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Archive for Juli 2010

Die Linke unter Beobachtung

Vor einigen Tagen hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig ein wegweisendes Urteil gefällt. Es wies die Klage Bodo Ramelows gegen die Beobachtung der Linken durch den bundesdeutschen Verfassungsschutz zurück. Damit ist sichergestellt, dass die Partei auch weiterhin im Auge behalten werden darf. Die Beobachtung richtet sich gegen die Teile der Partei, die gerade nicht auf dem Boden unserer Verfassung stehen und zu extremistischen Ansichten neigen. Der neue Verfassungsschutzbericht bestätigt dies einmal mehr.

Damit sind sicher kaum solche „Genossen“ wie Ramelow, Gysi oder Ernst gemeint. Sie sind inzwischen zutiefst „bürgerlich“ in der Gesellschaft angekommen und genießen deren Vorteile in vollen Zügen. Ramelow kann gegen etwas klagen, was ihm nicht gefällt. Früher, zu DDR-Zeiten, die seine Partei doch so gerne noch hochhält, wäre dies nicht möglich gewesen. Da gab es nämlich keine Verwaltungsgerichte, an die man sich hätte wenden können, um staatlicher Willkür einen Riegel vorzuschieben. Wer so etwas auch nur vorhatte, geriet sehr schnell ins Visier der Staatssicherheit. Von den Folgen einer solchen Beobachtung gibt es genügend Zeugnisse und Berichte. 

Oder schauen wir uns den Edel-Sozialisten Klaus Ernst an. Der kämpft mit lauter Stimme für die vielbeschworene soziale Gerechtigkeit, um dann mit gutem Gewissen in seinen Porsche zu steigen und zur nächsten Aufsichtsratssitzung davon zu brausen. Klar, als Gewerkschafter und Kämpfer für den kleinen Mann ist dies der richtige Dienstwagen. Er wird ihn schon ordentlich bezahlt haben. Und doch zeigt die Wahl dieses Fahrzeugs die ganze Bigotterie dieser Partei und ihrer Führungsspitze. „Wasser predigen und Wein trinken“ ist wohl die richtige Verhaltensweise, wenn man links oben angekommen ist. 

Oder schauen wir uns Gysi und Lafontaine an. Noch so zwei Spitzengenossen, die es sich gut gehen lassen. „Lafo“ haust in der seinem saarländischen „Palast der sozialen Gerechtigkeit“ und lässt es sich dort bei Rotwein gut gehen. Gysi wohnt mitten im schönen Pankow-Niederschönhausen und ist nicht auf den berühmten „Sonderzug nach Pankow“ angewiesen. Auch hier wartet die dunkle Dienstlimousine auf den kleinen Mann aus Berlin. Was sie verbindet? Neben ihrer linken Attitüde vor allem die kollektive Verantwortungslosigkeit. Statt sich den Aufgaben und Herausforderungen einer Regierungsverantwortung zu stellen, haben sich beide nach kurzer Zeit im Amt davon geschlichen und sich neuen Ideen zugewandt. Wer behauptet, eine solche Partei mit eben diesen Führungskräften sei regierungsfähig, verschließt die Augen vor der Realität. Vor ihnen muss man aber auch keine Angst. Keiner von diesen Genossen hat ein ernsthaftes Interesse daran, die bestehenden Verhältnisse wirklich zu ändern, weil sie fürchten müssten, dann selbst enteignet zu werden. Oder können Sie sich, lieber Leser, vorstellen, dass in Lafontaines Villa 100 palästinensische Asylbewerber einziehen oder Klaus Ernst seinen Porsche als Zugmaschine der nächsten LPG zur Verfügung stellt oder benachteiligte Migrantenkinder zur Schule fährt. Soweit reicht wohl niemandes Vorstellungsvermögen. Würde die Revolution in Deutschland wirklich Einzug halten, so müssten auch diese Genossen dem kommunistischen Furor anheim zu fallen und als Renegaten im Gulag zu landen. 

