Archive

Archive for August 2010

Bye, Bye Bundestag

27. August 2010 1 Kommentar

Nun geht eine lange Zeit zu Ende. Über elf Jahre habe ich im Bundestag gearbeitet. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Büroleiter von insgesamt vier Abgeordneten. Die Zeiten, in denen ich für die Abgeordneten jeweils gearbeitet habe, waren sehr unterschiedlich. Mal nur zehn Monate, mal sieben Jahre. Aber jedes Mal war es eine spannende, eine aufregende Zeit. Ich habe sehr viel erlebt und gelernt in all den Jahren.

Ich hatte Gelegenheit, Politik hautnah mitzuerleben und auch ein bisschen mitzugestalten. Viele Menschen habe ich getroffen und kennen gelernt. Die einen sehr gut, die anderen weniger. Da waren viele dabei, an dich noch oft und gerne zurückdenken werde. Einige gute Freundschaften sind entstanden, die auch die Entfernung nach Erfurt überstehen werden. Da bin ich mir sicher.

Es gab viele spannende Momente. Rückritte und Neuanfänge, spannende und weniger spannende Sitzungen, in denen mich nur der spitze Ellenbogen der Kollegin in meinen Rippen vor dem Einnicken rettete. Oftmals ging es hektisch zu, gerade in den Sitzungswochen, wenn alles auf einmal fertig und erledigt sein musste. Ja, ich habe da so meine Erfahrungen gemacht… Nach geschätzten 250 Sitzungswochen in diesen elf Jahren ist mir nicht Menschliches mehr fremd.

Oppositions- und Regierungszeit habe ich miterlebt. Da gab es einige hitzige Auseinandersetzungen und stille Übereinkunft. Manch guter sinnvoller Antrag musste aus Gründen der Fraktions- und Koalitionsräson abgelehnt werden, obwohl man innerlich Bauchschmerzen hatte. Aber nur allzu oft gerieten wir in die gleiche Situation und ein guter Ansatz wurde von den Regierungsfraktionen mit fadenscheinigen Begründungen zunichte gemacht. Aber so ist das eben in der Politik. Da zählen eben nicht immer Argumente, sondern Mehrheiten.

Es gäbe genügend lustige und nachdenkliche Geschichte zu erzählen, von Begegnungen zu berichten und im Nachhinein auch manches anders zu machen. Aber nun ist es vorbei und ich behalte die schönen Erinnerungen zurück. Vielleicht finde ich einmal Gelegenheit, ein paar dieser Erlebnisse aufzuschreiben und publik zu machen. Mancher würde sich sicher darin wieder erkennen, manche Erinnerung mag man vielleicht nicht wieder aufleben lassen. Das alles aufzuschreiben und Revue passieren zu lassen, braucht aber Zeit und sollte nach meiner Meinung erst ein wenig reifen. Über manch skurrile Begebenheit oder seltsame Aufgabe, die ich erledigt habe, wäre zu berichten. Aber auch der „Bürger an sich“ käme sicherlich zu kurz

Nun ist es an der Zeit, sich neuen Aufgaben zuzuwenden und wieder ein geordnetes Familienleben aufzunehmen. Die Pendelei zwischen Erfurt und Berlin hat ein Ende, ich werde sie nicht vermissen. Vermissen werde ich all die guten Freunde und Kollegen, mit denen sich in den letzten Jahren so viel Zeit verbracht habe. Wir haben viel zusammen gelacht und manch menschliches Problem erörtert. Ich mochte die Vertrautheit und das gute Gefühl, immer ein paar zuverlässige Leute an meiner Seite zu haben.

Aber die Welt dreht sich weiter und nun will ich voller Spannung und auch ein bisschen Nervosität in die Zukunft blicken. Ich freue mich sehr, wieder täglich bei meiner Frau und den Kindern zu sein und abends im besten Sinne „nach Hause“ zu kommen. Das mag furchtbar spießig klingen, aber irgendwie wünschen sich doch die meisten Menschen, die ich kennen gelernt habe, nach einem festen Punkt im Leben. Ich will sehen, wie meine Kinder aufwachsen und meinen Beitrag leisten, dass es ihnen gut geht. Ich freue mich auf die neuen beruflichen Aufgaben und all das, was da auf mich zukommt. Ich bin gespannt, in welches soziale Umfeld ich komme und welche neuen Kolleginnen und Kollegen ich kennen lernen werde.

