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Rezension: Christoph Koch. Ich bin dann mal offline

Christoph Koch, Journalist und Einwohner Berlins, hat sich auf einen gewagten Selbstversuch eingelassen. Weg von all den Handys und Online-Medien – zurück in die Zeit von Festnetztelefonen, Fernsehen und „Holzmedien“. Zumindest für ein paar Wochen. 40 Tage und Nächte hat er durchgehalten und sich all den Folgen gestellt, die sich aus dem Zustand „offline“ ergeben. 

Und die Folgen sind offenbar vielfältiger Natur: zum einen zeigen sich körperliche Symptome und der Autor spürt, „wie sich starke Kopfschmerzen breitmachen“ (S. 33). Ständig verspürt er das Bedürfnis, auf sein Handy zu starren, das er jedoch gar nicht mehr bei sich trägt. „Phantomvibrationen“ nennt er das vermeintliche Brummen des Geräts in der Hosentasche, das jedoch gut gesichert in einer Schublade sein Dasein fristen muss. Aber zur Beruhigung für all diejenigen, die sich ähnlichen Tests unterziehen wollen. Offenbar lassen die Symptome nach einigen Tagen nach und ein „normales“ Leben ist wieder möglich.

Koch hat sich den Herausforderungen seines offline-Daseins gestellt und versucht, die Hürden des Alltags zu meistern. Dass dies in einer hochgradig vernetzten Welt gar nicht so einfach ist, zeigt sich z. B. daran, wie sehr der moderne Großstadtbewohner auf sein Mobiltelefon angewiesen ist. Verabredungen werden zunehmend vage und funktionieren nun nur noch auf Zuruf übers Handy. Was aber wenn selbiges nicht vorhanden ist? Auch die klassischen Telefonzellen sind inzwischen ein rares Gut in der Stadt und wer hat heute noch Telefonkarten dabei? Und ist es überhaupt heute möglich, ein Hotelzimmer in Bonn zu buchen, indem man einfach in Reisebüro geht? Selbst solch einfache Tätigkeiten werden heute zur echten Herausforderung, wenn sie nicht mehr zur Verfügung stehen (S. 180f).

Und dennoch es ihm gelungen, diese Hindernisse zu überwinden und seine berufliche Tätigkeit für verschiedene Medien fortzusetzen. Zahlreiche Interviews hat er in seinen offline-Tagen geführt und manche Erfahrungen von anderen Autoren zusammengetragen. Darin liegt der eigentliche „Nährwert“ des Buchs. Neben seinen persönlichen Schilderungen gibt Koch einige Beispiele von Leuten wieder, die aus irgendwelchen Gründen offline waren und ihre Situationen meistern mussten. Er berichtet von seiner Begegnung mit dem „Geräuschesammler“, einem Amerikaner, der sich in die Einsamkeit der Natur zurückzieht, um sich nicht menschlichen Geräuschen aussetzen zu müssen (S. 140ff). Ergänzt werden die Schilderungen persönlicher Eindrücke noch durch einige Verweise auf wissenschaftliche oder publizistische Arbeiten, sich mit Internet-Themen oder Lebensführung befassen. Natürlich ist auch Schirrmachers „Payback“ dabei, das heute quasi als Anti-Entwurf der Onliner geführt wird. 

Was ist Kochs Fazit? Es ist beruhigend zu lesen, dass es auch „offline“ weiter geht. Man muss nicht immer im Netz sein, sein Handy in der Hosentasche haben und immer 100% erreichbar sein. Manches aus dem Freundeskreis läuft an einem vorbei, wenn man nicht ständig seinen Facebook-Account checkt oder Emails abruft. Aber es ist auch möglich, sich wieder realen persönlichen Beziehungen zu widmen und Menschen in ihrem natürlichen Lebensumfeld zu treffen. Der Autor hat selbst Konsequenzen gezogen und sich selbst eine Entschleunigung verordnet. Dazu gehört z. B. der „Offline-Samstag“, den er seiner Partnerin widmet und dabei merkt, dass man auch persönliche Erfüllung aus Tätigkeiten wie Kochen ziehen kann. 

Ohne den erhobenen Zeigefinger zu zücken, führt Koch ein paar durchaus nützliche Tipps an, wie man sein on- und offline Leben gestalten kann, ohne sich dem Diktat des Internet zu unterwerfen. Amüsant zu lesen sind die Listen wie etwa „Dreizehn Dinge, die das Internet auf dem Gewissen hat“ (S. 172), mit denen er seine tagebuchartige Darstellung der 40 Tage offline auflockert. Da muss man schon öfters schmunzeln und kann sich an Dinge zurück erinnern, die heute kaum mehr anzutreffen sind wie Quelle-Kataloge und Telefonbücher, aber auch „Höflichkeit unter Fremden“. Koch ist insgesamt eine sehr lebendige und lesenswerte Darstellung gelungen, die reale Probleme nicht ausspart, aber auch nicht dem Schirrmacherschen Kulturpessimismus das Wort redet. Eine entspannte Lektüre zu einem Thema unserer Zeit, die sich noch einige Nachahmer finden wird. 

Christoph Koch: Ich bin dann mal offline. Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy. München: Blanvalet 2010. 271 S.

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  1. Es gibt noch keine Kommentare.
  1. 5. Dezember 2010 um 14:15

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