Vor allem übersieht er oder sie, welche Kräfte dann noch in der Linken ihr Unwesen treiben. Da sind nicht nur die oben genannten bürgerlichen „Salon-Sozialisten“, sondern vor allem die Truppen, die unseren Staat entschieden ablehnen und bekämpfen. Die Kommunistische Plattform, das marxistische Forum, die Jugendorganisation Solid und die unzähligen Mitglieder aus der Antifa. Das alles sind keine Organisationen, die für Demokratie, Menschenrechte und soziale Marktwirtschaft im Sinne des Grundgesetzes kämpfen. Diese Gruppierungen wollen einen anderen Staat, sie lehnen unsere Verfassung ab und wollen einen Sturz des „Systems“ und seiner Vertreter. Da sind die verdienten alten Genossen der früheren SED, die auch heute der tiefen Überzeugung sind, Stasi-Spitzel waren „Kundschafter des Friedens“. Oder die Aktivisten von Solid und Antifa, die auch nichts gegen Gewalt haben. Wer Sprüche wie „Nazis aufs Maul“ zu seiner politischen Agenda macht, darf sich nicht wundern, wenn er in den Blick von Verfassungsschutz und Justiz gerät. Wer Gewalt zu einem legitimen Mittel erklärt, ist ein politischer Extremist, egal ob links und rechts, und kann keine Duldung durch die Gesellschaft erwarten. Mit solchen Gruppierungen, die in einer Partei geduldet oder auch gefördert werden, ist kein Staat zu machen. 

Solange solche antidemokratischen und menschenrechtsverachtende Kräfte gleich welchen Alters und welcher Herkunft bei den Linken verbleiben, muss die Partei weiterhin unter Beobachtung bleiben. Unsere demokratischen Organisationen tun gut daran, die Position zu halten, auch wenn die Linken nun das Urteil beschimpfen und SPD und Grüne um ihren potenziellen Bündnispartner fürchten. Sie sollten genau hinsehen und überlegen, mit welcher Braut sie sich da ins Bett legen wollen. Und kann dies eines Tages böse enden. Gerade die SPD sollte ihre eigene Vergangenheit im Auge behalten. Nicht umsonst hat die frühere KPD vom „Hauptfeind Sozialdemokratie“ gesprochen.

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C/O Berlin muss bleiben

Eine der besten und innovativsten Galerien für Fotografie ist in ihrer Existenz bedroht. Weil sich der Berliner Senat nicht rechtzeitig entschließen konnte zu helfen, muss die bekannte Kunsteinrichtung C/O Berlin wohl bald aus dem Postfuhramt an der Oranienburger Straße in Mitte weichen. Seit rund fünf Jahren präsentiert die Galerie bekannte und renommierte Fotografen in einem ungewöhnlichen Ambiente. Statt moderner Stahl-, Glas- und Betonarchitektur herrscht hier noch immer der Charme des 19. Jahrhunderts vor. Zwischen Fotografien von Annie Leibovitz, Martin Parr und Henri Cartier-Bresson hingen und hängen hier Aufnahmen junger, interessanter Nachwuchsfotografen. Gerade diese bunte Mischung unterschiedlicher Stilrichtungen der Fotografie, der Themen und Darstellungsweisen macht den Reiz von C/O Berlin aus.

Damit wird nun wohl bald Schluss sein, zumindest im historischen Postfuhramt mit seiner zerschlissenen Einrichtung, mit all den defekten Türen und zerkratzten Wänden. Damit dies nicht so kommt, ist der Berliner Senat ausgerufen, dieses fast einmalige Kunstkonzept zu bewahren und Verantwortung zu übernehmen. Was bereits vor Jahren hätte geschehen müssen, muss nun verwirklicht werden. Der Weggang von C/O Berlin aus Mitte wäre ein echter Verlust für die Kunstszene Berlins und Rückschlag für all diejenigen, für die Fotografie mehr ist als bloßes Abbilden des täglichen Lebens.

Heute hatte ich Gelegenheit, die Ausstellung „MAGNUM . Shifting Media . New Role of Photography” zu sehen. Beeindruckend! Die Vielzahl der unterschiedlichsten Aufnahmen von den bekannten Magnum-Fotografen zeigen eine Welt, in der nicht alles bunt, schön und inszeniert ist. Sie zeigen in ihrem Reportagestil oftmals die raue und schmerzliche Wirklichkeit und menschliches Leid. Sie verstecken nicht das Bild von Leid, Elend und Tod. Aber gerade dadurch zeichnen sich die Fotografen durch ihre große Humanität aus. Sie zeigen in vielen Fotos das, wovor wir heute zumeist die Augen verschließen. Die Magnum-Fotografen haben in ihrem Metier großartiges geleistet und der Welt in vieler Hinsicht die Augen geöffnet. Schon allein daher lohnt sich ein Besuch der Ausstellung bei C/O Berlin in diesen Tagen allemal.

