrheit durch den Parteitag angenommen wurde. Spätestens hier musste man denken, dass diese Partei nicht die Piratenpartei, sondern irgendwie eine Art neuer Jugendverband für die SED-PDS-Linke sein muss, der sich um Profilierung bemüht. Besonders interessant ist dabei die Begründung, die die politische Geschäftsführerin Marina Weisband lieferte: „Wir können uns erstens eine Vollbeschäftigung nicht mehr leisten und zweitens brauchen wir sie auch nicht mehr“. Wer so etwas von sich gibt, der gibt fast drei Millionen Arbeitslose und Arbeitssuchende auf. Dem sind diese Menschen irgendwie egal, solange sie durch das BGE einfach alimentiert werden. Was ist mit den Menschen, die ernsthaft Arbeit suchen? Haben diese kein Recht auf eine Entwicklungschance? Stattdessen will man sie irgendwie mit durchfüttern, die „Reichen“ werden es ja schon bezahlen. Das passt nicht zusammen: einerseits will man ein solidarisches Grundeinkommen für alle Menschen schaffen, andererseits verweigert man ihnen eine berufliche Aufstiegsperspektive, in dem man von vorherein ihre dauerhafte Arbeitslosigkeit zementiert. Dies ist blanker Zynismus.
Auch sonst findet sich allerhand krudes Zeugs in den Anträgen und Beschlüssen der Piraten. Ins linke Ideenspektrum passt da auch die Ablehnung von Leih- und Zeitarbeit, auch wenn dies durchaus ein Mittel ist, Menschen wieder in Lohn und Brot zu bringen. Aber vor dem Hintergrund eines BGE braucht man aus Piratensicht solche Mittel des Arbeitsmarktes natürlich nicht mehr. Auch die Forderung nach völliger Legalisierung von Drogen in Deutschland scheint eher aus dem Vorlagenheft anderer Parteien abgeschrieben zu sein. Da findet sich nichts originelles, nicht originäres, was die Partei von anderen abheben könnte. Da ist es ja gerade zu schade, dass der Antrag auf ein „Grundrecht auf öffentliche Nacktheit“ vertagt wurde. Dies wäre in der Tat mal etwas Neues bei den etablierten Parteien gewesen.
Mein Fazit: Mit ihrem Ankommen in der Realpolitik und Übernahme bekannter Diskussionsmuster haben sich die Piraten zwar einem weiteren Themenkreis geöffnet. Sie drohen aber damit auch ein Stückweit in der politischen Beliebigkeit zu verschwinden. Gerade mit ihren sozialpolitischen Vorschlägen unterscheiden sie sich nicht sehr von den übrigen Parteien des linken politischen Spektrums, auch wenn sie sich gegen eine dortige Einordnung wehren. Persönlich wäre mir eine „Internet-Partei“ der Piraten lieber gewesen. Dort hätten sie sich durch unkonventionelle Vorschläge und Ideen im Bereich der Netzpolitik auszeichnen und ihre Expertise einbringen könnten. So droht gerade dieser interessante „Leuchtturm“ im Meer der Beliebigkeit zu versinken. Spannend wäre es zudem gewesen, wenn die Piraten einen „virtuellen Parteitag“ übers Netz durchgeführt hätten. Das wäre in der Tat mal eine echte Neuerung gewesen. Doch auch hier nur bekanntes Einerlei in einer großen Halle.
Rezension: Stephan Eisel. Internet und Demokratie
Die Zahl der Bücher über „das Internet“ ist enorm. Täglich kommen Neuerscheinungen hinzu, die dem geneigten Leser das Netz und seine Bedeutung erklären wollen. Dazu gehört auch das Werk von Stephan Eisel, der in „Internet und Demokratie“ den Versuch unternimmt, das Web und seine Implikationen auf eine moderne Gesellschaft zu erläutern. Eines wird bei der Lektüre schon recht schnell klar. Hier schreibt zwar jemand, der das Netz schon lange nutzt und kennt. Aber durch das gesamte Buch zieht sich wie ein roter Faden die Warnung von den Gefahren aus und durch das Web. Schon das erste Kapitel, „Mythos Internet“ überschrieben, zeigt wohin die Reise geht. Zwar betont Eisel schon hier, dass das Internet „durchaus“ das Potenzial habe, „die Freiheiträume in unserer Gesellschaft zu erweitern“ (S. 24), aber nur wenige Sätze weiter sieht er es auch als „willfähriges Werkzeug“, das „Fluchtmöglichkeiten vor der harten Wirklichkeit“ (S. 25) biete. Das Internet vermittelt für Eisel „Weltbilder, Wunschbilder“ (S. 25). Daher ruft er zur „Entmythologisierung des Internets“ (S. 25) auf.
Er beginnt seine Aufklärungskampagne mit grundlegenden Überlegungen über die moderne freiheitliche Demokratie und ihre Wertegrundlagen. Dabei darf natürlich auch nicht der zitierte Rückgriff auf Karl Popper, quasi den Übervater der Demokratietheorie, fehlen. Kurz skizziert er die verschiedenen Nutzertypen im Web und erläutert das Problem der digitalen Spaltung. Als problematisch betrachtet Eisel, dass nach jüngeren Erhebungen nur knapp 70 % der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren online sei (S. 38). Da mag man nur antworten: Ja, und? Wurden mit anderen Medien jemals alle Menschen erreicht? Zwar liegt die Verbreitungsrate von Radio und Fernsehen heute noch höher, aber gerade im Vergleich zu diesen Medien erfordert das Internet eben etwas mehr Aktivität als Fernsehen oder Radio. Und wer sich über politische oder gesellschaftliche Themen informieren wird, wird im Netz zweifellos mehr Informationen finden als auf irgendwelchen Fernsehsendern. Und seien wir ehrlich, welche Einschaltquoten erreichen brauchbare politische Magazine im TV im Vergleich zu Unterhaltungssendungen gleich welcher Couleur?
