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Unterwegs mit der Deutschen Bahn, Teil 2

Nach einigen Monaten der Enthaltsamkeit habe ich mich vor ein paar Tagen wieder einmal dem Abenteuer Deutsche Bahn ausgesetzt. Manch einer mag  ja behaupten, das sei eine größere Herausforderung als das „Dschungel Camp“ im TV. Aber ehrlichweise muss ich der Bahn zugestehen, dass die Reise frei von Komplikationen verlief und die Züge nahezu pünktlich eintrafen. Was will man mehr.

Im vergangenen Jahr hatte ich mehrfach Gelegenheit, das Angebot der Deutschen Bahn ausgiebig zu testen. So war ich doch recht gespannt, welchem Menschenschlag ich diesmal begegnen würde. Und ich muss sagen, die Mitreisenden haben mich nicht enttäuscht. Aufgebrochen waren Frau, Kinder und ich zu dem Tagesausflug nach Frankfurt am Main. Ziel war die große Courbet-Ausstellung in der Schirnkunsthalle. Eine Ausstellung, die sich wirklich zu besuchen lohnt, selbst wenn einen die Kinder schnell von Bild zu Bild zerren.

Doch zurück zur Bahnfahrt. Nahezu pünktlich – kein Wunder, es war ja ein Sonntag – bestiegen wir am Erfurter Hauptbahnhof den ICE, der uns direkt in die hessische Metropole bringen sollte. Wir hatten einen Vierersitzplatz mit Tisch reserviert, um den Kindern genügend Fläche zum Ausbreiten zu bieten. Unsere Plätze hatten wir noch nicht richtig eingenommen, da traf mich schon wie ein Stich in die Seite der Blick einer Mitreisenden. Ihr Blick sagte mir alles: „Ohje, da sitzen ja nun Kinder. Die werden bestimmt viel Krach machen und die Eltern werden nichts unternehmen!“

Sofort erhob sich das väterliche schlechte Gewissen in mir und ich signalisierte den Kindern, dass sie sich doch bitte benehmen sollten. Wenigstens zeitweise… Sie hatten ja durchaus versprochen, den Zug nicht zu demontieren. Insofern war ich recht zuversichtlich. Doch egal was, was die Kinder sagten oder taten. Nicht nur die eine übergewichtige Mitreisende, auch die zweite dicke sächsische Pauschaltouristin auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen bedachte mich fast tödlichen Blicken. Ich konnte nicht anders und raunte meiner Frau zu, dass die Dicke am Fenster offensichtlich den bösen Blick drauf habe. Gelächter zu meiner Rechten und wieder das ungute Gefühl, ein spitzes Messer an den Rippen zu spüren. Der mitreisende Ehegatte der Sächsin war offenbar recht schwerhörig und störte sich daher weniger am fröhlichen Geplapper der Kinder. Nach ein paar Minuten des grimmigen Dreinschauens begannen die Drei, eine Runde Uno zu spielen und konnte sich so ein wenig abreagieren. Zocken kann also doch etwas Positives hervorrufen. Es gelang, uns die gut zweistündige Fahrt nach FFM ohne Zwischenfälle zu überstehen und keine Diskussion über Grundsatzfragen der Kindererziehung im 21. Jahrhundert führen zu müssen.

Auf der Rückfahrt ein leicht verändertes Bild. Wieder reservierte Plätze am Tisch, doch diesmal ist der Zug deutlich voller. Neben den letzten Bundeswehrreservisten auf dem Weg zu ihren Kasernen noch ein paar versprengte Berufsreisende, die bereits am Sonntagabend ihr Ziel im Osten der Republik erreichen wollen. Der Zug hat Frankfurt noch nicht verlassen, da bahnt sich schon der erste Konflikt an. Nein, wir sind nicht involviert. Eine Frau hat sich mit einem überdimensionalen Rucksack in einer Sitzreihe ausgebreitet und wühlt hektisch in irgendwelchen Papieren. Ein anderer Fahrgast kommt hinzu und erklärt, dass er ihren Sitzplatz reserviert habe. Die Frau mault, dass oben keine Reservierungsanzeige an sei und sie nun hier sitze. Erst nach einer kurzen Diskussion und dem Vorzeigen der Reservierung verlässt sie den Platz und stapft schnaubend davon. Sie rennt fast durch den Zug, um einen anderen Sitz zu finden, obwohl noch genügend Plätze frei sind. Nach einem kurzen Rennintermezzo landet sie schließlich in der Viererreihe neben uns und schmeißt auch dort ihre Sache auf den freien Platz. Und nun beginnt erneut das Spiel vom Vormittag: wieder die bösen Blicke auf Eltern und Kindern. Die Beiden sitzen in ihrer Reihe und malen und spielen und bieten kaum Anlass für Gemecker. Aber offenbar können wir es dieser Frau an diesem Abend nicht recht machen, denn sie beäugt uns immer wieder und wendet sich schnaubend ab, wenn die Kinder einmal ihre Stimme erheben.

Doch es geht auch anders. In der gleichen Reihe sitzt auch eine Frau, die den Anschein erweckt, sie sei eine verspätete Anhängerin von Timothy Leary und seinen Selbstversuchen. In weißes Leinen gewandet, mit einem roten Schal um den Bauch, lächelt sie die Kinder an und ich denke bei mir, sie sieht aus wie auf Drogen. Als wir später den Laptop einschalten, um die inzwischen recht müden Kinder mit Michel aus Lönneberga zu unterhalten, grinst sie mich selig an und lässt ihrer Begeisterung für Michel freien Lauf. Die Frau gegenüber quittiert die leisen Geräusche aus dem Laptop mit erneut tödlichen Blicken in meine Richtung. Als ich dann auch noch einen kurzen Blick auf den Haufen Papier werfe, den so vor sich ausgebreitet hat, rafft sie ihr Zeug zusammen und stopft ihre Unterlagen wieder in den Rucksack. Nur ihre Buchlektüre bleibt liefen „Älterwerden als Problem“… Der Titel reicht mir, um mein Urteil zu bestätigen. Dabei ist die Frau maximal Ende dreißig. Aber ihre Toleranz gegenüber anderen Menschen doch eher begrenzt.

Und so endet die Fahrt am Abend wieder in Erfurt und ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher. Fest steht: wer mit Kindern Bahn fährt, kann kaum mit dem Wohlwollen seiner Mitreisenden rechnen. Deutschland ist noch immer kein Kinderland. Und dennoch: Bahn fahren erlaubt einem wieder kleine Einblicke das zwischenmenschliche Miteinander und erweitert den Blick auf die Menschen, die leben. Spannend und erhellend ist so eine Bahnfahrt allemal. In diesem Sinne: auf ein Neues!

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Kategorien:Das Leben
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