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German Angst 2.0

In letzten Tagen gab es wieder einmal viel Aufregung um Google und Facebook. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung in den digitalen und analogen Medien stehen die neuen Dienste „Street View“ und „Places“ (Orte), die von den Anbietern eingeführt werden.

Mit dem Erscheinen der Dienste, noch bevor sie überhaupt in Deutschland aktiviert sind, taucht ein altbekanntes Phänomen wieder:  „German Angst“. Wie sofort zuvor, macht sich wieder Panik in unserem Land breit. Die Angst vor dem guten, alten „Big Brother“ ist erneut ausgebrochen. Mit Street View soll nun angeblich jeder die Möglichkeit haben, dem Nachbar oder sonst einem Bürger noch besser als bisher über den Zaun zu schon und zu beobachten. Dass dies nicht möglich ist, schließlich handelt es sich ja nicht um Live-Aufnahmen einer Webcam, wird hier zumeist bewusst oder unbewusst übergangen. Was wir sehen werden, sind nur die abfotografierten Häuserfronten, also nur Straßenansichten, die sowieso jeder sehen kann. Hier geht es nicht um die Beobachtung lebender Menschen, sondern um eine fotografische Gesamtdarstellung deutscher Straßenzüge. Gerne wird in diesem Zusammenhang das Argument vorgebracht, sei könnte es sich dabei um einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Hausbesitzers oder Mieters handeln. Doch halt: Häuserfassaden haben keine Persönlichkeitsrechte. Wer so etwas behauptet, negiert den Unterschied zwischen Mensch und seiner Umwelt. Und schließlich: schon seit langem gilt in Deutschland die Panoramafreiheit, die das Fotografieren von Häuser oder Straßenansichten aus dem öffentlichen Raum heraus erlaubt. So kann sich auch jetzt schon jeder, der die technischen Möglichkeiten besitzt, seine private Street View-Ansicht basteln und ins Internet stellen. Solange keine Personen abgebildet sind, spricht auch nichts gegen eine solche Darstellung.

Man kann nur dankbar sein, dass inzwischen zahlreiche vernünftige Menschen sich entsprechend positioniert haben und ein Verbot von Google Street View ablehnen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nichts gegen Aufnahmen einzuwenden, denn schließlich gehört ihr Haus bereits zu den meist fotografierten Objekten in Berlin. Sogar die Schweizer machen sich inzwischen über die „Angst“ lustig. Sicherlich nicht ganz zu unrecht.

German Angst gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Da waren das „Waldsterben“, die „Volkszählung“, die „Wiedervereinigung“. All diese Ereignisse zeigten, dass es uns Deutschen doch recht schwerfällt, sich auf Veränderungen unserer Umwelt und Lebensweise einzustellen. Beantwortet werden solche Veränderungen mit einer fast psychotischen Angst wie bei der Volkszählung in den 1980er Jahren. Viele Bürger und zahlreiche Kommentatoren sahen den Rechtsstaat untergehen und erblickten in Helmut Kohl den Big Brother. Auch das Bundesverfassungsgericht musste sich der Sache annehmen. Die Folgen sind bekannt. Wir haben heute weltweit mit die schärfsten Datenschutzbestimmungen, worüber sich andere Gesellschaften nur verwundert die Augen reiben. German Angst im Datenschutzrecht manifestiert. Nun gut!

Und dann trat auch noch das nächste Übel auf den Plan. Die amerikanische „Datenkrake“ Facebook bietet in den USA, nicht hier in Deutschland, den neuen Dienst „Places“ an, mit dem man seinen Freunden oder wem auch immer mitteilen kann, wo man sich gerade befindet. Das mag gut und manchmal nützlich sein, man kann aber auch gut ohne diesen Dienst leben. Netzpolitik.org hat inzwischen eine Anleitung zum Abschalten online gestellt, sodass jeder Facebook-Nutzer selbst entscheiden kann, ob er diesen Dienst irgendwann einmal nutzen möchte, wenn er denn dann in Deutschland funktioniert.

Aber auch hier treffen wir wieder auf die gewohnte German Angst. Diesmal hat das linke Zentralorgan für Verschwörungstheorien „Junge Welt“  aufgedeckt, dass es sich um eine neue elektronische „Fußfessel“ handelt, die von bösen Menschen („Personalchefs“) zur Überwachung genutzt werde könne. Wie gut, dass sich die „Junge Welt“ (gegründet 1947!) auch um die Jobs von Privatdetektiven Sorgen macht. Aber auch ihnen könnten ja mit der Überwachung von Facebook-Accounts neue Aufgabenfelder erwachsen. Wie absurd diese ganze Angstmacherei ist, zeigt sich allein darin, dass die Zeitung mit keinem Wort erwähnt, dass der Dienste „Places“ bisher in Deutschland überhaupt nicht verfügbar ist (nur ein kurzer Halbsatz weist auf die Nutzung in den USA hin), dass es sich deaktivieren lässt und ein Arbeitgeber wohl kaum jemanden dazu zwingen kann, sich bei Facebook anzumelden und dort anzugeben, wo man sich gerade befindet. Wer solche Ideen verbreitet, bemüht sich nicht um Aufklärung oder zeigt konkrete Lösung auf, sondern schürt nur die German Angst vor dem neuen Unbekannten. Auch dies wird sicher wieder willige Nachahmer finden, die der üblichen Hysterie anheimfallen und alle Übel dieser Welt heraufbeschwören.

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