Nicht minder bezeichnend für Eisels kritische Betrachtungsweise ist das Kapitel „Die Minderheit der Zeitreichen“ (S. 50). Für ihn wird Politik im Netz nur von denen gemacht, die offenbar „Zeit haben“ und sich mit ihren Themen auseinander setzen wollen. So kritisiert er, dass selbst in den „Internet-Blogs [..] die Aktivierung der Nutzer nicht gelungen“ (S. 55) sei. Nur selten gelänge es, eine größere Zahl von Nutzen zu aktivieren, selbst in Blogs aktiv zu werden, so dass die Zahl der reinen Konsumenten sehr hoch sei. Aber ist dies bei anderen Formen der politischen Kommunikation und Teilhabe nicht ähnlich? Wie viele Bürger erreichen politische Parteien mit ihren Verlautbarungen? Wie viele Menschen lesen täglich den politischen Teil einer Tageszeitung, die über das Niveau einer „Bild“ hinausgeht? Eisel erregt sich über die skurrile Geschichte vom zerbrochenen Blumenkübel, der so viele Twitter-Nutzer und andere User begeisterte. Für ihn das der Beweis, dass offenbar zu viele User im Netz auch „viel Zeit [..] für Unwichtiges und Unsinniges“ (S. 59) haben. Doch gerade hier wird offensichtlich, dass Eisel gar nicht begriffen hat, dass der Verbreiter der Nachricht vom zerbrochenen Blumenkübel die banale Nachricht einer Tageszeitung aufgegriffen und sie mit ironischem Ton nur weiter verbreitet hat. Sicher wird über das Netz viel Banales verbreitet, aber was in den anderen Medien täglich wiederfindet, ist keinesfalls von höherer Qualität. Ein Blick ins Privatfernsehen hilft hier zu relativieren…
Ebenso wenig kann Eisels Kritik an der „fragmentierten Echogesellschaft“ (S. 164ff.) überzeugen. So führt er aus, dass sich die „aktiven Internetnutzer in viele voneinander abgeschottete Netznischen zurückziehen“ (S. 165). Nach seiner Ausfassung suchen sich die Nutzer gerade die Mitstreiter im Netz, die gleiche oder ähnliche Meinungen vertreten. Daraus folgerte der Autor, dass diese Nutzer sich einen „Tunnelblick“ im Kreise Gleichgesinnter aneignen und sich gegenseitig nur in ihren Meinungen bestätigen. Aber ist das gerade nicht auch ein Problem, das sich außerhalb des Netzes ebenso ergibt? Die meisten Menschen treffen in ihrer Umgebung eher auf Personen, die eine gleiche oder ähnliche Lebenswelt haben und auch im politischen oder gesellschaftlichen Leben ähnlich denken. Wer einer politischen Partei beitritt, tut dies, weil er mit den Ideen und Zielen einer bestimmten Gruppe übereinstimmt. Wer dies nicht tut, wird nicht beitreten, denn andernfalls findet er keine Zustimmung und bestätigt. Das „Echo“ bliebe somit aus. Gleiches gilt auch für das soziale Leben. Wer sich für Fußball interessiert, wird eher selbst spielen und Kontakt zu Fans seines Lieblingsvereins suchen als derjenige, der sich für Hallenhalma interessiert. Dies ist kein Problems des Internets, sondern nur allzu menschlich. Dagegen öffnet das Netz gerade die Möglichkeit, sich mit Meinungen auseinander zu setzen, die man im normalen Leben eben nicht lesen würde, weil sie einen nicht erreichten. Wer sich also politisch einbringen und äußern möchte, hat im Netz jede Möglichkeit dazu.
So durchzieht das gesamte Buch eine gerade alarmistische Grundstimmung, die das Internet in weiten Teilen als Gefahr für die „wehrhafte Demokratie“ (S. 239ff.) oder als Ausgangspunkt für den „Cyberwar“ (S. 258ff.) ansieht. Hat man Eisels Ausführungen gelesen, muss man zweifellos den Eindruck gewinnen, dass mit dem Internet der ‚Untergang des Abendlandes‘ bevorsteht. Dass sehr vielen Menschen das Web inzwischen richtig ans Herz gewachsen ist und sie dies als Teil ihres Lebens und ihrer Lebensführung begreifen, will Eisel offenbar nicht anerkennen. Was einfach fehlt ist, dass das Netz auch jede Menge Chancen für politische Partizipation und Kommunikation bietet. Wie sonst kann man so viele Menschen erreichen. Eisel macht es sich zu einfach, wenn er alles Negative zusammenträgt, anstatt sich Gedanken zu machen, wie man das Netz effektiver gesellschaftlich nutzen kann. Seine „Zwanzig Thesen zum Umgang mit dem Internet“ am Ende des Buches, die er auch in seinem Blog diskutiert, sind da auch keine Hilfe, um eine positive Sichtweise zu erzeugen.
Stephan Eisel: Internet und Demokratie. Herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Freiburg: Herder 2011. 358 S.
Piraten-Denke: Die Irrungen des Herrn Mayer
Eigentlich müsste man dem Piraten Pavel Mayer dankbar sein. Mit wenigen Worten hat er in dieser Woche sein demokratisches Verständnis offenbart. Wahrscheinlich eher unbeabsichtigt, doch nicht minder deutlich. In seiner Replik „Netzfreiheit: Die Antwort der Piraten“ im Feuilleton der FAZ hat der zu dem Beitrag von Peter Altmaier (CDU) Stellung bezogen. In seinem Beitrag hatte Altmaier unumwunden zugegeben, dass er bisher vom „Netz“ nichts verstanden habe. Trotz der intensiven Nutzung verschiedener Medien war ihm „die gesellschaftliche und politische Dramatik, die von der rasanten Evolution des Internet und der elektronischen Medien ausgeht, bislang nicht einmal im Ansatz klar.“ Nur selten finden Politiker so offene Worte und das Eigeständnis, dass man eben nicht von allem Ahnung hat. Eine solche Position allein ist schon bemerkenswert.
