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Der SPIEGEL, das Netz und die Daten

Vor einigen Tagen war es wieder einmal soweit. Der SPIEGEL, quasi das Zentralorgan des informierten Linksintellektuellen, hat sich erneut des Themas Social Media angenommen und unter dem Titel „Die Unersättlichen“[1] eine Breitseite gegen die bekannten Netzwerke abgefeuert. Hauptkritik war dabei der lasche Umgang mit Datenschutzbestimmungen und das Speichern und Auswerten von Nutzerdaten durch Konzerne wie Amazon, Facebook, Google und andere. Diese erstellten nach Ansicht der SPIELGEL-Autoren Kundenprofile, um ihre Besucher gezielt mit Werbung zu überhäufen oder die gesammelten Daten weiterverkauften. Hinzu kämen noch Nutzenprofile, um Rückschlüsse auf die Lebenssituation des Users zu ziehen und das zukünftige Kaufverhalten vorherzusagen.

Kaum war das Heft an den Zeitungsständern, erhob sich schon der Sturm Entrüstung der versammelten Netzgemeinde und nun wurde der SPIEGEL quasi zum Synonym eines Offline-Journalismus des 20. Jahrhunderts. Seine Autoren hatten offenbar neue Formen von Transparenz und Privatsphäre nicht verstanden. Noch interessanter aber die Einwände von Richard Gutjahr, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag mit deutlichen Worten das Geschäftsgebaren des SPIEGEL-Verlags kritisierte. Gutjahr warf den Machern vor, selbst massiv Daten zu sammeln und diese auch weiterzugeben. Der Vorwurf der „Doppelmoral“ ist durchaus nachvollziehbar und wirft ein bezeichnendes Licht auf das deutsche Leitmedium. Auch carta.info setzte sich mit dem SPIEGEL-Artikel offensiv auseinander und kritisierte das Sammeln von Kundendaten durch den Verlag.

Mit diesen und weiteren Beiträgen zum Thema war einmal mehr die Gefechtslinie zwischen den klassischen Printverlagen und Konkurrenten im Netz deutlich geworden. Der SPIEGEL warnte in seinem Artikel eindringlich, wenn auch häufig recht vage, vor den elektronischen Datenkraken. Beispiele wie das Stalken von Frauen über Handydaten wirkten wie konstruiert, um die Gefahr aus dem Netz aufzuzeigen. Konkrete Fälle kann auch der SPIEGEL kaum berichten und bleibt so im Ungefähren. Und das obwohl selbst Papst Benedikt inzwischen den sozialen Netzwerken seinen Segen erteilt hat. Worüber wiederum selbst der SPIEGEL berichtet.

Reichlich krude kommt die Kritik an dem möglichen Vortäuschen einer anderen Identität im Web 2.0 durch die Annahme einer anderen Persönlichkeit vor. Herrlich inkonsequent sind die Autoren, wenn sie kritisieren, dass es z. B. bei Facebook sehr einfach möglich sei, sich als eine fremde Person auszugeben. Bereits im nächsten Absatz bestaunen die SPIEGEL-Autoren das „Identitäten-Hopping“ eines Kölner Journalisten, der zu Recherchezwecke mal eben andere Charaktere erfindet und in immer wieder neue Rolle schlüpft. Er ist quasi der Günter Wallraff unserer Zeit und macht sich die heutigen technischen Möglichkeiten zu nutze. Kein Türke Ali mehr mit Schnäuzer und gefärbten Haaren, sondern eine virtuelle Person, die ihren echten Hintergrund geschickt zu verstecken weiß. Dies mag aus journalistischen Gründen wohl manchmal notwendig sein, wirft aber eine andere Frage auf. Ist es heute noch angemessen, sich hinter anderen Identitäten zu verstecken oder fordert der Wunsch nach mehr Transparenz in allen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht auch Transparenz von Journalisten? Wer kritischen und investigativen Journalismus betreibt, sollte auch mit offenen Karten spielen. Ein solches Beispiel als Möglichkeit für die Verknüpfbarkeit von Daten und Identitäten anzuführen, ist m. E. eine thematische Verquickung, die einfach nicht passt.

Dass man sich dem Thema Daten sammeln und dessen Folgen auch anders nähern kann, hat das Fachmagazin c’t in mehreren Artikeln nur kurze Zeit später bewiesen. Sachlich und nahezu emotionslos, angefüttert mit interessanten Details gelingt es den Autoren, sich der Problematik zu nähern, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder in Schwarzmalerei zu verfallen. Hier werden verschiedene Geo-Location-Dienste[2] beschrieben und die Möglichkeiten der Betreiber zum Auswerten der Daten erörtert. Aber im Gegensatz zum SPIEGEL-Artikel erörtern die Autoren die Nutzungsmöglichkeiten für die Anwender und ihren Mehrwert. Eine Frage, die sich der SPIEGEL leider nicht gestellt hat. Ganz klar sprechen sich die Autoren gegen die „paranoide[] Geodaten-Verweigerung“[3] und erläutern die verschiedene Systeme und ihre Vor- und Nachteile.

Als Fazit bleibt nur, dass der SPIEGEL offenbar Probleme hat, sich den neuen Möglichkeiten der sozialen Netze und Online-Anbieter unbefangen zu nähern. Statt das Für und Wider zu erörtern und den Lesern konkrete Hilfestellungen beim Datenschutz zu geben, beschränken sich die Autoren auf Schwarzmalerei im Unkonkreten und lassen den Leser mit einem gewissen Gefühl der Hilflosigkeit zurück. Was schlichtweg fehlt, ist das Aufzeigen von Alternativen.


[1]DER SPIEGEL, Nr. 2/10.1.2011, S. 144ff.
[2]Vgl. c’t 3/2011, S. 80ff.
[3] Vgl. c’t 3/2011, S. 90ff.

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