C/O Berlin

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Noch ein Montagsrücktritt

19. Juli 2010 1 Kommentar

Wieder einmal Montag. Und nun schon wieder ein Rücktritt. Nach all den zahlreichen Rücktritten der letzten Tage und Wochen hat meine lang gehegte und geliebte schwarze Aktenmappe ihren Abschied erklärt. Nach ihrem selbstlosen Einsatz in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik trat sie nun ihren geordneten Rückzug an, um ihren Lebensabend in der schwarzen Restmülltonne der BSR zu verbringen.

Sie war stets ein treuer Gefährte. Über 17 lange Jahre begleitete sie mich durch Studium, Promotion und verschiedene berufliche Tätigkeiten und blieb stets an meiner Seite. Nun hat sie Rücktritt erklärt, weil auch sie amtsmüde war. Der Reißverschluss, der alles zusammenhielt war defekt, das Leder abgegriffen. Es kamen keine neuen Impulse mehr aus den Tiefen des eingerissenen Innenfutters. Da war es Zeit zu gehen.

Angela Merkel selbst bedauerte zutiefst den Rücktritt dieses bewährten Partners in vielen Lebenslagen, äußerte aber Verständnis angesichts des schwindenden Vertrauens in die Kraft der Nähte. Über eine Nachfolgeregelung werde ich Sie, verehrte Leser, auf diesem Blog gerne informieren.

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Von Beust: Ein Rücktritt, der auch sein darf

19. Juli 2010 1 Kommentar

Nun trauert alle Welt dem Hamburger Regierungschef Ole von Beust nach. Nach zahlreichen anderen Rücktritten in den vergangenen Monaten hat auch er gestern seinen Verzicht auf das Amt bekannt gegeben und wird sich nunmehr ins Privatleben zurückziehen.

Noch vor seinem Rücktritt meldeten sich die ersten Bedenkenträger zu Wort und fragten: „Darf der das? Darf der so einfach gehen?“ Die Antwort ist ganz einfach: Ja, er darf das. Die Grünen werfen der Union nun sogar vor, es habe sich eine „Generation Null Bock!“ aus der Verantwortung geschlichen, was verwerflich sei.

Aber fragen wir uns doch einmal, was wirklich geschehen ist. Da hat sich vor einigen Wochen der Thüringer Dieter Althaus aus der Politik zurückgezogen, um einen Job in der Industrie zu übernehmen. Horst Köhler ist nach eher unbedachten Äußerungen als Bundespräsident zurückgetreten und auch Ministerpräsident Roland Koch hat erklärt, sein Amt im August niederzulegen. Nun auch noch von Beust.

Sie alle haben eine freie Willensentscheidung getroffen und sie auch begründet. Die Gründe mögen nicht für jeden nachvollziehbar sein, aber sie sind auf jeden Fall zu respektieren. Und vor allen Dingen: Niemand hat diese Menschen gezwungen, aus ihren Ämtern zu scheiden.

Bei Dieter Althaus mag dies nach seinem schweren Unfall ein schmerzlich langer Prozess gewesen sein, der noch durch die Wahlniederlage vom August 2009 verstärkt wurde. Aber letztlich hat er damit eine Entscheidung getroffen, die richtig war. Hat man ihm im vergangenen Jahr noch vorgeworfen, an seinem Stuhl zu kleben, so waren die Reaktionen im Frühjahr eher überrascht als er sein Landtagsmandat niederlegte. Dies war richtig, denn er hätte kaum mehr eine politische Funktion übernehmen können. Zu sehr war sein Image beschädigt worden. Da war es sinnvoll, zu neuen Ufern aufzubrechen und sich anderen, eher unpolitischen Aufgaben zu widmen. Kann man einem Menschen verübeln, dass er sich nach rund 20 Jahren in höchsten politischen Ämtern neue Ziele sucht und vielleicht auch seine persönliche Situation stärker berücksichtigt? Ich kann das sehr gut nachvollziehen und halte es für legitim.

