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Archive for Januar 2011

Der SPIEGEL, das Netz und die Daten

Vor einigen Tagen war es wieder einmal soweit. Der SPIEGEL, quasi das Zentralorgan des informierten Linksintellektuellen, hat sich erneut des Themas Social Media angenommen und unter dem Titel „Die Unersättlichen“[1] eine Breitseite gegen die bekannten Netzwerke abgefeuert. Hauptkritik war dabei der lasche Umgang mit Datenschutzbestimmungen und das Speichern und Auswerten von Nutzerdaten durch Konzerne wie Amazon, Facebook, Google und andere. Diese erstellten nach Ansicht der SPIELGEL-Autoren Kundenprofile, um ihre Besucher gezielt mit Werbung zu überhäufen oder die gesammelten Daten weiterverkauften. Hinzu kämen noch Nutzenprofile, um Rückschlüsse auf die Lebenssituation des Users zu ziehen und das zukünftige Kaufverhalten vorherzusagen.

Kaum war das Heft an den Zeitungsständern, erhob sich schon der Sturm Entrüstung der versammelten Netzgemeinde und nun wurde der SPIEGEL quasi zum Synonym eines Offline-Journalismus des 20. Jahrhunderts. Seine Autoren hatten offenbar neue Formen von Transparenz und Privatsphäre nicht verstanden. Noch interessanter aber die Einwände von Richard Gutjahr, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag mit deutlichen Worten das Geschäftsgebaren des SPIEGEL-Verlags kritisierte. Gutjahr warf den Machern vor, selbst massiv Daten zu sammeln und diese auch weiterzugeben. Der Vorwurf der „Doppelmoral“ ist durchaus nachvollziehbar und wirft ein bezeichnendes Licht auf das deutsche Leitmedium. Auch carta.info setzte sich mit dem SPIEGEL-Artikel offensiv auseinander und kritisierte das Sammeln von Kundendaten durch den Verlag.

Mit diesen und weiteren Beiträgen zum Thema war einmal mehr die Gefechtslinie zwischen den klassischen Printverlagen und Konkurrenten im Netz deutlich geworden. Der SPIEGEL warnte in seinem Artikel eindringlich, wenn auch häufig recht vage, vor den elektronischen Datenkraken. Beispiele wie das Stalken von Frauen über Handydaten wirkten wie konstruiert, um die Gefahr aus dem Netz aufzuzeigen. Konkrete Fälle kann auch der SPIEGEL kaum berichten und bleibt so im Ungefähren. Und das obwohl selbst Papst Benedikt inzwischen den sozialen Netzwerken seinen Segen erteilt hat. Worüber wiederum selbst der SPIEGEL berichtet.

Reichlich krude kommt die Kritik an dem möglichen Vortäuschen einer anderen Identität im Web 2.0 durch die Annahme einer anderen Persönlichkeit vor. Herrlich inkonsequent sind die Autoren, wenn sie kritisieren, dass es z. B. bei Facebook sehr einfach möglich sei, sich als eine fremde Person auszugeben. Bereits im nächsten Absatz bestaunen die SPIEGEL-Autoren das „Identitäten-Hopping“ eines Kölner Journalisten, der zu Recherchezwecke mal eben andere Charaktere erfindet und in immer wieder neue Rolle schlüpft. Er ist quasi der Günter Wallraff unserer Zeit und macht sich die heutigen technischen Möglichkeiten zu nutze. Kein Türke Ali mehr mit Schnäuzer und gefärbten Haaren, sondern eine virtuelle Person, die ihren echten Hintergrund geschickt zu verstecken weiß. Dies mag aus journalistischen Gründen wohl manchmal notwendig sein, wirft aber eine andere Frage auf. Ist es heute noch angemessen, sich hinter anderen Identitäten zu verstecken oder fordert der Wunsch nach mehr Transparenz in allen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht auch Transparenz von Journalisten? Wer kritischen und investigativen Journalismus betreibt, sollte auch mit offenen Karten spielen. Ein solches Beispiel als Möglichkeit für die Verknüpfbarkeit von Daten und Identitäten anzuführen, ist m. E. eine thematische Verquickung, die einfach nicht passt.