Es dauerte nur einen Tag, bis besagter Pavel Mayer, neu gewähltes Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses für die Piraten-Partei, seine „Antwort der Piraten“ formuliert. Schon der erste, durchaus nett gemeinte Absatz des Artikels offenbart jedoch nur allzu deutlich Mayers Haltung gegenüber anderen Parteien. Hier führte er aus: „Herzlich willkommen in der Gegenwart, Peter Altmaier. Wenn das so weitergeht und die Eliten der etablierten Parteien scharenweise ins Lager der Internetversteher wechseln, muss ich mir noch ein „Mission Accomplished“-Banner malen und mich wieder aus der Politik zurückziehen.“ Es ist genau diese Arroganz, die viele Nicht-Piraten vor den Kopf stößt. Denn genau hier kommt eine fatale Einstellung zum Ausdruck. Offensichtlich ist: Nur wer der Meinung der Piraten folgt, ist offenbar auf dem richtigen Weg. Nur wer zum „Internetversteher“ wird und danach handelt, ist noch berechtigt, als Demokrat angesehen zu werden. Anstatt die Leute zu verhöhnen, sollte Mayer diejenigen, die den Dialog (online oder offline) mit der Netz-Community suchen, auch ernst nehmen und mit ihnen ins Gespräch kommen und ihre Positionen wahrnehmen.
Für Mayer ist das Netz offenbar der Heilsbringer des 21. Jahrhunderts. Da gibt es kein Leben neben dem Netz. Nur wer sich vernetzt, darf nach seiner Auffassung noch mitreden. Wie sonst ist denn das „Weltverbesserungspotential des Netzes“ zu verstehen? Glaubt er ernsthaft, dass es außerhalb des Netzes keine reale Politik und Demokratie mehr geben kann oder darf? Wer so argumentiert, hat eine quasi totalitäre Haltung, denn er will seine Politik und sein Instrument, das Netz, allen Menschen aufzwingen. Er fragt gar nicht, ob sie es wollen oder nicht.
Nicht minder überheblich und sich selbst als den großen, gönnerhaften digitalen Weltenerklärer darstellend, schließt Pavel Mayer mit folgenden Worten: „Twitter zu benutzen, macht noch keine moderne Politik. Wenn Sie es aber ernst meinen und Ihnen wirklich an mehr und digitalerer Demokratie gelegen ist, wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Sollten Sie dabei vielleicht feststellen, dass Sie in der falschen Partei sind, können wir über alles reden.“
Natürlich ist es richtig, dass Twitter zu benutzen, noch keine moderne Politik macht. Das hat auch nie einer ernsthaft behauptet. Es ist allenfalls ein Medium, um Menschen zu erreichen. Als solches soll es derjenige nutzen, der für sich darin einen Mehrwert erkennt. Und Mayer soll auch nicht dem Trugschluss aufsitzen, dass Peter Altmaier der einzige in der Union ist, der sich mit Netzpolitik ernsthaft befasst. Es gibt auch hier eine durchaus ernstzunehmende Gruppe, die sich mit modernen Methoden der politischen und gesellschaftlichen Partizipation auseinandersetzt. Nur wird deren Stimme eben nicht so wahrgenommen wie die Äußerungen der nahezu monothematischen Piratenpartei. Und wenn Mayer ernsthaft glaubt, die Berliner Piraten-Forderung nach „fahrscheinloser Nutzung des ÖPNV zum Nulltarif“ sei modern, so kann man sich nur beruhigt zurücklehnen. Solche Ideen hat es schon im 20. Jahrhundert gegeben. Und das ist nun schon ein paar Jahre Geschichte. Moderne Politik sieht anders aus als einem sozialistischen Ideal das Wort zu reden.
Die Piraten haben einige wichtige Debatten angestoßen und auch etwas frischen Wind in die Politik gebracht. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Sie sollten sich nur davor hüten, ihren (vermeintlichen) Wissensvorsprung in der Netzpolitik zum Maßstab aller Politik zu machen. Dass diese Gefahr durchaus besteht, hat Mayer mit seinen Äußerungen nur allzu deutlich gemacht.
Lobo und der „neue Terrorismus“ – eine andere Sichtweise ist notwendig
Sascha Lobo ist ein Internet-Experte. So verwundert es auch nicht, dass er die Auffassung vertritt, dass der moderne Terrorismus im Internet entsteht. In seiner jüngsten Spiegel-Online-Kolumne „Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz“ schildert er wortreich, wie sich der neue Terrorismus aus dem Internet quasi „ernährt“. Dort finden potentielle Attentäter das ideologische oder geistige Rüstzeug, um sich für ihren Kampf gegen Staat und Gesellschaft auszustatten.