All denen, mit denen ich in den vergangenen elf Jahren zusammengearbeitet habe, danke ich für die gute Zeit, die wir hatten. Gerne werde ich daran zurückdenken. In diesem Sinne: Bye, bye Bundestag.

Kategorien:Das Leben, Politik Schlagwörter: , ,

German Angst 2.0

In letzten Tagen gab es wieder einmal viel Aufregung um Google und Facebook. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung in den digitalen und analogen Medien stehen die neuen Dienste „Street View“ und „Places“ (Orte), die von den Anbietern eingeführt werden.

Mit dem Erscheinen der Dienste, noch bevor sie überhaupt in Deutschland aktiviert sind, taucht ein altbekanntes Phänomen wieder:  „German Angst“. Wie sofort zuvor, macht sich wieder Panik in unserem Land breit. Die Angst vor dem guten, alten „Big Brother“ ist erneut ausgebrochen. Mit Street View soll nun angeblich jeder die Möglichkeit haben, dem Nachbar oder sonst einem Bürger noch besser als bisher über den Zaun zu schon und zu beobachten. Dass dies nicht möglich ist, schließlich handelt es sich ja nicht um Live-Aufnahmen einer Webcam, wird hier zumeist bewusst oder unbewusst übergangen. Was wir sehen werden, sind nur die abfotografierten Häuserfronten, also nur Straßenansichten, die sowieso jeder sehen kann. Hier geht es nicht um die Beobachtung lebender Menschen, sondern um eine fotografische Gesamtdarstellung deutscher Straßenzüge. Gerne wird in diesem Zusammenhang das Argument vorgebracht, sei könnte es sich dabei um einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Hausbesitzers oder Mieters handeln. Doch halt: Häuserfassaden haben keine Persönlichkeitsrechte. Wer so etwas behauptet, negiert den Unterschied zwischen Mensch und seiner Umwelt. Und schließlich: schon seit langem gilt in Deutschland die Panoramafreiheit, die das Fotografieren von Häuser oder Straßenansichten aus dem öffentlichen Raum heraus erlaubt. So kann sich auch jetzt schon jeder, der die technischen Möglichkeiten besitzt, seine private Street View-Ansicht basteln und ins Internet stellen. Solange keine Personen abgebildet sind, spricht auch nichts gegen eine solche Darstellung.

Man kann nur dankbar sein, dass inzwischen zahlreiche vernünftige Menschen sich entsprechend positioniert haben und ein Verbot von Google Street View ablehnen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nichts gegen Aufnahmen einzuwenden, denn schließlich gehört ihr Haus bereits zu den meist fotografierten Objekten in Berlin. Sogar die Schweizer machen sich inzwischen über die „Angst“ lustig. Sicherlich nicht ganz zu unrecht.

German Angst gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Da waren das „Waldsterben“, die „Volkszählung“, die „Wiedervereinigung“. All diese Ereignisse zeigten, dass es uns Deutschen doch recht schwerfällt, sich auf Veränderungen unserer Umwelt und Lebensweise einzustellen. Beantwortet werden solche Veränderungen mit einer fast psychotischen Angst wie bei der Volkszählung in den 1980er Jahren. Viele Bürger und zahlreiche Kommentatoren sahen den Rechtsstaat untergehen und erblickten in Helmut Kohl den Big Brother. Auch das Bundesverfassungsgericht musste sich der Sache annehmen. Die Folgen sind bekannt. Wir haben heute weltweit mit die schärfsten Datenschutzbestimmungen, worüber sich andere Gesellschaften nur verwundert die Augen reiben. German Angst im Datenschutzrecht manifestiert. Nun gut!

Und dann trat auch noch das nächste Übel auf den Plan. Die amerikanische „Datenkrake“ Facebook bietet in den USA, nicht hier in Deutschland, den neuen Dienst „Places“ an, mit dem man seinen Freunden oder wem auch immer mitteilen kann, wo man sich gerade befindet. Das mag gut und manchmal nützlich sein, man kann aber auch gut ohne diesen Dienst leben. Netzpolitik.org hat inzwischen eine Anleitung zum Abschalten online gestellt, sodass jeder Facebook-Nutzer selbst entscheiden kann, ob er diesen Dienst irgendwann einmal nutzen möchte, wenn er denn dann in Deutschland funktioniert.