Dass man sich dem Thema Daten sammeln und dessen Folgen auch anders nähern kann, hat das Fachmagazin c’t in mehreren Artikeln nur kurze Zeit später bewiesen. Sachlich und nahezu emotionslos, angefüttert mit interessanten Details gelingt es den Autoren, sich der Problematik zu nähern, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder in Schwarzmalerei zu verfallen. Hier werden verschiedene Geo-Location-Dienste[2] beschrieben und die Möglichkeiten der Betreiber zum Auswerten der Daten erörtert. Aber im Gegensatz zum SPIEGEL-Artikel erörtern die Autoren die Nutzungsmöglichkeiten für die Anwender und ihren Mehrwert. Eine Frage, die sich der SPIEGEL leider nicht gestellt hat. Ganz klar sprechen sich die Autoren gegen die „paranoide[] Geodaten-Verweigerung“[3] und erläutern die verschiedene Systeme und ihre Vor- und Nachteile.

Als Fazit bleibt nur, dass der SPIEGEL offenbar Probleme hat, sich den neuen Möglichkeiten der sozialen Netze und Online-Anbieter unbefangen zu nähern. Statt das Für und Wider zu erörtern und den Lesern konkrete Hilfestellungen beim Datenschutz zu geben, beschränken sich die Autoren auf Schwarzmalerei im Unkonkreten und lassen den Leser mit einem gewissen Gefühl der Hilflosigkeit zurück. Was schlichtweg fehlt, ist das Aufzeigen von Alternativen.


[1]DER SPIEGEL, Nr. 2/10.1.2011, S. 144ff.
[2]Vgl. c’t 3/2011, S. 80ff.
[3] Vgl. c’t 3/2011, S. 90ff.

Kategorien:Social Media

Unterwegs mit der Deutschen Bahn, Teil 2

Nach einigen Monaten der Enthaltsamkeit habe ich mich vor ein paar Tagen wieder einmal dem Abenteuer Deutsche Bahn ausgesetzt. Manch einer mag  ja behaupten, das sei eine größere Herausforderung als das „Dschungel Camp“ im TV. Aber ehrlichweise muss ich der Bahn zugestehen, dass die Reise frei von Komplikationen verlief und die Züge nahezu pünktlich eintrafen. Was will man mehr.

Im vergangenen Jahr hatte ich mehrfach Gelegenheit, das Angebot der Deutschen Bahn ausgiebig zu testen. So war ich doch recht gespannt, welchem Menschenschlag ich diesmal begegnen würde. Und ich muss sagen, die Mitreisenden haben mich nicht enttäuscht. Aufgebrochen waren Frau, Kinder und ich zu dem Tagesausflug nach Frankfurt am Main. Ziel war die große Courbet-Ausstellung in der Schirnkunsthalle. Eine Ausstellung, die sich wirklich zu besuchen lohnt, selbst wenn einen die Kinder schnell von Bild zu Bild zerren.

Doch zurück zur Bahnfahrt. Nahezu pünktlich – kein Wunder, es war ja ein Sonntag – bestiegen wir am Erfurter Hauptbahnhof den ICE, der uns direkt in die hessische Metropole bringen sollte. Wir hatten einen Vierersitzplatz mit Tisch reserviert, um den Kindern genügend Fläche zum Ausbreiten zu bieten. Unsere Plätze hatten wir noch nicht richtig eingenommen, da traf mich schon wie ein Stich in die Seite der Blick einer Mitreisenden. Ihr Blick sagte mir alles: „Ohje, da sitzen ja nun Kinder. Die werden bestimmt viel Krach machen und die Eltern werden nichts unternehmen!“

Sofort erhob sich das väterliche schlechte Gewissen in mir und ich signalisierte den Kindern, dass sie sich doch bitte benehmen sollten. Wenigstens zeitweise… Sie hatten ja durchaus versprochen, den Zug nicht zu demontieren. Insofern war ich recht zuversichtlich. Doch egal was, was die Kinder sagten oder taten. Nicht nur die eine übergewichtige Mitreisende, auch die zweite dicke sächsische Pauschaltouristin auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen bedachte mich fast tödlichen Blicken. Ich konnte nicht anders und raunte meiner Frau zu, dass die Dicke am Fenster offensichtlich den bösen Blick drauf habe. Gelächter zu meiner Rechten und wieder das ungute Gefühl, ein spitzes Messer an den Rippen zu spüren. Der mitreisende Ehegatte der Sächsin war offenbar recht schwerhörig und störte sich daher weniger am fröhlichen Geplapper der Kinder. Nach ein paar Minuten des grimmigen Dreinschauens begannen die Drei, eine Runde Uno zu spielen und konnte sich so ein wenig abreagieren. Zocken kann also doch etwas Positives hervorrufen. Es gelang, uns die gut zweistündige Fahrt nach FFM ohne Zwischenfälle zu überstehen und keine Diskussion über Grundsatzfragen der Kindererziehung im 21. Jahrhundert führen zu müssen.

