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Archive for Juni 2010

Unterwegs mit der Deutschen Bahn…

Seit nunmehr fast einem Jahr bin ich fast jede Woche auf der Strecke zwischen Erfurt und Berlin unterwegs. Montags morgens nach Berlin, um dort zu arbeiten. Und am Freitag Nachmittag geht es wieder zurück in die thüringische  Metropole. Natürliche unternehme ich diese Reisen nicht allein, sondern befinde ich mich immer in Begleitung einer großen Zahl von Menschen, die das gleiche Ziel haben.

Viele Menschen pendeln allwöchentlich mit dem Zug nach Leipzig oder Berlin, um dort ihr Brot zu verdienen. So liegt es in der Natur der Sache, dass man sehr häufig den gleichen Leuten begegnet. Eine an sich banale Erkenntnis, die einem aber auch ein gutes Gefühl verleiht. Man ist eben nicht der einzige Dumme, der von seiner Familie getrennt ist und in einer anderen Stadt arbeiten muss. Aus manch zufälliger Begegnung hat sich inzwischen ein guter Kontakt entwickelt oder die Fahrzeit verflog im Nu‘ durch angeregte Gespräche mit dem Sitznachbar.

Da ist die Sachbearbeiterin eines Verbandes aus Berlin, die sich auch montags auf den Weg macht und von ihrer Arbeit in Berlin berichtet. Ich sitze neben dem Feuerwehrmann aus dem Thüringer Wald, der junge Kollegen in der Hauptstadt ausbildet und von seinen zahlreichen Problemen mit den verschiedenen Ämtern vor Ort berichtet. Mancher ist kommunikativ und sucht das Gespräch, mancher vergräbt sich in Buch oder Zeitung, während andere angestrengt in den Laptop hacken. Wieder andere fröhliche Mitmenschen werden vom Schlaf übermannt und lassen ihre Mitreisenden akustisch an ihrem  akuten Ruhebedürfnis teilhaben.

Im Zug sitzen natürlich auch zahlreiche Geschäftsleute in Anzügen oder feinen Kostümen, die sich die Zeit zumeist mit lautstarken Telefonaten vertreiben und ihrer Umgebung die Wichtigkeit ihrer eigenen Existenz kundtun. Da fragt man sich schon, warum man nicht den Platz in der „Ruhezone“ gebucht hat, die die Verbindung zur Außenwelt per Handy doch erheblich einschränkt. Nun gut, zweieinhalb Stunden gehen ja auch vorbei. Immer wieder steigt in Leipzig eine junge blonde Frau in den gleichen ICE-Waggon ein, der wohl nie ein Lächeln abzuringen ist. Ihre tief heruntergezogenen Mundwinkel machen einer Angela Merkel alle Ehre. Aber auch solche Menschen sind eben mit der Deutschen Bahn unterwegs. Es bleibt bei der alten Erkenntnis: „Man trifft sich immer zweimal im Leben!“ – Gerade dann, wenn man immer den gleichen Zug nimmt.

Indes: Die Rückfahrt von Berlin Richtung Erfurt gestaltet sich zumeist doch etwas anders. Vor allem der Faktor Mensch ist ein anderer. Da schiebt sich schon in der Hauptstadt ein Haufen junger Bundeswehrrekruten, bewaffnet mit Seesack, Bier und Laptop durch die noch nicht ganz geöffnete Tür, um die Plätze mit Tisch und Stromanschluss zu ergattern. Schließlich will die Fahrstrecke bis Leipzig, Naumburg oder Erfurt doch mit den heruntergeladenen neuesten Kinofilmen in Verbindung mit irgendwelchen obskuren Biermischgetränken überbrückt werden. Anders ist das wohl kaum zu schaffen…

Gefolgt von den üblichen Anzug- und Kostümträgern, die ebenen so die Heimreise antreten. Wie schon auf de montäglichen Hinfahrt sind auch diese Fahrgäste stets bemüht, ihre Geschäftigkeit niemals abreißen zu lassen und zeigen der Welt erneut ihre Bedeutung. Auch hier heißt es: Laptop raus, Handy auf den Tisch. Am besten ein iPhone oder ein Blackberry, denn anhand des jeweiligen Mobiltelefons muss man ja seine Gruppenzugehörigkeit darlegen. Der eher kultur- und medienorientierte Jungmanager spielt sogleich mit den neuesten Apps seines Apple-Produkts herum, während die gesetzte Businesslady ihre zahlreichen Termine und sonstigen unabwendbaren Ereignisse der Planungshoheit ihres mobilen Endgerätes sonstiger Provenienz überlässt. Hauptsache, man hat so ein Gerät und demonstriert der Umgebung den eigenen Status.