Auf den ersten Blick mag diese Argumentation durchaus ihren Charme haben, erklärt sie doch vieles mit wenigen Worten. Doch ist diese Erklärung wirklich so einfach und zutreffend? Ich glaube nicht, denn sie lässt die Person des Attentäters, des Terroristen viel zu sehr im Hintergrund. Lobo schildert, wie der norwegische Attentäter Anders Breivik sich seine ideologischen Bausteine zusammensetzte: „Das 1500 Seiten starke Manifest von Breivik ist ein eklektisches Werk, zum Teil selbstgeschrieben, zum Teil zusammengestellt aus Quellen im Internet, neu montiert, ergänzt und weitergesponnen – bis es in allen Details den Bedürfnissen seines Anwenders entsprach. Breivik hat sein Manifest entwickelt wie eine modulare Software. Das Prinzip Open Source, allgegenwärtig im Internet, stand ebenso Pate wie die digitale Remix-Kultur. Breiviks Gedankengebäude besteht aus über einhundert Wikipedia-Verweisen, aus Presse- und Blogartikeln, Tagebucheinträgen und Definitionen bis zur Beschreibung des Fruchtwechsels bei der Zuckerrübenernte. Es handelt sich um ein Mash-up, nur dass statt einer Doktorarbeit oder eines Liedes eine Ideologie geremixt wurde. Samt Anleitung zu ihrer Umsetzung.“
Und hier liegt nach meiner Auffassung der Fehler in Lobos Argumentation. Zwar nutzte Beirvik für sein Manifest zahllose Internet-Quellen, um sich Material für seine Phantasien zu besorgen. Aber: Die eigentliche Zusammenstellung und Auswertung des Material passierte in Breivik selbst. Sein Hirn war es, das die Inhalte sortierte und zu einem Mash-up neu arrangierte. Gerade der Hinweis auf die selbstverfassten Passagen in seinem Manifest machen deutlich, dass Breivik durchaus über das, was er las und schrieb, nachdachte. Er war es, der sich letztlich sein krudes Weltbild zusammensetzte und den Schluss zog, durch einen terroristischen Akt auf sich und seine Mission aufmerksam machen zu müssen. Mag er auch durch manche Online-Lektüre zu seiner Tat indirekt ermuntert worden sein, so kann man kaum dem „Internet“ irgendeine Schuld oder Verantwortung zuschieben, wie Lobo dies implizit tut. Breivik hätte sich genauso aus anderen Quellen bedienen können. Extremistische Publikationen gibt es zuhauf auch in gedruckter Form und werden europaweit vertrieben.
Vor ein paar Jahren waren es die „Killer-Spiele“, die Jugendliche angeblich zu Attentätern werden ließen. Nun sollen es die frei zugänglichen Quellen im Internet gewesen sein, die das Hirn des Anders Breivik beeinflussten. Was war dann die Erfindung des Buchdrucks oder der modernen Zeitungen? Waren dies auch Quellen des Terrorismus? Natürlich, denn jeder Extremist nutzt das, was ihm zur Verfügung steht. Insofern war Breiviks Vorbereitung „modern“, aber eben nur auf den ersten Blick. Attentäter und Terroristen haben sich jedoch ihre ideologischen Grundlagen schon immer aus den schriftlichen Erzeugnissen anderer Autoren oder aus ihren eigenen Gedanken geholt. Vor diesem Hintergrund ist Breivik ist weder modern noch besonders innovativ. Er hat sich lediglich die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu Nutze gemacht. Ebenso wenig überzeugend ist Lobos Aussage (er stützt sich dabei auf einen Autor), dass Breivik „die spontane, individuelle Radikalisierung im Verborgenen mit Hilfe des Netzes“ erfahren habe. Von einer „spontanen Radikalisierung“ und 1.500 Seiten Material kann wohl kaum die Rede sein, wenn man bedenkt, dass er sich rund neun Jahre auf das Attentat vorbereitet hat. Das passt einfach nicht zusammen.
Und dass Breivik sich die literarischen Bruchstücke zusammengesucht hat, die er leicht durch seine Google-Suchen finden konnte, ist auch eine triviale Erkenntnis. Es war schon immer so, dass Menschen sich in der Literatur die passenden Belege für ihre Ideen und Meinungen suchten. Dies funktioniert so und hat auch schon in „analogen Zeiten“ stets funktioniert. Anders gewendet: Warum sollte sich Breivik mit Materialien beschäftigen, die nicht seinen Auffassungen – mögen sie noch so absurd sein – entsprochen haben? Ihm ging es nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Theorie, sondern um die Bestätigung seines Weltbildes. Und dass er diese Bestätigung heute vor allem im Internet findet, zeigt nur, dass sich die Form der Publikationen geändert hat. Aber für die Inhalte sind immer die Autoren, nicht jedoch die Medien (Buch oder Blog, Zeitschrift oder Wiki) verantwortlich. Ein Blick in die Geschichte zeigt zudem, dass sich der Terrorismus stets „moderner“, „neuer“ Methoden bediente, um seine Ziele zu erreichen.
Sascha Lobo redet mit seiner Sichtweise letztlich nur denjenigen das Wort, die im Internet das Grundübel unserer heutigen gesellschaftlichen Veränderungen sehen. Wer dies tut, unterminiert die demokratischen Errungenschaften, die das Netz mit sich gebracht hat. Es finden sich darin nämlich nicht nur Artikel und Beiträge extremistischen oder gewalttätigen Inhalts, wie mancher glauben mag, sondern es ist auch eine reichhaltige und inspirierende Quelle für Literatur, Unterhaltung und wissenschaftlichen Diskurs. Doch über die positiven Aspekte wird leider viel zu selten geschrieben. Diese ergeben halt keine so schönen Schlagzeilen, wie der „neue Terrorismus aus dem Netz“. Wir brauchen eine offene Gesellschaft, die mögliche Gefahren aus dem Netz erkennt und im gesellschaftlichen Diskurs sich dieser Gefahren stellt. Wir brauchen keine Verbote oder Verfolgungen, sondern Menschen, die denjenigen, die wirres oder extremistisches Zeug im Internet verbreiten, mutig und argumentativ entgegentreten, statt in Panik nach dem Staat zu rufen. Lobo liefert mit seiner Sichtweise aber nur den Befürwortern von starkem Staat und Netzkontrolle die Argumente, statt auf die Kräfte von Zivilgesellschaft und demokratischer Kontrolle zu vertrauen. Von einem Internet-Experten hätte ich hier eigentlich eine andere Meinung erwartet.
