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Rezension: Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille

Ulrich Kasparick hat ein interessantes, ein lesbares Buch geschrieben. Als ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär war er in verschiedenen Ministerien der Regierungen Schröder und Merkel tätig. Nun, so suggeriert der Titel, hat er die „Notbremse“ gezogen und ist ausgestiegen aus dem Politikbetrieb. Mit der Bundestagswahl 2009 hat er sein Mandat und seine Funktionen aufgegeben und sich ins Privatleben zurückgezogen.

Hier beginnt für ihn die Stille, die schon zuvor gesucht hat. Noch während seiner aktiven Zeit hat Kasparick versucht, Einkehr zu finden und die innere Ruhe wiederherzustellen, die ihm abhanden gekommen ist. Er schildert seine Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus in der ehemaligen DDR und seine Lebensumstände, die ihn dazu brachten, sich in den späteren Jahren einer besonderen Spiritualität zuzuwenden.

Intensiv hat sich Kasparick, selbst gelernter Theologe, mit dem ZEN-Buddhismus, der Spiritualität des Islams oder christlichen Mystikern wie Meister Eckhardt oder Theresa von Avilla auseinandergesetzt. Er hat in diesen Texten seine persönliche Kraftquelle gefunden, die es ihm auch ermöglichte, eigene Schicksalsschläge wie eine Krebserkrankung oder einen Schlaganfall zu überstehen. Aber auch neuere Autoren wie der ehemaligen UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld haben ihn auf seinem Weg begleitet und geholfen, die ersehnte Stille zu finden. Er hat sich einen eigenen Meditationsraum eingerichtet, um die Ruhe selbst spüren zu können, wie er seine Empfindungen schildert.

Diese Veränderungen waren nicht einfach für jemanden, der wie Kasparick rund 20 Jahre aktiv Politik in verschiedenen Funktionen betrieben hat. Für einen, der 1989 quasi über Nacht in die Politik kam und den sie nicht mehr losgelassen hat. So schildert er, manchmal fast anekdotenhaft, einzelne Erlebnisse und Erfahrungen aus seiner aktiven Zeit und der Leser erfährt einige Details aus dem Leben eines Abgeordneten. Manches ist nur dann wirklich nachvollziehbar, wenn man die Abläufe im Bundestag und den Fraktionen kennt. Hier macht sich bei ihm öfters mal ein Hauch von Frustration bemerkbar, wenn er etwa berichtet, wie politische, inhaltliche Arbeit im Bundestag geleistet wird. Da schwingt oft der Wunsch des einzelnen Abgeordneten mit, Politik selbst zu gestalten, statt sich der Fraktion und der Koalitionsmeinung zu unterwerfen.

Er selbst wünscht sich eine neue Politik. Eine Politik, die sich auf Nachdenken, Entschleunigung und wirkliche Diskussion stützt. Kasparick kritisiert vor allem, dass das politische Geschäft in den letzten Jahren immer hektischer und schnelllebiger geworden sei und dass keine Zeit mehr für eine intensivere Beschäftigung mit den Themen bliebe. Er verbindet dies mit einer skeptischen Haltung gegenüber Internet-Anwendungen und sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Er fordert gar, dass sich Politik wieder in „geschützte Räume“ (S. 130) zurückziehen solle, um in Ruhe zu beraten. „Werkstattcharakter müsse möglich sein“ (S. 130), um der Komplexität der Sachverhalte gerecht zu werden. Hier scheint er jedoch auf dem falschen Weg zu sein, denn diese „Hinterzimmerpolitik“ ist gerade das, was die Öffentlichkeit nun nicht mehr möchte. Politik verlangt zunehmend nach Transparenz, stärkerer Bürgerbeteiligung und Offenheit gegenüber neuen, unkonventionellen Vorschlägen. So unterstützt der Autor zwar die Zusammenarbeit mit NGOs, um deren Sachverstand zu nutzen. Die Idee einer neuen, kollaborativen Arbeit, wie sie heute in vielen Politikbereichen eingefordert wird, scheint bei Kasparick jedoch noch nicht angekommen zu sein. Umso verwunderlicher als er offenbar selbst sehr aktiv bei Facebook unterwegs ist.

Ein weiterer Kritikpunkt: Kasparick selbst postuliert eine sprachliche Abrüstung und mehr gegenseitiges Zuhören. Doch selbst kann er offenbar nicht von dieser martialischen Sprache lassen, wenn er sich gerne an „erfahrene, kampferprobte Weggefährten“, „Kämpen“ (S. 168) erinnert, mit denen er zusammen „manche politische Schlacht geschlagen“ (ebd.) hat. Dies alles klingt nicht nach einem überzeugten Abschied, sondern nach ein bisschen Wehmut. Und dass er stolz ist auf seine Verbindungen ist, kann auch Kasparick nicht verheimlichen. So führt er aus, dass sein eigener Verteiler „nicht ganz ohne Einfluss“ (S. 165) sei, um Freunde, Kollegen und Parteimitglieder nach der verlorenen Bundestagswahl zu beruhigen und wieder aufzubauen. Frei von Eitelkeiten ist auch er nicht. Es passt auch nicht recht zusammen, wenn er einerseits twitternde Abgeordnete kritisiert und im nächsten Moment seine eigene Arbeit im Netz darstellt. Ein bisschen mehr kritische Distanz hätte man sich an dieser Stelle schon gewünscht.

Letztlich bleibt ein schaler Geschmack zurück, denn Kapsarick hat nicht wirklich die „Notbremse“ gezogen. Wenn jemand über ein Jahr vor der Wahl beschließt, nicht mehr zu kandidieren, kann man dies kaum als „Notbremsung“ ansehen. Dies war kein spontaner Entschluss, sondern ein lange geplanter Ausstieg, der sicherlich seine guten Gründe hat. Vor diesem Hintergrund erscheint der Titel doch etwas reißerisch. Auch hat er sich nicht ganz zurückgezogen und verbringt sein Sabbatical in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit. Vielmehr schreibt hier jemand, der es eben doch nicht lassen kann, über Facebook, Twitter, Blog und andere Netzwerke politische Kommentare zu senden und sich einzumischen.

Ulrich Kasparick schreibt in seinem Buch viel Lesenswertes und Nachdenkliches und kann auch manchen Einblick in ein Politikerleben bieten. Es bleibt aber auch der Eindruck, dass die Notbremse eben doch keine echte Notbremse war, sondern vielmehr ein geordneter Rückzug aus der aktiven Politik.

Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010. 222 S.

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