Der Rücktritt Ole von Beust wird nun ähnlich kommentiert. Auch von Verantwortungslosigkeit ist da die Rede Aber seien wir doch einmal mehr. Ist es nicht sinnvoller, ein Politiker geht aus freien Stücken als dass man wartet, bis man ihn mit dem Zettel am großen Zeh aus dem Amtszimmer tragen muss? Ein Amt, gerade ein solch politisches, ist immer zeitlich befristet und nicht auf Lebenszeit ausgerichtet. Wir haben schließlich keine Monarchen an der Spitze unserer Regierungen, sondern gewählte Regierungschefs und Minister. Da muss es jederzeit möglich sein, aus dem Amt zu scheiden, ohne dass man dafür „zerrissen“ wird. Alle Welt schreit danach, Mandate zu begrenzen und keine „Dauerpolitiker“ zu haben. Wenn wir dies richtigerweise fordern, dann müssen wir aber auch im Umkehrschluss den Männern und Frauen, die politisch aktiv sind, zugestehen, dass sie irgendwann von sich aus gehen. Es mag dafür gute oder weniger gute Zeitpunkte geben. Das Entscheidende ist jedoch, dass wir als Bürger und Wählern den politisch Aktiven das Recht zugestehen, die Entscheidung selbst zu treffen, wann sie gehen wollen. Wir haben keine imperativen Mandate in Deutschland. Das heißt aber auch, dass wir nicht verlangen können, dass Politiker ihre Amtszeit voll im Amt bleiben. Niemand soll gezwungen werden, etwas zu tun, was er letztlich nicht mehr will. Auch dies gehört für mich ein Stückweit zur Freiheit des Menschen. Mit Verantwortungslosigkeit hat dies nichts zu tun.

Die Mauer im Kopf steht noch immer…

Vor einigen Tagen kam ich in Erfurt an verschiedenen Plakaten eines regionalen Stromanbieters vorbei und musste erst einmal schlucken. Nicht nur, weil mir der Zusammenhang zwischen „Knusperflocken“, Senf und Strom nicht gleich ersichtlich war. Vielmehr war ich überrascht, dass der Elektrizitätsproduzent seinen Strom als echtes „Ostprodukt“ anbot und besonders herausstellte.

Da musste ich doch zweimal auf das Plakat starren, um zu erkennen, was mir das bunte Bild eigentlich sagen wollte. Da wird mir als potenziellem Kunden doch allen Ernstes versucht Strom zu verkaufen, der sich dadurch auszeichnet, dass er aus dem Ost kommt. Soll das ein besonderes Qualitätsmerkmal sein? Wohl kaum, denn Strom ist schließlich Strom. Allein über die Art der Herstellung, Ökostrom oder konventionell, kann man diskutieren oder auch streiten. Aber die Tatsache, dass er aus dem Osten kommt, macht ihn nicht zu einem besseren Produkt.

Was ist der Osten eigentlich? Und müssen wir heute noch mit „Ostprodukten“ werben? Wohl kaum! Wer mit einer solchen Herkunftsangabe Werbung macht, hat nichts verstanden. Gerade solche Werbesprüche sind allein dazu geeignet, die Mauer im Kopf zu bewahren und noch drei Meter höher werden zu lassen. Strom bestellt man, weil er günstig oder vielleicht weil er besonders „öko“ ist. Aber nur, weil er aus dem Osten kommt? Damit werden nur alte Klischees bedient, die man nur wirklich nicht mehr hören will.

Diese Art der Werbung ist allein dazu angetan, die bestehenden Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland noch zu verschärfen. Wer sich 20 Jahre nach der Wende noch darauf beruft, ein „Ostprodukt“ zu verkaufen, dreht die Uhr einfach zurück und zeigt, wes Geistes Kind er ist. Gerade eine solche Werbung gefällt vor allem denjenigen, die sich auch heute noch die DDR zurückwünschen und sagen, früher zu „Ostzeiten“ war ja alles besser. Mit einer solch rückständigen Geisteshaltung kann man keine Zukunft gestalten!