Zu dieser illustren Runde gesellt sich noch manch durchaus „normaler“ Bahnreisender wie die Familie, die die Oma in München besuchen möchte und deren Kinder mit ihrem fröhlichen Geplapper den ganzen Wagen unterhalten. Gerade solche Mitreisende sind für mich immer eine echt willkommene Abwechselung, denn gerade dann zeigt sich, wer Humor. hat. Man genießt das breite Grinsen und Feixen der Anderen, wenn etwa die dreijährige Pauline den wohlgenährten und schwitzenden Geschäftsmann fragt, warum er denn so einen dicken Bauch habe. Allein die entgeisterten Gesichter des „Opfers“ und der gestressten Eltern wiegen den Fahrpreis auf. Sämtliche Erklärungs- und Rettungsversuche, üblicherweise von der Mutter, übernommen, enden zumeist in noch komischeren Szenen und Peinlichkeiten.

Eine durchaus andere Klientel von Mitreisenden trifft man jedoch, wenn man abseits der üblichen Pendlerzeiten mit dem normalen IC unterwegs ist. Das kommt bei mir nicht allzu oft vor, weswegen gerade dann die Unterschiede umso mehr ins Auge stechen. Während der ICE vor allem von pendelnden Berufstätigen genutzt wird, sitzt im IC eine bunte Mischung der verschiedensten Menschen. Auch hier die Bundeswehrrekruten auf dem Nach-Hause-Weg, ausgestattet mit dem üblichen Equipment. Aber es gesellt sich hinzu die junge Studentin aus einem thüringischen Nest, die in Berlin fürs Leben lernt und mich nach kurzen Kennenlernen und Austausch von ein paar höflichen Phrasen fragt, ob ich denn heute noch einmal das gleiche studieren würde. Sie habe gerade eine Sinnkrise, denn sie sei ja schon im zweiten Semester. Mich freut, dass diese Krise schon so früh im Studium auftaucht. Während meines Studiums traf ich manch einen, den dieses Schicksal nach geschätzten 20 Semestern ereilte. Mit gutem Zureden versuche ich der jungen Damen den Schrecken vor dem Studium zu nehmen und wünsche mir insgeheim, dass sie mich nicht verflucht und mir irgendeine Pest an den Hals wünscht, falls es schief geht.

Dann doch lieber die Rentner mit an Bord. Die sitzen die gesamte Zeit mit dem Fahrschein und den Zuginformationen der Bahn in der Hand auf ihrem Platz, legen weder Hut noch Mantel ab. Stattdessen versichern sie sich im Minutentakt, dass sie den richtigen Zug genommen haben und das Fahrzeug auch noch planmäßig unterwegs ist. Bereits leichte Abweichungen jagen diesen Menschen tiefe Sorgenfalten in die noch vom letzten Urlaub gebräunte Stirn. Schließlich hat man als Rentner auf dem Weg zum Chiemsee doch keine Zeit, um ein paar Minuten der Verspätung in Kauf zu nehmen. Fragen an die Mitreisenden oder das Zugpersonal erfreuen sich größter Beliebtheit, sind sie doch ein probates Mittel, dem Gespräch mit dem Ehepartner, den man ja nun schon seit fast Jahren an der Seite zu entgehen. Selbst wenn auch die anderen Fahrgäste nicht beurteilen können, ob eine Stunde Aufenthalt ausreicht, um in Naumburg einen Zug erreichen, der vom selben Bahnsteig aus abfährt. Auch hier versichere den Leuten gerne, dass sie den Zug auf jeden Fall erreichen, selbst wenn ich Naumburg nur von der Durchfahrt kenne und auch keine Glaskugel bei mir führe, um zu sehen, ob unser Fahrzeug pünktlich dort eintreffen wird. Diskussionen über mögliche Verspätungen aufgrund von Baumaßnahmen sollte man auf jeden Fall verweiden, um Kurzschlussreaktionen der Senioren zu verhindern.