Aber auch hier treffen wir wieder auf die gewohnte German Angst. Diesmal hat das linke Zentralorgan für Verschwörungstheorien „Junge Welt“  aufgedeckt, dass es sich um eine neue elektronische „Fußfessel“ handelt, die von bösen Menschen („Personalchefs“) zur Überwachung genutzt werde könne. Wie gut, dass sich die „Junge Welt“ (gegründet 1947!) auch um die Jobs von Privatdetektiven Sorgen macht. Aber auch ihnen könnten ja mit der Überwachung von Facebook-Accounts neue Aufgabenfelder erwachsen. Wie absurd diese ganze Angstmacherei ist, zeigt sich allein darin, dass die Zeitung mit keinem Wort erwähnt, dass der Dienste „Places“ bisher in Deutschland überhaupt nicht verfügbar ist (nur ein kurzer Halbsatz weist auf die Nutzung in den USA hin), dass es sich deaktivieren lässt und ein Arbeitgeber wohl kaum jemanden dazu zwingen kann, sich bei Facebook anzumelden und dort anzugeben, wo man sich gerade befindet. Wer solche Ideen verbreitet, bemüht sich nicht um Aufklärung oder zeigt konkrete Lösung auf, sondern schürt nur die German Angst vor dem neuen Unbekannten. Auch dies wird sicher wieder willige Nachahmer finden, die der üblichen Hysterie anheimfallen und alle Übel dieser Welt heraufbeschwören.

Rezension: Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille

Ulrich Kasparick hat ein interessantes, ein lesbares Buch geschrieben. Als ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär war er in verschiedenen Ministerien der Regierungen Schröder und Merkel tätig. Nun, so suggeriert der Titel, hat er die „Notbremse“ gezogen und ist ausgestiegen aus dem Politikbetrieb. Mit der Bundestagswahl 2009 hat er sein Mandat und seine Funktionen aufgegeben und sich ins Privatleben zurückgezogen.

Hier beginnt für ihn die Stille, die schon zuvor gesucht hat. Noch während seiner aktiven Zeit hat Kasparick versucht, Einkehr zu finden und die innere Ruhe wiederherzustellen, die ihm abhanden gekommen ist. Er schildert seine Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus in der ehemaligen DDR und seine Lebensumstände, die ihn dazu brachten, sich in den späteren Jahren einer besonderen Spiritualität zuzuwenden.

Intensiv hat sich Kasparick, selbst gelernter Theologe, mit dem ZEN-Buddhismus, der Spiritualität des Islams oder christlichen Mystikern wie Meister Eckhardt oder Theresa von Avilla auseinandergesetzt. Er hat in diesen Texten seine persönliche Kraftquelle gefunden, die es ihm auch ermöglichte, eigene Schicksalsschläge wie eine Krebserkrankung oder einen Schlaganfall zu überstehen. Aber auch neuere Autoren wie der ehemaligen UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld haben ihn auf seinem Weg begleitet und geholfen, die ersehnte Stille zu finden. Er hat sich einen eigenen Meditationsraum eingerichtet, um die Ruhe selbst spüren zu können, wie er seine Empfindungen schildert.

Diese Veränderungen waren nicht einfach für jemanden, der wie Kasparick rund 20 Jahre aktiv Politik in verschiedenen Funktionen betrieben hat. Für einen, der 1989 quasi über Nacht in die Politik kam und den sie nicht mehr losgelassen hat. So schildert er, manchmal fast anekdotenhaft, einzelne Erlebnisse und Erfahrungen aus seiner aktiven Zeit und der Leser erfährt einige Details aus dem Leben eines Abgeordneten. Manches ist nur dann wirklich nachvollziehbar, wenn man die Abläufe im Bundestag und den Fraktionen kennt. Hier macht sich bei ihm öfters mal ein Hauch von Frustration bemerkbar, wenn er etwa berichtet, wie politische, inhaltliche Arbeit im Bundestag geleistet wird. Da schwingt oft der Wunsch des einzelnen Abgeordneten mit, Politik selbst zu gestalten, statt sich der Fraktion und der Koalitionsmeinung zu unterwerfen.