Mobilcom-Debitel oder wie man sich wirklich nicht mit Ruhm bekleckert
In den letzten Wochen musste ich wieder einmal erleben, welchen Stellenwert Kundenbetreuung in manchen Unternehmen einnimmt. Seit 1997, also schon seit recht langer Zeit, bin ich Mobilfunk-Kunde bei Debitel, heute Mobilcom-Debitel. Mein Handyvertrag läuft seit 1999 und hat mich also über einen langen Zeitraum stets und gut begleitet. Bisher war ich mit E-Plus sehr zufrieden und fühlte mich auch durch den Provider gut betreut. Aufgrund meines Arbeitsplatzwechsels vor knapp einem Jahr, bin ich nun aber in der misslichen Situation, mit E-Plus in Bad Berka leider keinen brauchbaren Empfang mehr zu haben.
Mit Lenin gefragt: „Was tun?“ – ist die Antwort doch recht einfach. Ein Netzwechsel muss her. Also war ich in einem Mobilcom-Debitel-Laden und habe mich nach der Möglichkeit eines Netzwechsels erkundigt. Antwort: „Geht nicht! Jedenfalls nicht während eines laufenden Vertrags. Sie müssen erst kündigen.“ Nun gut, also abwarten, bis das Vertragsende näher rückte. Den Vertrag habe ich fristgemäß gekündigt und gleichzeitig mitgeteilt, dass ich an einer Fortsetzung des Vertragsverhältnisses mit anderen Konditionen interessiert sei. Ich wollte zu D2 wechseln, meine Nummer behalten und ein neues Gerät erwerben. Eigentlich keine unerfüllbaren Wünsche. So dachte ich zumindest…
Servicewüste
Nun wenige Tage nachdem ich meine Kündigung losgeschickt hatte, rief mich auch ein freundlicher Mitarbeiter eines Erfurter Mobilcom-Debitel-Ladens an und wollte mir ein Angebot unterbreiten. Toll, dachte ich, das klappt ja wie gewünscht. Wir besprachen ein paar Optionen und er offerierte mir ein durchaus brauchbares Angebot. Unser Telefonat endete mit dem Versprechen, mir ganz schnell das gewünschte Angebot zuzuschicken und mich in einer Woche zur gleichen Uhrzeit zurückzurufen. Na, das funktioniert ja wirklich, dachte ich weiter und berichtete meiner Frau von dem erwünschten Angebot. Und dabei blieb es auch. Bis heute, fast vier Wochen nach dem Telefonat, warte ich noch immer auf das schriftliche Angebot und den Rückruf aus dem Mobilcom-Debitel-Shop. Da ich mir leider weder Namen noch Telefonnummer des Anrufes notiert hatte und auch nicht weiß, aus welchem Shop er anrief, war eine weitere Kontaktaufnahme unmöglich. Ich schaute mir das Schauspiel zwei Wochen an und wartete vergeblich auf irgendeine Info von Mobilcom-Debitel. Dann beschloss ich, die Sache einfach zu beenden.
Es geht auch anders
Ich ging einfach in den nächsten Laden meines bevorzugten Providers und erklärte dem freundlichen Verkäufer mein Anliegen. Dieser kümmert sich sehr fürsorglich um meine Wünsche und unternahm auch keinen Versuch, mir irgendwelche Tarifoptionen aufzuschwätzen, die ich nicht brauche. Stattdessen suchte er mir ein günstiges, passendes Angebot heraus, das ich haben wollte und stellte mir verschiedene Handys zur Auswahl. Letztlich habe ich damit genau den Vertrag mit den Leistungen, die ich brauche und das Gerät war auch noch rund 100 € günstiger. Und zufrieden bin ich damit auch.
Mobilcom-Debitel im Nachgang
Nachdem ich das Thema Mobilcom-Debitel für mich abgehakt hatte, erreichte mich vor wenigen Tagen noch ein Anruf des Unternehmens. Ein hektischer Callcenter-Mitarbeiter informierte mich darüber, dass mein Vertrag nun zur Verlängerung anstände und ich ein neues Gerät haben könne. Von meiner bereits erfolgten und bestätigten Kündigung wusste er offenbar nichts und auf meinen Hinweis, dass ich gekündigt hätte, wandte er nur ein, dass ich doch ein günstiges Gerät und eine Gutschrift erhalten könne. Erst auf meinen nochmaligen Hinweis der Kündigung begriff er, was los war, sagte schnell „danke“ und verabschiedete sich mit einem kurzen „Guten Tag“. Das war wohl der letzte Kontakt, den ich mit Mobilcom-Debitel hatte. An einem weiteren Kundenverhältnis besteht meinerseits kein Interesse mehr.
Fazit
Wer es als Mobilfunkanbieter in der heutigen Zeit nicht versteht, mit seinen Kunden vernünftig umzugehen, der sollte bald vom Markt verschwinden. Gerade dann, wenn die Kunden dem Unternehmen über viele Jahre verbunden waren und an einer Fortsetzung durchaus interessiert sind. Vielleicht war es einfach vermessen zu glauben, dass in der Servicewüste Besserung eingetreten sei…
Verwirrte Grüne?