So eilt der IC dahin, mitten durch das mitteldeutsche Chemierevier, vorbei an solch illustren Stätten wie HölleHalle an der Saale, Bitterfeld oder Großkorbetha, wo man die industrielle Vergangenheit noch genau erkennen kann. Auch wenn es heute nicht so riecht wie noch einigen Jahren. Doch dafür haben unsere Rentner auf jeden Fall einen Blick. Spätestens bei Bitterfeld erschallt der Ruf durch den Zug: „Schau mal, die alten Leuna-Fabriken! Naja, ist ja nicht mehr so viel übrig wie damals. Das meiste haben die aus dem Westen ja abgerissen.“ Spätestens an der Stelle weiß man, dass die „Mauer“ doch an manchen Ecken noch zumindest stückweise stehen geblieben ist. So geht die Reise weiter, egal wohin. Ob Erfurt oder Chiemsee. Nur kurz unterbrochen durch die blondierte Bahnmitarbeiterin, die sich mit ihren spitzen und aufwändig-farbig manikürten Nägeln mein Ticket angelt. Bald erschallt der Ruf „Willkommen in Erfurt Hauptbahnhof“ und wird ergänzt durch den kräftigen Geruch frisch gebratenen Hähnchen, die einem die Wartezeit auf die Straßenbahn doch zur Qual werden lassen können. Willkommen daheim!

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Netzneutralität – was ist das eigentlich? Versuch einer Definition

Netzneutralität bedeutet, dass jeder IP-basierte Datenverkehr ohne Eingriffe im positiven oder negativen Sinne möglich ist. Daraus folgt, dass alle Daten im Internet ohne Eingriffe der ISPs transportiert werden müssen. Es ist dabei gleich, welcher Server, Nutzer oder welche Anwendung die jeweiligen Daten generiert hat.

Die Einschränkung oder gar der Ausschluss bestimmter Daten oder Anwendungen durch den ISP ist nicht zulässig, da dies bereits einen Eingriff in die Meinungsfreiheit darstellen kann und somit eine Verletzung der Netzneutralität bedeutet. Es ist dabei von einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller transportierten Daten auszugehen. Dies heißt auch, dass die Anbieter von Anwendungen und die Nutzer frei in der Wahl ihrer Hard- und Software sein müssen und sie keinem Zwang zur Nutzung einer bestimmten technischen Plattform unterworfen werden.

Der ISP darf im Rahmen der quality of service durch sein Netzwerkmanagement in den Transport der Daten eingreifen, wenn er folgende Bedingungen erfüllt:

  • Der ISP ist verpflichtet, sämtliche Eingriffe durch das Netzwerkmanagement zu dokumentieren und der zuständigen Regulierungsbehörde zu melden, soweit es sich um dauerhafte Änderungen handelt und nicht um technische Eingriffe, um die Stabilität und Integrität des Systems im Schadensfall zu sichern;
  • Sämtliche Eingriffe müssen für den Kunden transparent und offen sein, damit dieser erkennen kann, ob durch das Netzwerkmanagement eine dauerhafte Priorisierung oder Diffamierung bestimmter Daten vorliegt;
  • Eine dauerhafte Überwachung des Datenverkehrs im Sinne einer Deep Packet Inspection ist nicht zulässig. Die Kontrolle der transportierten Datenpakete darf allein der Sicherung der Qualität der Netze und nicht des Inhalts dienen;
  • Der ISP muss die dem Kunden vertraglich zugesicherte Übertragungsbandbreite technisch dauerhaft gewährleisten und darf die Bandbreiten nicht zu Ungunsten der Nutzer aufteilen.

Eine Priorisierung bestimmter Daten wie etwa IPTV oder VoIP ist nur dann zulässig, wenn sie dazu dient, die dauerhafte Nutzbarkeit dieser datenintensiven Dienste zu gewährleisten und eine gute Qualität des Angebots zu sichern. Solche Priorisierungen sind grundsätzlich allen Kunden offenzulegen und dem Regulierer anzuzeigen. Jedoch darf die Priorisierung bestimmter Datendienste nicht dazu führen, dass andere Anwendungen oder Daten durch den ISP gebremst werden. Auch darf die Priorisierung nicht zu einer Diffamierung von Konkurrenzdienstleistungen führen, indem diese nicht mehr transportiert oder künstlich verlangsamt werden.