Er selbst wünscht sich eine neue Politik. Eine Politik, die sich auf Nachdenken, Entschleunigung und wirkliche Diskussion stützt. Kasparick kritisiert vor allem, dass das politische Geschäft in den letzten Jahren immer hektischer und schnelllebiger geworden sei und dass keine Zeit mehr für eine intensivere Beschäftigung mit den Themen bliebe. Er verbindet dies mit einer skeptischen Haltung gegenüber Internet-Anwendungen und sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Er fordert gar, dass sich Politik wieder in „geschützte Räume“ (S. 130) zurückziehen solle, um in Ruhe zu beraten. „Werkstattcharakter müsse möglich sein“ (S. 130), um der Komplexität der Sachverhalte gerecht zu werden. Hier scheint er jedoch auf dem falschen Weg zu sein, denn diese „Hinterzimmerpolitik“ ist gerade das, was die Öffentlichkeit nun nicht mehr möchte. Politik verlangt zunehmend nach Transparenz, stärkerer Bürgerbeteiligung und Offenheit gegenüber neuen, unkonventionellen Vorschlägen. So unterstützt der Autor zwar die Zusammenarbeit mit NGOs, um deren Sachverstand zu nutzen. Die Idee einer neuen, kollaborativen Arbeit, wie sie heute in vielen Politikbereichen eingefordert wird, scheint bei Kasparick jedoch noch nicht angekommen zu sein. Umso verwunderlicher als er offenbar selbst sehr aktiv bei Facebook unterwegs ist.

Ein weiterer Kritikpunkt: Kasparick selbst postuliert eine sprachliche Abrüstung und mehr gegenseitiges Zuhören. Doch selbst kann er offenbar nicht von dieser martialischen Sprache lassen, wenn er sich gerne an „erfahrene, kampferprobte Weggefährten“, „Kämpen“ (S. 168) erinnert, mit denen er zusammen „manche politische Schlacht geschlagen“ (ebd.) hat. Dies alles klingt nicht nach einem überzeugten Abschied, sondern nach ein bisschen Wehmut. Und dass er stolz ist auf seine Verbindungen ist, kann auch Kasparick nicht verheimlichen. So führt er aus, dass sein eigener Verteiler „nicht ganz ohne Einfluss“ (S. 165) sei, um Freunde, Kollegen und Parteimitglieder nach der verlorenen Bundestagswahl zu beruhigen und wieder aufzubauen. Frei von Eitelkeiten ist auch er nicht. Es passt auch nicht recht zusammen, wenn er einerseits twitternde Abgeordnete kritisiert und im nächsten Moment seine eigene Arbeit im Netz darstellt. Ein bisschen mehr kritische Distanz hätte man sich an dieser Stelle schon gewünscht.

Letztlich bleibt ein schaler Geschmack zurück, denn Kapsarick hat nicht wirklich die „Notbremse“ gezogen. Wenn jemand über ein Jahr vor der Wahl beschließt, nicht mehr zu kandidieren, kann man dies kaum als „Notbremsung“ ansehen. Dies war kein spontaner Entschluss, sondern ein lange geplanter Ausstieg, der sicherlich seine guten Gründe hat. Vor diesem Hintergrund erscheint der Titel doch etwas reißerisch. Auch hat er sich nicht ganz zurückgezogen und verbringt sein Sabbatical in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit. Vielmehr schreibt hier jemand, der es eben doch nicht lassen kann, über Facebook, Twitter, Blog und andere Netzwerke politische Kommentare zu senden und sich einzumischen.

Ulrich Kasparick schreibt in seinem Buch viel Lesenswertes und Nachdenkliches und kann auch manchen Einblick in ein Politikerleben bieten. Es bleibt aber auch der Eindruck, dass die Notbremse eben doch keine echte Notbremse war, sondern vielmehr ein geordneter Rückzug aus der aktiven Politik.

Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010. 222 S.

Herbstzeit im Hochsommer

14. August 2010 1 Kommentar

Dienstagmorgen, kurz nach halb sieben, unterwegs im ICE Richtung Berlin. Draußen ist es kühl, feucht und regnerisch. Grau und schwer hängen die Wolken über der Stadt. Erfurt ist an diesem Morgen nicht sehr einladend. Langsam setzt sich der Zug in Richtung Osten in Bewegung, vorbei an Baustellen und kleinen Orten. Es ist August, in diesen Momenten fühlt es sich eher wie Oktober an.