Zwei Ereignisse haben mich in dieser Woche doch erheblich an den „Grünen“ zweifeln lassen. Es waren jeweils die Reaktionen der Verantwortlichen, die bei mir nur noch Kopfschütteln hervorgerufen haben. Doch der Reihe nach:
Da ist zum einen der Vorfall des bisherigen Berliner Landesgeschäftsführers der Grünen André Stephan, der nachts betrunken durch die Hauptstadt fuhr, seine Nachtruhe vor einer roten Ampel suchte und sich anschließend gegen die polizeiliche Blutentnahme wehrte. Dies ist ein Vorgang, der sicherlich nicht unerheblich ist und auch Auswirkungen auf die Parteiarbeit haben wird. Sehr schnell die hat Ober-Grüne Renate Künast die Entscheidung getroffen und sich von ihrem Wahlkampfmanager Stephan getrennt.
Das ist insoweit nachvollziehbar, als Frau Künast gerade diese Publicity nicht gebrauchen kann. Und dennoch: Zwei Dinge stören mich erheblich an dieser Geschichte. So war André Stephan sicherlich nicht alleine auf der Party im Roten Rathaus und hat dort Alkohol getrunken. Wenn er so „voll“ war, dass er nicht mehr fahrtauglich war, warum hat ihn dann keiner seiner grünen Freunde aufgehalten? Warum haben sie ihm nicht den Schlüssel abgenommen und ihn in ein Taxi gesetzt?
Oder wollte man den Mitarbeiter etwa auf etwas unsanfte Art loswerden? Und warum hat die Berliner Grünen-Spitze ihn sofort und unverzüglich vor die Tür gesetzt, ohne ihm die Chance zur Anhörung zu geben? Die Alkoholfahrt war sicherlich kein Kavaliersdelikt, im Gegenteil. Aber man hätte wenigstens mit dem Mitarbeiter reden können, um die Hintergründe des Vorfalls aufzuklären. So ist der Mann nun seinen Job los und die Chancen auf einen beruflichen Neubeginn sind dank der Verbreitung in den Medien erst einmal dahin. Von innerparteilicher Solidarität und Schutz der Person ist hier nicht zu erkennen.
Schon am nächsten Tag präsentierte Künast einen Nachfolger als Wahlkampfmanager. Ein Lump, wer böses dabei denkt…
Ähnlich skurril stellt sich indes auch die „Hanf-Geschichte“ der Thüringen Grünen dar. Vor wenigen Tagen wurden in der Geraer Kreisgeschäftsstelle der Abgeordneten Astrid Rothe-Beinlich in den Blumenkästen zwischen den Sonnenblumen auch Hanfpflanzen entdeckt. So ganz zufällig hatten sich diese Gewächse unter die großen Gelben gemischt und wuchsen vor sich hin. Von den dort tätigen Mitarbeitern will natürlich keiner etwas gewusst oder bemerkt haben. Warum auch? Es soll ja schließlich nur Industriehanf gewesen sein. Wahrscheinlich dachte man, da könnte man sich ein paar Klamotten anfertigen.
Ob Naturbesamung oder Handzucht, darüber mag man nun trefflich spekulieren. Interessanter fand ich jedoch, dass Rothe-Beinlich, wie im Radio gemeldet, rund sechs Wochen nicht in der Kreisgeschäftsstelle und in dem angeschlossenen Wahlkreisbüro gewesen sein soll. Da habe sie auch den Hanf nicht entdeckt.
Aha, sie war soll sechs Wochen nicht in ihrem Wahlkreisbüro. So sieht also Grüne Bürgernähe aus. Für eine Partei, die immer Bürgerbeteiligung fordert und sich ihrer Bürgernähe rühmt, ist dies ein ziemlich schlechtes Zeichen, denn Sprechstunden konnte die Abgeordnete in der Zeit wohl kaum dort abgehalten haben. Von einer Grünen-Politikerin und Vize-Landtagspräsidentin hätte man wohl mehr erwartet. Aber offenbar ist das Engagement nicht so sehr auf den Wahlkreis gerichtet. Aber Rothe-Beinlich wird dafür bestimmt eine Erklärung, wenn sie schon von der Hanfzucht nichts weiß.
Thema verfehlt, Herr Harpprecht!
Das nervige Gezerre um die plagiierte Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg spült neben abgeschriebenen Seiten auch manch seltsame Ansicht von Außenstehenden an die Oberfläche. Ein gutes Beispiel liefert in dieser Woche der bekannte Journalist Klaus Harpprecht. In seinem Beitrag „Karl-Theodor zu Guttenberg – ein deutsches Suchtopfer“, nachzulesen in der Online-Ausgabe des „Cicero“. Mit geradezu wissenschaftsfeindlicher Attitüde nimmt er all diejenigen aufs Korn, die sich der Mühe unterziehen oder unterzogen haben, eine Dissertation anzufertigen und ein Promotionsverfahren zu durchlaufen.
Für Harpprecht ist klar: Wer eine Promotion anstrebt, tut dies nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern allein aus Titelsucht. Als Begründung für diese absurde Theorie muss natürlich die deutsche Vergangenheit – was auch sonst – herhalten, um darzulegen, dass das Erlangen eines Doktortitels nur darauf abziele, sich mit diesem Titel in der Öffentlichkeit ansprechen zu lassen. Quasi eine Sucht nach dem Titel. Der Autor macht es sich einfach: Vom „Herr Rittmeister“ zu „Herr Doktor“ sei es nur ein kurzer Weg. Auch klar ist für ihn, dass es vom Doktortitel nur ein kleiner Schritt zu einem Titel der NS-Bürokratie gewesen sei. Das mag sicherlich in manchen Fällen zutreffend gewesen sein, aber ein solches Verhalten auf die heutige Zeit zu projizieren, ist schlichtweg völlig daneben.