Auf der Rückfahrt ein leicht verändertes Bild. Wieder reservierte Plätze am Tisch, doch diesmal ist der Zug deutlich voller. Neben den letzten Bundeswehrreservisten auf dem Weg zu ihren Kasernen noch ein paar versprengte Berufsreisende, die bereits am Sonntagabend ihr Ziel im Osten der Republik erreichen wollen. Der Zug hat Frankfurt noch nicht verlassen, da bahnt sich schon der erste Konflikt an. Nein, wir sind nicht involviert. Eine Frau hat sich mit einem überdimensionalen Rucksack in einer Sitzreihe ausgebreitet und wühlt hektisch in irgendwelchen Papieren. Ein anderer Fahrgast kommt hinzu und erklärt, dass er ihren Sitzplatz reserviert habe. Die Frau mault, dass oben keine Reservierungsanzeige an sei und sie nun hier sitze. Erst nach einer kurzen Diskussion und dem Vorzeigen der Reservierung verlässt sie den Platz und stapft schnaubend davon. Sie rennt fast durch den Zug, um einen anderen Sitz zu finden, obwohl noch genügend Plätze frei sind. Nach einem kurzen Rennintermezzo landet sie schließlich in der Viererreihe neben uns und schmeißt auch dort ihre Sache auf den freien Platz. Und nun beginnt erneut das Spiel vom Vormittag: wieder die bösen Blicke auf Eltern und Kindern. Die Beiden sitzen in ihrer Reihe und malen und spielen und bieten kaum Anlass für Gemecker. Aber offenbar können wir es dieser Frau an diesem Abend nicht recht machen, denn sie beäugt uns immer wieder und wendet sich schnaubend ab, wenn die Kinder einmal ihre Stimme erheben.

Doch es geht auch anders. In der gleichen Reihe sitzt auch eine Frau, die den Anschein erweckt, sie sei eine verspätete Anhängerin von Timothy Leary und seinen Selbstversuchen. In weißes Leinen gewandet, mit einem roten Schal um den Bauch, lächelt sie die Kinder an und ich denke bei mir, sie sieht aus wie auf Drogen. Als wir später den Laptop einschalten, um die inzwischen recht müden Kinder mit Michel aus Lönneberga zu unterhalten, grinst sie mich selig an und lässt ihrer Begeisterung für Michel freien Lauf. Die Frau gegenüber quittiert die leisen Geräusche aus dem Laptop mit erneut tödlichen Blicken in meine Richtung. Als ich dann auch noch einen kurzen Blick auf den Haufen Papier werfe, den so vor sich ausgebreitet hat, rafft sie ihr Zeug zusammen und stopft ihre Unterlagen wieder in den Rucksack. Nur ihre Buchlektüre bleibt liefen „Älterwerden als Problem“… Der Titel reicht mir, um mein Urteil zu bestätigen. Dabei ist die Frau maximal Ende dreißig. Aber ihre Toleranz gegenüber anderen Menschen doch eher begrenzt.

Und so endet die Fahrt am Abend wieder in Erfurt und ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher. Fest steht: wer mit Kindern Bahn fährt, kann kaum mit dem Wohlwollen seiner Mitreisenden rechnen. Deutschland ist noch immer kein Kinderland. Und dennoch: Bahn fahren erlaubt einem wieder kleine Einblicke das zwischenmenschliche Miteinander und erweitert den Blick auf die Menschen, die leben. Spannend und erhellend ist so eine Bahnfahrt allemal. In diesem Sinne: auf ein Neues!

Kategorien:Das Leben

Rezension: Bernhard Jodeleit. Social Media Relations

5. Januar 2011 1 Kommentar

Bernhard Jodeleit weiß worüber er schreibt. Als Fachjournalist für ein Technikmagazin und nun als PR-Mann hat er zwei wichtige Seiten des Geschäfts mit den sozialen Netzwerken kennen gelernt. Mit seinem „Leitfaden“ gibt er Neulingen, aber auch bereits erfahrenen PR-Arbeitern sowie interessierten Privatleuten ein gutes Werkzeug an die Hand.