Um nicht missverstanden zu werden: Ich habe nichts dagegen, dass der Strom im „Osten“ produziert wird. Im Gegenteil, ich befürworte es ausdrücklich, wenn der Strom dort produziert wird, wo er auch verbraucht wird. Das schafft regionale Arbeitsplätze und sichert den Bestand der Unternehmen. Es erspart unserer Landschaft Hochspannungsleitungen über Hunderte Kilometer und reduziert die Verluste durch langen Transport. Auch sollen die Menschen sehen können, woher der Strom eigentlich kommt. Das hilft vielleicht, manchmal vernünftiger damit umzugehen.

Wir brauchen aber heute keine Spaltung in Ost und West mehr. Wir brauchen Menschen, die bereit sind, die Mauer in den Köpfen einzureißen und diese geteilte Vergangenheit hinter sich zu lassen. Wer mit solch billigen Werbesprüchen Umsätze kreieren will, hat nicht verstanden, dass die Welt 20 Jahre weiter ist.

Vor allem wirkt die Werbung besonders unglaubwürdig, wenn man auf dem Plakat sieht, dass der regionale Anbieter offenbar zu einem westdeutschen Konzern gehört. Man könnte meinen, die Werber wollten die Kunden für dumm verkaufen.

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Rezension zu: Markus Reiter: Dumm 3.0. Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen

Wieder einmal ist das Internet irgendwie an allem schuld. Es bringt quasi den Untergang des Abendlands mit sich und diesmal in Form des vernetzten Austauschs von Informationen oder Banalitäten. Glaubt man dem Publizisten Markus Reiter aus Stuttgart so ist unsere abendländische Kultur erneut bedroht. Man hat den Eindruck, dass Hunnen, Türken oder wer auch immer quasi mit dem Netzwerkkabel in der Hand vor der Tür stehen und uns überrennen wollen.

Reiter beschäftigt sich in seinem Buch mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leben und unsere Kultur und sieht die Gefahr, dass unsere Bildung durch die Auswirkungen des Internets zerstört wird. Als jemand der für ein „klassisches“ Medium wie die FAZ gearbeitet hat, ist er natürlich besonders sensibel für die Konkurrenz, die den Journalisten und Meinungsmachern in Form von Bloggern erwächst. Er berichtet von Begegnungen mit bekannten Bloggern wie Markus Beckedahl oder Jugendlichen, die sich heute zu den Digital Natives zählen, weil sie ein Leben ohne Internet nicht mehr kennen.

Er referiert den inzwischen herrschenden Konflikt zwischen hergebrachten Presseorganen und den Bloggern. Das größte Problem sieht Reiter in der mangelhaften Qualität des Internet-Journalismus, der sich nicht an den Qualitätsmaßstäben herkömmlicher Blätter messen lassen könne. Dies ist sicherlich richtig, wenn man bedenkt, dass zahlreiche Blogs eben nicht von Profis sondern von engagierten Amateuren betrieben und geschrieben werden. Aber waren die Anfänge unserer Zeitungen oftmals nicht ähnlich unstrukturiert und amateurhaft? Aus Flugschriften haben sich Zeitungen entwickeln, deren erste Redakteure noch keine Journalistenschule absolviert hatten. Soll das ein Argument gegen gut gemachten Online-Journalismus sein? Auf jeden Fall kein überzeugendes.

Vor allem ist es so, dass immer mehr ausgebildete Journalisten eigene Blogs schreiben oder für bekannte Seiten Artikel beisteuern und damit erheblich zu journalistischer Qualität beitragen. Richtig ist in diesem Zusammenhang, dass solche Blogs natürlich nicht finanzielle Umsätze wie die Produktion einer Tageszeitung generieren. Kein Blog kann sich ein Mitarbeiterstab von 100 und mehr Leuten leisten. Dafür stehen aber andere Autoren zur Verfügung, die interessante Beiträge liefern. Finanzieren tun sich diese Seiten inzwischen auch vor allem durch Werbung oder das Sponsoring durch größere Konzerne. Dies ist zulässig und entspricht im Wesentlichen auch dem alten Verkauf von Anzeigen in den Tageszeitungen oder Zeitschriften. Diese wird es auch viele Jahre geben, auch wenn Reiter konstatiert, dass die „Zeitung auf Papier“ verschwinden wird. Das mag sein, aber es wird sicher noch länger dauern. Solange Zeitungen für viele Menschen ein tägliches Brot zur Informationsausnahme sind, solange gerade Ältere den Spaziergang zum Kiosk nutzen, um sich die „Bild“ zu holen und ein Schwätzchen zu halten, wird es Zeitungen in der herkömmlichen Form geben. Nicht jeder möchte eben morgens das Laptop am Frühstückstisch hochfahren, um die Todesanzeigen zu lesen oder die Ergebnisse der Kreisliga A vom Sonntag zu sehen.