Fazit: Die ISP sind insgesamt aufgefordert, einen ungehinderten und freien Transport IP-basierter Daten zu gewährleisten und insbesondere von Diffamierungen oder Blockaden bestimmter Daten oder Anwendungen abzusehen. Bei Verstößen gegen die Netzneutralität muss der Regulierer rechtliche Möglichkeiten haben, gegen den ISP vorzugehen. Daten neu entwickelter Anwendungen oder Anbieter müssen ebenso netzneutral transportiert und dürfen nicht gesperrt werden. Nur so ist die freie und ungehinderte Weiterentwicklung des Internet und seiner Anwendungen gewährleistet.

Netzneutralität – oder die Frage, ob der Sozialismus zurückkehrt…

Als gelernter Historiker habe ich stets die Auffassung vertreten, Geschichte wiederholt sich nicht. Manchmal mag man denken, schade eigentlich. Häufig kann man nur froh darüber sein. Nun scheint es wieder so eine Situation zu geben, bei der man das Gefühl, Geschichte zeigt doch gewisse Ähnlichkeiten.

Denn da ist es wieder: das sozialistische oder gar kommunistische Gespenst, das durch Europa schleicht und für Unruhe bei vielen Menschen sorgt. Nun ruft dieses Gespenst nicht gleich die Revolution aus, aber es berührt die Herzen des einen oder anderen. Es ist quasi das „Gespenst 2.0“. Nun, welches ist es denn? 

Es ist das Gespenst der digitalen „Netzneutralität“, das umhergeht und bei Netzaktivisten, Politikern und Netzbetreibern für aufgeregte Diskussionen sorgt. Die ganz überwiegende Mehrheit der Bevölkerung reibt sich verwundert die Augen und fragt sich, worüber diskutieren die denn nun schon wieder. Mancher wird sogleich wikipedia anwerfen, um nachzusehen, was eigentlich hinter diesem schillernden Begriff steckt. Die meisten werden sich abwenden und die Diskussion darüber den vermeintlichen Experten überlassen. Das ist nachvollziehbar, aber leider eine verkehrte Sichtweise, denn letztlich geht die Netzneutralität nun fast alle Menschen an. Nur derjenige, der nie das Internet nutzt, kann sich beruhigt zurücklehnen und sich sagen, dass er davon nicht betroffen sei. Und dennoch, dies ist falsch, denn wir haben es mit einem Faktum zu tun, das auch grundlegend für unseren Staat, unsere Demokratie ist, wenn es um die Meinungsfreiheit geht.

Aber kommen wir zurück zu unserem Gespenst 2.0. Um die Netzneutralität wird nun schon seit geraumer Zeit gerungen und ein jeder versteht darunter etwas anderes. Dies hat erst die jüngste Sitzung der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ gezeigt, die sich explizit mit der Netzneutralität und ihrer Wahrung befasste. Gemein ist jedoch allen, dass sie sich dafür aussprechen, dass die Datenpakete ungehinderte durchs Netz sausen können sollen, ohne dass ihnen der Netzprovider auf die Finger schaut. Das ist schon einmal eine gute, vernünftige Grundlage für die weitere Diskussion dieser Frage.

Spannend wird es allerdings bei den Überlegungen, wie die Netzneutralität zu gewährleisten oder gar erst durchzusetzen sei. Und an dieser Stelle betritt unser Gespenst die Szene und versucht die liberalen oder christdemokratischen Geister zu verdrängen. Während diese, namentlich etwa Sebastian Bumenthal, Manuel Höferlin oder Peter Tauber, noch zusammen mit den Kräften des Marktes kämpfen, um dem Gespenst Einhalt zu gebieten, so rufen andere nach staatlicher Regulierung. Für sie bedeutet Netzneutralität quasi „Sozialismus 2.0“ Das heißt alle Datenpakete sind gleichwertig und werden, ohne nach ihrer Herkunft oder Inhalt zu fragen, gleichberechtigt durchs Netz transportiert. Es ist dabei völlig gleich, welcher Content-Anbieter oder welche Applikation sie auf die Reise schickt. Um nicht falsch verstanden zu werden: ich halte die Gleichwertigkeit der Pakete für gut und richtig.