Auch heutige Doktoranden werden von Harpprecht maßgenommen: „Die universitäre Garde pocht darauf, dass die Doktorarbeit die beste Einübung in die systematische Erschließung eines überschaubaren Feldes sei. Das mag zutreffen. Aber lohnt es sich, dafür zwei bis drei Jahre seines Lebens zu verschwenden? Öffnen die Arbeiten den Zugang zu unerforschten Bereichen? Vielleicht. Im Glücksfall dienen sie als Baumaterialien für die nächsten Dissertationen, die fürs geistige Fortkommen genauso unwichtig sind.“ Kein Wort darüber, was Doktoranden dazu bringt, eine Dissertation anzufangen. Wissenschaftliches Interesse, beruflicher Einstieg, die Neugierde an einem bisher unbeackerten Feld der Forschung – dies alles zählt für Harpprecht offenbar nicht. Wer will bewerten, ob eine Arbeit fürs „geistige Fortkommen“ wichtig ist? Harpprecht? Sicherlich nicht. Der sitzt auf seinem hohen Ross, nennt sich Journalist und Publizist (das sind offenbar keine Titel), und sieht die Wissenschaft als gänzlich unnütz an.
Nicht minder abstrus hierfür seine Begründung: Gute Journalisten sind offenbar nur diejenigen, die kein Studium absolviert haben, denn „die exakte Recherche übt man sich nicht in der Universitätsbibliothek“. Dies ist richtig, aber das sind auch zwei Paar Schuhe. Und dass Absolventen der Germanistik einen anderen Schreibstil haben als Journalisten, ist auch nachvollziehbar. Schließlich sollen sie an den Universitäten lernen, sich wissenschaftlich auszudrücken, und nicht für „Bild“, „FAZ“ oder „Zeit“. Was sie lernen sollen, ist korrektes wissenschaftliches Arbeiten, sich mit einem bestimmten Thema auseinander zu setzen und dies in einem überschaubaren Rahmen darzustellen. Nichts anderes, wenn auch in größerem Umfang, macht ein Doktorand, der sich einem größeren Thema beschäftigt und dort auch Lebenszeit investiert. Dies als „verschwenden“ zu bezeichnen, ist geradezu diffamierend.
Was bleibt von Harpprechts Aussage? Dass das Schreiben einer solchen Arbeit irgend letztlich unsinnig und Verschwendung ist. Eine tiefe Ernüchterung muss sich unter all den Menschen breit machen, die sich in der Vergangenheit der Herausforderung Promotion gestellt haben. Sind alle derzeitigen Doktoranden gar Versager, weil sie ihre Zeit „verschwenden“? Dies ist der bittere Nachgeschmack, der von Harpprechts dünner Begründung zurückbleibt. Was ist mit all denjenigen, die nach der Promotion in der Wissenschaft verbleiben, Grundlagenforschung z. B. in der Medizin oder anderen Naturwissenschaft betreiben? Bleibt man bei Harpprechts „verschwenderischer“ Argumentation, so wären wir wahrscheinlich noch heute mit Faustkeil und Steinschleuder auf der Jagd nach Wild.
Warum empören sich gerade in diesen Tagen junge Nachwuchswissenschaftler über Guttenberg? Doch nicht, weil sie irgendwie enttäuscht sind, sondern weil sie die Reputation der Wissenschaften gefährdet sehen, wen Arbeiten durch Plagiate entstehen. Sind diejenigen auch alle „Verschwender“, wenn sie ihre wissenschaftliche Arbeit entwertet sehen? Im Gegenteil, das sind diejenigen, die sich für ihr berufliches Fortkommen auf ihre Arbeit stützen und sich eben nicht einer solch unbegründeten Diffamierung ausgesetzt sehen wollen.
Wissenschaft und Forschung leben von dem Wissensdrang und der Neugierde desjenigen, der sich neuen Themen öffnet und sie untersuchen will. Harpprecht bleibt dagegen in der seiner Nachkriegszeitdenke stehen und hat offenbar keinen Blick mehr für die Zukunft. Schade, Herr Harpprecht, aber dieses Thema haben Sie schlicht verfehlt! Und bitte bedenken Sie: Es waren „Ihre“ Sozialdemokraten, die in den 1960er Jahren die Hochschulen für eine große Zahl an neuen Studenten geöffnet haben. Sie wollten den „Arbeiterkindern“ den Zugang zur weitergehenden Bildung erleichtern. Dass dies zwangsläufig zu mehr „Doktoren“ führen würde, dürfte auch demjenigen klar gewesen sein, der eben keine Hochschule besucht hatte. Spricht da etwa Neid aus Ihren Worten? Es drängt sich fast dieser Verdacht auf. Nichts für ungut: Lassen Sie den heutigen Studierenden, Doktoranden und sonstigen Wissenschaftlern ihre akademische Freiheit und ihren Wissensdrang, und glauben Sie nicht, dass dies nur „verschwenden“. Es kann nämlich auch einfach Spaß machen, sich mit einem Thema auseinander zu setzen. Und dieses sinnliche Vergnügen sollten Sie niemandem absprechen.
Unterwegs mit der Deutschen Bahn, Teil 2
Nach einigen Monaten der Enthaltsamkeit habe ich mich vor ein paar Tagen wieder einmal dem Abenteuer Deutsche Bahn ausgesetzt. Manch einer mag ja behaupten, das sei eine größere Herausforderung als das „Dschungel Camp“ im TV. Aber ehrlichweise muss ich der Bahn zugestehen, dass die Reise frei von Komplikationen verlief und die Züge nahezu pünktlich eintrafen. Was will man mehr.
Im vergangenen Jahr hatte ich mehrfach Gelegenheit, das Angebot der Deutschen Bahn ausgiebig zu testen. So war ich doch recht gespannt, welchem Menschenschlag ich diesmal begegnen würde. Und ich muss sagen, die Mitreisenden haben mich nicht enttäuscht. Aufgebrochen waren Frau, Kinder und ich zu dem Tagesausflug nach Frankfurt am Main. Ziel war die große Courbet-Ausstellung in der Schirnkunsthalle. Eine Ausstellung, die sich wirklich zu besuchen lohnt, selbst wenn einen die Kinder schnell von Bild zu Bild zerren.