Die Blogs werden mehr Leser haben, während die Zeitungen Leser verlieren. Verlage werden sich auf die neuen Medien konzentrieren und dort ihren „content“ anbieten. Das ist alles legitim und richtig. Die Tatsache, dass manches eben von Bloggern schneller, früher oder vielleicht einmal stilistisch anders „zu Papier“ gebracht wird als im klassischen Journalismus, kann kein Argument gegen die kommenden Veränderungen sein.

Wie groß Reiters Skepsis gegenüber der digitalen Konkurrenz ist, zeigt sich in seiner Wortwahl. Da ist von Internet-Apologeten und Alpha-Bloggern die Rede. Da nennt er Beckedahl einen Internet-Evangelisten und kritisiert, dass diese Info-Elite bald über die große Mehrheit herrschen werde, weil diese eben nicht Mittel habe, um den teuren content von professionellen digitalen Medien kaufen zu können. Sie liefern sich quasi denjenigen aus, die die Seiten mit Inhalten befüllen und somit Meinungen vorgeben. Das war jedoch auch in den klassischen Medien nie anders. Wie sonst hätte „Bild“ jemals einen solchen Einfluss erringen können? Seine Wortwahl zeigt, dass es noch immer zu sehr in den alten Kategorien von Macht und Einfluss denkt, denn letztlich geht es den meisten Bloggern eher darum, Themen in der Öffentlichkeit zu diskutieren anstatt wie Alpha-Tier Gerhard Schröder eine Basta-Politik zu betreiben. Natürlich haben bekannte Blogger wie Beckedahl Einfluss in ihrem Themengebiet. Jedoch sind sie weit davon entfernt, einen weitreichenden Einfluss klassischer Prägung zu entwickeln.

Ärgerlich ist, dass Reiter offenbar beim Schreiben etwas nachlässig vorgegangen ist. Wie sonst lässt es sich erklären, dass er ausgerechnet bei mindestens zwei Namen von Personen Fehler macht und diese falsch schreibt. Dies sollte nicht sein. Hier hätte ich mir mehr Sorgfalt gewünscht.

Mein Fazit: Ich kann nicht erkennen, dass unsere Gesellschaft „verblöden“ wird, wenn sie sich immer mehr auf Online-Medien oder soziale Netzwerke stützt. Es ist eben eine Veränderung, die man mitmachen kann, aber eben nicht muss. Reiter suggeriert, dass man sich diesem Einfluss kaum entziehen könne, was sicher zum Teil richtig ist, und dass dies letztlich zu einem Rückgang unserer abendländischen Kultur führen werde. Letztlich kämpft er auch für den Erhalt des alten Urheberrechts, das noch immer eine starke Schutzfunktion für klassische Medien und ihre Vertreter hat. Das Buch ist insgesamt gut lesbar geschrieben und führt wichtige Argumente für beide Seiten konzentriert auf. Allerdings fehlt mir die positive Sicht auf das Medium Internet. Reiter orientiert sich nach meinem Dafürhalten zu sehr an den alten Wegmarken von Risiken und Gefahren und zeigt kaum Chancen der Digitalisierung unseres Lebens auf. Gerade die Entwicklungschancen durch die Vernetzung der User werden dazu beitragen, dass die Qualität der Blog-Beiträge steigt. Denn schließlich ist nicht jeder gleich ein guter Journalist, weil er oder sie Journalismus studiert oder ein Volontariat bei FAZ oder SZ absolviert hat. Lassen wir also dem noch recht jungen Bloggertum seine Chance und sehen zu, wie es sich entwickelt. Den völligen Untergang des klassischen Journalismus sehe ich erst dann, wenn er wirklich eingetreten ist. Es wird beides geben.

Markus Reiter: Dumm 3.0. Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010.

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Christian Wulff – der bessere Präsident

Nun ist sie vorbei, die unerwartete Bundespräsidentenwahl, die noch vor wenigen Wochen keiner erwartet hatte. Aber so ist es nun einmal mit Überraschungen – sie kommen immer unerwartet.

