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Rezension: Tobias Daniel Wabbel: Der Templerschatz. Eine Spurensuche

Mancher mag sich denken, nicht noch so ein Buch über den Schatz der Templer. Wieder so ein ‚Irrer‘, der eine wilde Verschwörungstheorie ausbreitet. Doch weit gefehlt.

Dem Publizisten und Journalisten Tobias Daniel Wabbelist es trotz des berechtigten Misstrauens gelungen, eine lesenswerte Beschreibung seiner „Spurensuche“ vorzulegen. Wer allerdings hofft, anhand dieses Buches den Templerschatz zu finden, wird leider enttäuscht. Auch Wabbel hat den Schatz nicht in Frankreich gefunden, auch wenn er sämtliche greifbaren Hinweise ausgewertet und für seine Arbeit interpretiert hat. Ihm gelingt es, seinen Stoff spannend zu beschreiben, was er auch durch teilweise anekdotenhafte Erzählungen seiner Recherchereisen in Frankreich und Schottland auflockert.  

So beginnt er, nach einer kurzen Einführung in die Entstehungsgeschichte des Templerordens, mit seinen Überlegungen, was der Schatz eigentlich gewesen sein könnte. Er interpretiert hierfür zahlreiche Stellen des Alten Testaments und untersucht die mittelalterlichen Gralsepen (S. 76ff) des Chrétien de Toyes („Perceval“) und des Wolfram von Eschenbach („Parzival“). Wabbel kommt zu dem Schluss, dass der Templerschatz die religionsgeschichtlich wichtigste Reliquie, nämlich die Bundeslade mit den Tafeln mit den 10 Geboten, enthalten habe. Diese sei von den Israeliten nach der Ankunft im Heiligen Land, aus Angst vor Überfällen, in den Höhlen unter dem Tempel Salomons versteckt worden. In Laon schließlich glaubt Wabbel die Gralsburg zu erkennen, die beide Autoren in ihren Romanen beschreiben.  

Dies alles klingt recht plausibel, wertet der Autor doch bereits vorliegende historische, wenn auch zumeist populärwissenschaftliche Darstellungen und zahlreiche Bibelstellen aus und setzt ein Mosaik aus vielen Steinchen zusammen. Nach dem 1. Kreuzzug, der Eroberung Jerusalems und der geheimen Gründung des Templerordens, machten sich dessen Vertreten im 12. Jahrhundert auf den Weg in die heilige Stadt und begannen mit der Suche nach der Bundeslade unter dem salomonischen Tempel. Jahrelang „erforschten“ sie den Tempel mit seinen Höhlen und Gängen und müssten, so Wabbel, letztlich erfolgreich gewesen sein. Sie brachten die Bundeslade mit ihrem Inhalt nach Frankreich, wo sie sich seit Jahrhunderten befinden solle.  

Als „Beweis“ für seine Theorie führt Wabbel den Bau zahlreicher gotischer Kathedralen in Nordostfrankreich an, die von dem reichen Templerorden mit finanziert worden seien. Die Auswahl der Orte erfolgte dabei, so seine Theorie, nicht historischen Gegebenheiten oder der Größe und dem Ansehen der Städte nach, sondern allein nach einer eher astronomischen Deutung. So ergäbe die Lage der Kathedralen die Sternbilder „Jungfrau“ und „Drache“, die im Templerorden eine besondere Bedeutung besaßen (S. 183ff). Wabbel kommt schließlich zu dem Schluss, dass der Schatz sich im Umfeld der Kathedrale von Laon befinden müssen, das er als „Gamma Draconis“, dem „Kopf des Drachens“ identifiziert (S. 222). Den endgültigen Beweis muss er trotz seiner für ihn überzeugenden Darlegungen letztlich schuldig bleiben, denn seine Deutungen beruhen nur auf Indizien. So interpretiert er etwa die umfangreiche Ornamentik an den Kathedralen, die auf die Anwesenheit der Templer und schließlich auch des Schatzes hindeuten sollen.  

Dies ist der eigentliche Makel des Buches. Es fehlen für die meisten Theorien, die Wabbel aufstellt, schlichtweg die wirklich stichhaltigen Beweise. Seine Annahmen klingen zumeist plausibel, aber wie wahrscheinlich ist es, dass sie weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen stand halten? So führt er u.a. aus, dass die Templer im Laufe der Jahrzehnte zum jüdischen Glauben übergegangen seien und ihre katholische Herkunft ablegten. Als „Beweis“ führt er dazu Verhörprotokolle an, die nach der Verhaftung zahlreicher Templer nach der Zerschlagung des Ordens durch den französischen König Philipp IV. im Jahr 1307 aufgezeichnet wurden (S. 209f). Doch welchen Wert haben Aussagen, die unter Folter oder deren Androhung gemacht wurden? Waren die Betroffenen nicht bereit, fast alles zu „gestehen“, wenn sie damit nur der Tortur entgehen konnten? Die Geschichte der Inquisition hat nur allzu gut gezeigt, dass solche Aussagen in der Regel ohne einen realen Hintergrund waren. Zu Recht gelten solche Foltergeständnisse heute als nicht juristisch verwertbar. Warum also nimmt Wabbel sie dann für bare Münze? 

Der Autor hat mit seiner Arbeit der Templerforschung einen weiteren Beitrag hinzugefügt, auch wenn er den letztlich stichhaltigen Beweis für die Existenz des Schatzes und vor allem der Bundeslade nicht liefern kann. Seine Theorie, dass sich die Lade in Laon befinden müsse, ist sicherlich ein guter Ansatzpunkt für weitere Nachforschungen. Es bleibt also abzuwarten, ob irgendwann die Meldung erscheint: „Templerschatz gefunden – Spurensuche beendet“. Lesenswert ist das Buch allemal, weil es den Leser ein wenig einführt in die mittelalterliche Welt der Ritter und Ordensleute und manch interessantes Detail aus der Frühzeit der französischen Gotik berichtet.  

Tobias Daniel Wabbel: Der Templerschatz. Eine Spurensuche. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010. 256 S.

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