Doch zurück zur Bahnfahrt. Nahezu pünktlich – kein Wunder, es war ja ein Sonntag – bestiegen wir am Erfurter Hauptbahnhof den ICE, der uns direkt in die hessische Metropole bringen sollte. Wir hatten einen Vierersitzplatz mit Tisch reserviert, um den Kindern genügend Fläche zum Ausbreiten zu bieten. Unsere Plätze hatten wir noch nicht richtig eingenommen, da traf mich schon wie ein Stich in die Seite der Blick einer Mitreisenden. Ihr Blick sagte mir alles: „Ohje, da sitzen ja nun Kinder. Die werden bestimmt viel Krach machen und die Eltern werden nichts unternehmen!“
Sofort erhob sich das väterliche schlechte Gewissen in mir und ich signalisierte den Kindern, dass sie sich doch bitte benehmen sollten. Wenigstens zeitweise… Sie hatten ja durchaus versprochen, den Zug nicht zu demontieren. Insofern war ich recht zuversichtlich. Doch egal was, was die Kinder sagten oder taten. Nicht nur die eine übergewichtige Mitreisende, auch die zweite dicke sächsische Pauschaltouristin auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen bedachte mich fast tödlichen Blicken. Ich konnte nicht anders und raunte meiner Frau zu, dass die Dicke am Fenster offensichtlich den bösen Blick drauf habe. Gelächter zu meiner Rechten und wieder das ungute Gefühl, ein spitzes Messer an den Rippen zu spüren. Der mitreisende Ehegatte der Sächsin war offenbar recht schwerhörig und störte sich daher weniger am fröhlichen Geplapper der Kinder. Nach ein paar Minuten des grimmigen Dreinschauens begannen die Drei, eine Runde Uno zu spielen und konnte sich so ein wenig abreagieren. Zocken kann also doch etwas Positives hervorrufen. Es gelang, uns die gut zweistündige Fahrt nach FFM ohne Zwischenfälle zu überstehen und keine Diskussion über Grundsatzfragen der Kindererziehung im 21. Jahrhundert führen zu müssen.
Auf der Rückfahrt ein leicht verändertes Bild. Wieder reservierte Plätze am Tisch, doch diesmal ist der Zug deutlich voller. Neben den letzten Bundeswehrreservisten auf dem Weg zu ihren Kasernen noch ein paar versprengte Berufsreisende, die bereits am Sonntagabend ihr Ziel im Osten der Republik erreichen wollen. Der Zug hat Frankfurt noch nicht verlassen, da bahnt sich schon der erste Konflikt an. Nein, wir sind nicht involviert. Eine Frau hat sich mit einem überdimensionalen Rucksack in einer Sitzreihe ausgebreitet und wühlt hektisch in irgendwelchen Papieren. Ein anderer Fahrgast kommt hinzu und erklärt, dass er ihren Sitzplatz reserviert habe. Die Frau mault, dass oben keine Reservierungsanzeige an sei und sie nun hier sitze. Erst nach einer kurzen Diskussion und dem Vorzeigen der Reservierung verlässt sie den Platz und stapft schnaubend davon. Sie rennt fast durch den Zug, um einen anderen Sitz zu finden, obwohl noch genügend Plätze frei sind. Nach einem kurzen Rennintermezzo landet sie schließlich in der Viererreihe neben uns und schmeißt auch dort ihre Sache auf den freien Platz. Und nun beginnt erneut das Spiel vom Vormittag: wieder die bösen Blicke auf Eltern und Kindern. Die Beiden sitzen in ihrer Reihe und malen und spielen und bieten kaum Anlass für Gemecker. Aber offenbar können wir es dieser Frau an diesem Abend nicht recht machen, denn sie beäugt uns immer wieder und wendet sich schnaubend ab, wenn die Kinder einmal ihre Stimme erheben.
Doch es geht auch anders. In der gleichen Reihe sitzt auch eine Frau, die den Anschein erweckt, sie sei eine verspätete Anhängerin von Timothy Leary und seinen Selbstversuchen. In weißes Leinen gewandet, mit einem roten Schal um den Bauch, lächelt sie die Kinder an und ich denke bei mir, sie sieht aus wie auf Drogen. Als wir später den Laptop einschalten, um die inzwischen recht müden Kinder mit Michel aus Lönneberga zu unterhalten, grinst sie mich selig an und lässt ihrer Begeisterung für Michel freien Lauf. Die Frau gegenüber quittiert die leisen Geräusche aus dem Laptop mit erneut tödlichen Blicken in meine Richtung. Als ich dann auch noch einen kurzen Blick auf den Haufen Papier werfe, den so vor sich ausgebreitet hat, rafft sie ihr Zeug zusammen und stopft ihre Unterlagen wieder in den Rucksack. Nur ihre Buchlektüre bleibt liefen „Älterwerden als Problem“… Der Titel reicht mir, um mein Urteil zu bestätigen. Dabei ist die Frau maximal Ende dreißig. Aber ihre Toleranz gegenüber anderen Menschen doch eher begrenzt.
Und so endet die Fahrt am Abend wieder in Erfurt und ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher. Fest steht: wer mit Kindern Bahn fährt, kann kaum mit dem Wohlwollen seiner Mitreisenden rechnen. Deutschland ist noch immer kein Kinderland. Und dennoch: Bahn fahren erlaubt einem wieder kleine Einblicke das zwischenmenschliche Miteinander und erweitert den Blick auf die Menschen, die leben. Spannend und erhellend ist so eine Bahnfahrt allemal. In diesem Sinne: auf ein Neues!