Mancher hatte sich angesichts des medialen Trommelns für Joachim Gauck gewünscht, dass dieser letztlich auch gewählt werden würde. Es hat nicht sollen sein. Und das ist auch gut sein. Natürlich geht das Gejammer über die schwache Wahl Christian Wulffs weiter und viele trauern Gauck nach. Verständlich, denn keiner verliert gerne eine Wahl.

Gauck und Wulff – zwei völlig unterschiedliche Typen von Menschen und anderer Herkunft und Sozialisierung. So sehr ich Gauck für seine Arbeit als Oppositioneller in DDR und späterer Leiter der „Gauck-Behörde“ schätze, so steht er doch zu allererst für eine rückwärtsgewandte Sichtweise. Was verbinden die Leute mit ihm? DDR, Stasi und die Gauck-Behörde. Sind das Aspekte für die Zukunft unseres Landes? Ich denke nicht, dass man darauf aufbauen kann. Natürlich ist es wichtig, dass die Aufklärungsarbeit über das DDR-Unrechtsregime und die Stasi weitergeht. Wir brauchen noch mehr historische Forschung und juristische Aufklärung. Genauso wie dies für die deutsche NS-Vergangenheit weiterhin notwendig ist. Aber man sollte dies nun 20 Jahre nach der Einheit den Forschern und Juristen, Politikern und Sonntagsrednern überlassen und nicht zum Signum unseres Staatsoberhauptes machen.

Mag sein, dass Joachim Gauck der intellektuellere Kopf ist. Mag sein, dass er mehr Lebenserfahrung mitbringt und gelernt hat, sich in Ost und West zurechtzufinden. Aber seien wir doch einmal ehrlich: Wer will denn immer nur graumelierte, ältere Herren als Bundespräsidenten haben? Mit Weizsäcker, Herzog, Rau und zuletzt Köhler hatten wir in den letzten gut 25 Jahren immer irgendwelche Bedenkenträger, die durch Ruckreden und ähnliche Mahnappelle auffielen. Aber keiner stand wirklich für eine zukunftsgewandte Amtsführung, sondern eher für die Sicht zurück. Mit Köhler war zuletzt jemand im Amt, den ein Autor auf „Spiegel Online“ als „Apokalyptiker“ bezeichnet hat. Seine Monster-Rede bleibt von ihm im Gedächtnis. Aber wo ist der positive Ansatz?

Mit Christian Wulff kommt nun ein Mann ins Amt, der einige Jahre jünger ist als Vorgänger. Statt der tiefgezogenen Bedenkenfalten eines Herrn Gauck strahlt er eine fast jugendliche Fröhlichkeit aus. An seiner Seite eine junge, erfolgreiche Frau und kleine Kinder, die Leben ins Haus bringen. Wulff ist jemand, der noch mitten im Leben steht und nicht auf ein solches zurückschauen muss.

Ganz ehrlich: Mir ist ein Bundespräsident lieber, der noch weiß, wie ein voller Windeleimer stinkt oder wie es wehtut, wenn man mit nackten Füßen auf einen Lego-Stein tritt. Jemand, der einfach näher an den Alltagssorgen der Menschen ist als ein philosophischer Sonntagsredner. Ich brauche keinen evangelischen Pfarrer als Präsidenten, der mir ein paar Mal im Jahr eine Gardinenpredigt hält. Das haben die Vorgänger bereits ausreichend getan. Hätte man dies gewollt, hätte man auch einen Habermas oder Sloterdijk wählen können. Auch diese Herren können einem schön ins Gewissen reden. Von Christian Wulff erwartete ich einfach eine andere Gangart. Jemand, der fröhlich auf die Menschen zugeht, ihnen Mut macht und sich ihrer Nöte im Kleinen annimmt. Jemand, der hemdsärmelig mit seiner Familie spazieren geht und ein offenes Ohr für die Leute auf der Straße hat. Ein solcher Bundespräsident muss kein Intellektueller, sondern jemand aus dem Volk. Aus der Mitte der Lebens eben.

Geben wir Christian Wulff also die Chance, die er verdient hat. Er wird sie nutzen, zum Wohl unseres Landes. Für alles andere haben wir noch immer genügend graumelierte Bedenkenträger. Keine Sorge, dieser Typus stirbt in Deutschland nicht aus.

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