Um die Netzneutralität auch wirklich durchzusetzen, fordern nun Blogger und Netzaktivisten wie Markus Beckedahl oder Constanze Kurz staatliche Eingriffe und regulatorische Maßnahmen, um die Netzneutralität zu gewährleisten. Dies ist umso erstaunlicher, als sich damit Menschen für gesetzliche Maßnahmen entschieden aussprechen, deren politische Herkunft aus einem eher linken Umfeld sonst nicht eben für eine besondere Staatsnähe spricht. Auch die linke Abgeordnete Halina Wawzyniak schloss sich dieser Meinung an und forderte im Rückgriff auf Constanze Kurz, dass alle Dienste diskriminierungsfrei und gleichberechtigt für alle Nutzer zugänglich sein sollten und dass die ISP quasi als öffentliche „Versorger“ wie Wasserwerke oder Stromanbieter zu agieren hätten. Auch dies eine durchaus sozialistische Vorstellung, in der, wieder einmal, allein „Vater Staat“ glücklich machen kann und für die immer eingeforderte Gerechtigkeit sorgen soll.

Was auffällt ist, bei all den richtigen und wichtigen Aspekten, die Diskussionsteilnehmer äußern, dass sie ihre sonstige Staatsferne ablegen und nach Gesetzen und Verordnungen rufen. Nicht der Markt oder gar die Masse der Nutzer sind für sie in der Lage, möglichen priorisierenden oder diskriminierenden Netzbetreibern Einhalt zu bieten, sondern dies kann für sie offenbar nur der „Vater Staat“. Aber ist es nicht letztlich auch ein Armutszeugnis für eine demokratische und offene Gesellschaft, wenn sie nicht in der Lage ist, sich gegen eine scheinbare Macht der Konzerne zu wehren? Sollte nicht vielmehr der starke Wille der Netzgemeinde genügend gute Argumente gegen eine Verletzung der Netzgemeine liefern? Was bei politischen Kampagnen heute schon gut funktioniert, das sollte doch auch bei Protestaktionen gegen die Verletzung der Netzneutralität funktionieren. Vielleicht bedeuten weniger staatliche Eingriffe im Endeffekt auch, dass sich der freiheitliche Gedanke des Internet noch stärker durchsetzt als bisher. Eine staatssozialistische Regulierung, die ihren Gleichheitsgedanken quasi an den Datenpaketen abarbeitet, scheint jedenfalls nicht der richtige Weg zu sein.

Es kann nach meinem Dafürhalten nicht im Interesse der User liegen, nun mit regulatorischen Maßnahmen in die Weiterentwicklung des Netzes einzugreifen und die Netzneutralität mit dem Bundesgesetzblatt durchzusetzen. Vertrauen wir auf die Kraft unserer demokratischen Gesellschaft und eines freiheitlichen Marktes. Sollte es dennoch Anzeichen geben, dass eine Regulierung wirklich notwendig sein sollte, sollte man diese mit Vorsicht in Angriff nehmen. Aber bitte vorerst nicht noch mehr Paragrafen und Verordnungen.

Alea iacta est: Wulff wird’s

Nach einigen Tagen der staatspolitischen Unsicherheit kann nun wieder Ruhe einkehren. Der bisherige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff soll neuer Bundespräsident werden. Die Koalitionsfraktionen im Bundestag haben sich mit Wulff auf einen Kandidaten geeinigt, der offenbar leichter zu vermitteln ist als Ursula von der Leyen.

Wulff ist in der Bevölkerung beliebt, er kommt offen und freundlich herüber und ist „schwiegermuttertauglich“. Er gilt als jemand, der integrieren kann und versteht es, die Menschen für sich einzunehmen. Kurz: auf der ersten Blick scheint Wulff der richtige Mann für den Posten zu sein. Warten wir es also, ob er das Amt ausfüllen kann, sollte er durch die Bundesversammlung gewählt werden. Nach seiner Wahl am 30. Juni wird er sich bewähren müssen. Er muss zeigen, dass er nicht nur „nett“ sein kann, sondern auch das Zeug hat, politische Debatten und notwendige gesellschaftliche Diskussionen zu führen und auch anzustoßen. Von einem guten Bundespräsidenten erwartet man, dass er intellektuelle Beiträge  liefert, aber auch die Sprache der Menschen auf der Straße versteht und spricht. Also ein politisches Allroud-Talent, das sich zwischen Akademien und Stammtischen souverän bewegen muss. Geben wir Christian Wulff, sollte er denn Präsident werden, also eine Chance.