In klaren Sätzen erläutert er den Weg ins Web 2.0 und benennt die Chance, ohne die Risiken zu übersehen. Jodeleit schildert die Entwicklung, die zum Mitmach-Internet führte und erläutert die einzelnen Rollen der jeweiligen Akteure. Seine Aussage für den Schritt in Richtung Web 2.0 ist klar: Man benötigt eine Strategie, um letztlich erfolgreich sein. Bereits nach wenigen Seiten hat er einen Schwerpunkt gesetzt. Dialog ist das Zauberwort, denn nur wer den Dialog mit seinen Lesern sucht, wird die gewünschte Akzeptanz erfahren. Für den Autor bedeutet dies, dass der „klassische Pressesprecher ausgedient hat, wenn er seine Nachrichten nur in eine Richtung aussendet und selbst nicht auf „Empfang“ ist. Auch dies gehört für Jodeleit zu den Voraussetzungen eines PR-Arbeiters im Web 2.0.

Von Grund auf erklärt der Autor die notwendigen Schritte, um eine PR-Kampagne in eine Partnerschaft mit den Nutzern umzuwandeln und selbst Gewinn daraus zu ziehen. Dazu gehört u.a. die Entwicklung von Social Media Guidelines, die helfen sollen, die Nutzung der sozialen Netze zu steuern, ohne die Kreativität zu zerstören. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind für ihn bestimmende Grundwerte, die notwendig sind, um sich die Akzeptanz im Netz zu erarbeiten (S. 49ff). Doch bevor der erste Schritt in Web 2.0 gemacht werden sollte, sollte eine gründliche Analyse der Situation erfolgen. Web Monitoring zur Beobachtung der jeweiligen Akteure ist für den Autor unabdingbar, wenn man wissen will, wer mit wem über welche Themen redet. Hier schlägt er den Bogen weg von der Theorie zur Praxis. Jodeleit benennt und erklärt verschiedene Werkzeuge, die dazu notwendig sind. Und auch wer die Kosten professioneller Dienstleister scheut, wird hier bedient. Manch brauchbares Tool steht auch in der Grundversion kostenlos zur Verfügung und kann für den ersten Blick ins soziale Netzwerk genutzt werden.

In der zweiten Hälfte des Buchs widmet sich der Autor ausführlich, aber nicht detailversessen den verschiedenen Netzwerken und schildert deren Anwendungsmöglichkeiten in der professionellen PR-Arbeit und Unternehmenskommunikation. Twitter, Xing und Facebook, aber auch die Bedeutung eines spannenden Corporate Blogs z. B. auf der Basis von WordPress werden erklärt und Fallstricke der Aktivität erwähnt. Doch im Gegensatz zu manch anderer Publikation durchzieht Jodeleits Buch eine sehr positive Grundstimmung. Er verfällt niemals in den Chor derer, die die großen Anbieter von Software, Dienstleistungen und sozialen Netzen als Gefahr für Datenschutz und die Persönlichkeit des Einzelnen ansehen.

Und auch ein anderer Bereich des Web, der inzwischen schon fast ins Hintertreffen geraten ist, findet hier noch ausreichend Platz. Im Gegensatz zu manchem Web 2.0-Apologeten sieht Jodeleit die klassische, wenn auch modernisierte Website eines Unternehmens als das „Herzstück“ (S. 159) einer Kommunikationsstrategie an. Von hier aus sollen die Fäden ins Web 2.0 gehen, hier ist der Raum, um das Unternehmen zu präsentieren und die verschiedenen Bausteine zentral zusammenzuführen.

Jodeleits gesamte Darstellung ist gut lesbar, flüssig geschrieben und zeichnet sich vor allem durch Verständlichkeit aus. Diese wird noch durch ein Glossar im Anhang erhöht, indem er wichtige Begriffe der Social Media Relations kurz erläutert und mit entsprechenden Web-Adressen versieht. Wer will, kann hier ohne längere Suche tiefer einsteigen. Gerade für die PR-Leute, die bisher wenig web-affinen waren, bietet das Buch einen guten Einstieg, der Mut macht und die Chancen für die eigene Arbeit aufzeigt. Auf jeden Fall ist es eine kurzweilige und lohnenswerte Lektüre.

Bernhard Jodeleit: Social Media Relations. Leitfaden für erfolgreiche PR-Strategien und Öffentlichkeitsarbeit im Web 2.0. Heidelberg: dpunkt.verlag 2010. 227 S.

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