Und doch: kurz hinter Weimar, nur wenige Kilometer nach dem Start reißt der Himmel ein wenig auf und die Sonne bricht verhalten durch. Leichter Nebel steigt auf, die feuchte Luft hängt über den Feldern. Eine geradezu malerische Stimmung entsteht und erhellt das Gemüt. Caspar David Friedrich hätte seine Freude an der Szene gehabt. Ich wünsche mir, ich könnte den Zug für einige Minuten anhalten, um auszusteigen und die Eindrücke mit der Kamera festzuhalten. So bleiben nur das Gedächtnis und die Empfindung, dass es irgendwie doch schon ein wenig Herbst sein muss.

Dies ist nicht der Hochsommer, den man sich für August vorstellt. Statt Hitzewelle, vertrockneter Felder und staubiger Straßen liegt kühler Nebel über Feldern und Wäldern und stimmt ein wenig melancholisch. Ein Feldhase überquert eine Wiese und sucht nach etwas Fressbarem. Eine angenehme Stille. Nur das leise Rattern des Zuges ist zu hören, die meisten Mitreisenden schlafen oder widmen sich ihrer Lektüre. Nicht einmal die sonst üblichen Handy-Gespräche oder das Geklapper der Laptops sind zu hören. Ich blicke weiter hinaus und genieße das weiche Licht durch die dünnen Wolken, das eine fast zauberhafte Stimmung in den Morgenhimmel zeichnet.

Das Saaletal speichert geradezu die Feuchtigkeit der Nacht und ringt mit Regen und Sonnenschein, ohne sich recht entscheiden zu können. Vorerst obsiegt die Sonne und kämpft sich durch die Wolken. Schnell erreicht der ICE Naumburg, das noch vom Nebel eingeschlossen ist. Nur die Türme der Kirchen ragen aus dem Dunst hervor und die Silhouetten der Häuser sind im trüben Gegenlicht zu sehen. Auch hier bleibt der Eindruck, ein Maler hätte sich die Zeit genommen, das Gesehene auf der Leinwand festzuhalten und für die Ewigkeit zu bewahren. Weiter geht es Richtung Osten. Die Bewölkung wird wieder dichter, das Grau des Himmels wieder dunkler und ein paar Tropfen Regen zerfließen an den Scheiben. Leipzig kann sich auch noch nicht gegen diese herbstliche Jahreszeit wehren und die Sonne ist nur zu erahnen. Erst kurz vor Berlin öffnen sich wieder die Wolken und lassen das Licht hindurch. Hier ist die Kühle des Morgens schon einer schwülen Feuchte gewichen, die mich kaum dazu motiviert, den Koffer neben der wieder einmal defekten Rolltreppe der U-Bahn hoch zu schleppen. Noch ein paar Schritte bis zum Büro, ein neuer Arbeitstag beginnt. Ein echter Sommer ist das aber noch immer nicht.

Kategorien:Das Leben Schlagwörter: , ,

Foto des Tages: „Kläranlage“

Eine etwas altertümlich anmutende „Kläranlage“  nahe Zeulenroda, Thüringen.  Juli 2010.

Ob diese Einrichtung wohl noch den Vorschriften entspricht?

Die kontemplative Seite der Bildbearbeitung

6. August 2010 1 Kommentar

Fotografieren ist eine Form des Ausgleichs, die ich gerne pflege. Es macht einfach Spaß, durch Straßen und Landschaften zu ziehen und die Eindrücke festzuhalten. Ganz gleich ob Architektur, Natur oder Menschen. Alles hat seinen eigenen Reiz und Schönheit. Doch irgendwie ist man auch immer auf der Jagd nach interessanten Motiven und guten Bildern. Nur allzu leicht gerät dabei der Gedanke der Entspannung, die das Hobby eigentlich bringen soll, in den Hintergrund. Der Wunsch, das „perfekt Bild“, das es ja sowieso nicht gibt, zu machen, ist doch oft vorhanden. Da hilft nur, sich manchmal selbst ein wenig zurückzunehmen und die Eindrücke erst einmal wirken zu lassen.