Der eigentlich spannendere Aspekt an der ganzen Kandidatenkür durch die schwarz-gelbe Koalition war jedoch die hochgespielte Empörung über die Person Ursula von der Leyen. Noch bevor überhaupt es überhaupt weitergehende Gespräche über einen Kandidaten von CDU/CSU und FDP geben konnte, war sie schon unter die digitale Dampfwalze geraten. Da war es wieder, das böse Gespenst der „Zensursula“. Auch seriöse Blogs wie netzpolitik.org beteiligten sich an den wilden Diskussionen, ob es denn die bisherige Arbeitsministerin Bundespräsidentin werden dürfe. Die Reaktionen waren klar und vorhersehbar: Nein! Wer sich, wie von der Leyen im vergangenen Jahr, für die so genannten „Netzsperren“ stark gemacht hat, ist aus Sicht der digitalen Öffentlichkeit nicht mehr präsidiabel. Dass die Netzsperren von Anfang an eine Schnpasidee und ein wirklich untaugliches Mitteln waren, um dem Problem der Kinderpornografie Herr zu werden, war allen Interessierten schnell klar. Dies hat sich auch bis heute nicht geändert und der Satz „Löschen statt Sperren“ hat weiterhin seine Berechtigung. Dass das Thema inzwischen nichts mehr mit der Person von der Leyen aktuell zu tun hat, interessierte nun niemanden mehr. Tatsache ist, sie hat sich in den Netzsperren so verheddert, dass von Anfang an keine Chance bestand, sie für die jüngere, netzaffine Gruppe in irgendeiner Form akzeptabel werden zu lassen. Viele, die ihre Kommentare bei netzpolitik.org oder auch bei Spiegel Online abgegeben hatten, verspürten offenbar eine persönliche, tiefe Aversion gegen die Ministerin, die sie nun in ihren Postings ausleben konnten. Innerhalb von zwei Tagen hatte etwa bei Facebook eine  Gruppe gebildet, die über 22.000 Mitglied (Stand: 3.6.2010, 17:00 Uhr) hat, die vor allem eines einte: „Zensursula – Not My President!“ Von einer interessanten Diskussion über mögliche Alternativen waren die Äußerungen innerhalb der Gruppe jedoch meilenweit entfernt. Schade eigentlich, denn hier hätte sich einmal eine wirkliche Diskussionskultur über das Für und Wider einzelner Kandidaten entwickeln können. Chance vertan. Aber es ging auch noch ein wenig härter: bei Telepolis etwa findet sich ein Artikel, der es geschickt versteht, Stimmung gegen von der Leyen zu machen. Man wirft ihre Herkunft, ihre Familie, ihre Kinder und letztlich sogar ihre blonden Haare vor.  Nur selten wurde lassen sich Autoren zu einem solchen Ausflug in die Intoleranz und Banalität hinreißen wie hier.  Wenn Frisur und Haarfarbe, familiäre Abstimmung und Studium als Argumente herhalten müssen, dann ist es um wirkliche Argumente schlecht bestellt.

Umso erschreckender  für die politische Kultur unseres Landes ist es, dass man offenbar in gewissen Kreisen nicht bereit ist zu akzeptieren, dass andere Menschen auch andere Meinungen haben können. Nur die eigene Meinung scheint die richtige zu sein. Persönliche Angriffe bis hin zu Beschimpfungen werden leichtfertig kund getan und ein ungeliebte Person wird zum öffentlichen Abschuss freigegeben. Ob Frau von der Leyen inzwischen ihre Meinung geändert hat oder ob sie noch immer für Netzsperren eintritt, spielt hier keine Rolle mehr. Dass sie im Übrigen von großen Teilen der Bevölkerung völlig anders und vor allem positiv wahrgenommen wird, spielt für die meisten Verfasser der Kommentare ebenso keine Rolle mehr. Hier tut sich offenbar eine neue digitale Spaltung  auf: Netzöffentlichkeit 2.0 vs. Öffentlichkeit 1.0 – digital vs. analog. Da stellt sich mancher schon die Frage, ob die digitale Bohéme die Legitimation hat, eine Person so herunterzuschreiben, wie dies zuletzt geschehen ist.

Letztlich war die Entscheidung von Union und FDP für Christian Wulff die richtige. Er wird derjenige sein, der wie fast alle seine Vorgänger in das Amt hineinwachsen und das Beste daraus machen wird. Welche Akzente er zukünftig setzen wird, bleibt abzuwarten. Wie gesagt: eine Chance hat er verdient.

Für unsere politische Kultur bleibt nur zu hoffen, sich die Debatten im Nachgang wieder versachlichen und persönliche Angriffe zukünftig unterbleiben.

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