Einmal mehr bleibt da die Bildbearbeitung als die Möglichkeit, sich selbst auf die gemachten Fotos zu konzentrieren und sich intensiver mit ihnen zu beschäftigen. Gerade diese Zeit bedeutet für mich Ruhe und Entspannung. Einfach ein Moment der Einkehr, wenn man nur das leise Klicken der Maus oder des Grafiktabletts hört. Es ist auch die Gelegenheit, das Gesehene, das nun in digitaler Form auf dem Monitor erscheint, noch einmal zu verinnerlichen und sich Gedanken zu machen. Da geht es nicht darum, das Bild „schöner“ oder attraktiver zu machen, damit es noch mehr User in den einschlägigen Foren bejubeln und mit geistreichen Kommentaren versehen. Vielmehr ist es eine Zeit, in der es sich lohnt, die Eindrücke, die einen dazu bewegt haben, das Foto zu machen, noch einmal zu rekapitulieren und sich fröhlicher, aber manchmal auch nachdenklicher Momente zu erinnern. All dies lässt sich für mich verbinden, wenn ich vor dem Monitor sitze und die Aufnahmen betrachte und bearbeite. Auch hier gilt: oft ist weniger mehr, um den Eindruck des Fotos nicht durch eine intensive Bearbeitung zu sehr zu verfälschen. Was bleibt ist die Einsicht, dass man diese Minuten der Ruhe der Bearbeitung nutzen sollte, sich all die Erinnerungen und Empfindungen, die man mit dem Foto verbindet, zurückzuholen und diese zu verarbeiten. Dann ist der Kopf schnell wieder frei für die nächste „Jagd“ nach neuen Ideen, Eindrücken und Aufnahmen.

Kategorien:Artikel, Das Leben, Fotografie Schlagwörter: ,

Vom Sinn des Waschens…

Neulich im Supermarkt. Isa und ich rollen gemächlich auf die Kasse zu, nur ein paar Teile im Wagen. Da sollte es am Band nicht lange dauern. Aber auch nur wenige Minuten können lange werden. Plötzlich rümpft Isa die Nase und mault: „Hier stinkt’s ekelhaft!“ Ich schniefe herum und werde sogleich von der Wolke getroffen. In der Reihe vor uns steht ein Typ, der eigentlich ganz „normal“ aussieht. Weder besonders abgerissen noch sonst irgendwie „komisch“.

Aber der Typ riecht einfach entsetzlich streng. Will heißen: er stinkt nach Schweiß, als ob er sich drei Wochen nicht gewaschen hat. Er riecht wie ein alter Ziegenbock und strahlt seine Ausdünstungen auf mehrere Meter aus. Die arme Kassiererin rückt mit ihrem Stuhl so weit wie möglich nach hinten und vergräbt ihr Gesicht in den Kleingeldrollen. Sie starrt mich an, während ich mich dezent nach hinten zu Isa umdrehe. Nun gilt es, das Kind von weiteren lautstarken Kommentierungen abzuhalten. Zu spät: ein lautes „Bääähh!“ durchbricht die Stille. Doch der Typ an der Kasse hebt unbeirrt seine Arme, um auch noch die letzten Wolken aus dem Muscle-Shirt entweichen zu lassen. Zum Glück hat er sein Feierabend-Bier schnell bezahlt und verlässt den Ort des Geschehens. Die Kassiererin und ich lassen ein lautes „pfffft“ hören und versuchen zu atmen. Isa aus dem Hintergrund: „Warum stinkt der Mann so ekelig?“

DAS ist die richtige Frage. Okay, es ist Hochsommer, fast 30 Grad draußen und jeder Mensch schwitzt unweigerlich. Aber muss man denn so ungewaschen und stinkend durch die Gegend laufen? Wohl kaum! Es gibt genügend fließend Wasser, Seife und Deos in Deutschland. Niemand muss so riechen und eine solche Zumutung für seine Mitmenschen abgeben.

Aber offenbar ist Hygiene für Manche doch eine Frage des eher zufälligen Zusammentreffens mit Wassers. Man mag nun argumentieren, dass man doch Toleranz walten lassen solle, man schließlich nicht immer Seife und Deo zur Hand habe. Aber darum geht es nicht. Es ist offenbar ein grundsätzliches Problem, denn solche Menschen ist es offenbar völlig egal, wie sie anderen Menschen begegnen und deren Toleranz strapazieren. Meine Toleranzgrenze ist auf jeden Fall an dieser Stelle erreicht. Vor allem dann, wenn einem solche Begegnungen häufiger, vor allem auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, widerfahren, wo man sich den Ausdünstungen eben nicht so einfach entziehen kann. Waschen hat also nicht nur persönliche Hygieneaspekte, sondern auch eine soziale Bedeutung. Nur scheint sich dieser Gedanken leider noch nicht überall durchgesetzt zu haben.

Kategorien:Das Leben Schlagwörter: , ,
%d Bloggern gefällt das: