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Archive for Februar 2011

Thema verfehlt, Herr Harpprecht!

Das nervige Gezerre um die plagiierte Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg spült neben abgeschriebenen Seiten auch manch seltsame Ansicht von Außenstehenden an die Oberfläche. Ein gutes Beispiel liefert in dieser Woche der bekannte Journalist Klaus Harpprecht. In seinem Beitrag „Karl-Theodor zu Guttenberg – ein deutsches Suchtopfer“, nachzulesen in der Online-Ausgabe des „Cicero“. Mit geradezu wissenschaftsfeindlicher Attitüde nimmt er all diejenigen aufs Korn, die sich der Mühe unterziehen oder unterzogen haben, eine Dissertation anzufertigen und ein Promotionsverfahren zu durchlaufen.

Für Harpprecht ist klar: Wer eine Promotion anstrebt, tut dies nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern allein aus Titelsucht. Als Begründung für diese absurde Theorie muss natürlich die deutsche Vergangenheit – was auch sonst – herhalten, um darzulegen, dass das Erlangen eines Doktortitels nur darauf abziele, sich mit diesem Titel in der Öffentlichkeit ansprechen zu lassen. Quasi eine Sucht nach dem Titel. Der Autor macht es sich einfach: Vom „Herr Rittmeister“ zu „Herr Doktor“ sei es nur ein kurzer Weg. Auch klar ist für ihn, dass es vom Doktortitel nur ein kleiner Schritt zu einem Titel der NS-Bürokratie gewesen sei. Das mag sicherlich in manchen Fällen zutreffend gewesen sein, aber ein solches Verhalten auf die heutige Zeit zu projizieren, ist schlichtweg völlig daneben.

Auch heutige Doktoranden werden von Harpprecht maßgenommen: „Die universitäre Garde pocht darauf, dass die Doktorarbeit die beste Einübung in die systematische Erschließung eines überschaubaren Feldes sei. Das mag zutreffen. Aber lohnt es sich, dafür zwei bis drei Jahre seines Lebens zu verschwenden? Öffnen die Arbeiten den Zugang zu unerforschten Bereichen? Vielleicht. Im Glücksfall dienen sie als Baumaterialien für die nächsten Dissertationen, die fürs geistige Fortkommen genauso unwichtig sind.“ Kein Wort darüber, was Doktoranden dazu bringt, eine Dissertation anzufangen. Wissenschaftliches Interesse, beruflicher Einstieg, die Neugierde an einem bisher unbeackerten Feld der Forschung – dies alles zählt für Harpprecht offenbar nicht. Wer will bewerten, ob eine Arbeit fürs „geistige Fortkommen“ wichtig ist? Harpprecht? Sicherlich nicht. Der sitzt auf seinem hohen Ross, nennt sich Journalist und Publizist (das sind offenbar keine Titel), und sieht die Wissenschaft als gänzlich unnütz an.

Nicht minder abstrus hierfür seine Begründung: Gute Journalisten sind offenbar nur diejenigen, die kein Studium absolviert haben, denn „die exakte Recherche übt man sich nicht in der Universitätsbibliothek“. Dies ist richtig, aber das sind auch zwei Paar Schuhe. Und dass Absolventen der Germanistik einen anderen Schreibstil haben als Journalisten, ist auch nachvollziehbar. Schließlich sollen sie an den Universitäten lernen, sich wissenschaftlich auszudrücken, und nicht für „Bild“, „FAZ“ oder „Zeit“. Was sie lernen sollen, ist korrektes wissenschaftliches Arbeiten, sich mit einem bestimmten Thema auseinander zu setzen und dies in einem überschaubaren Rahmen darzustellen. Nichts anderes, wenn auch in größerem Umfang, macht ein Doktorand, der sich einem größeren Thema beschäftigt und dort auch Lebenszeit investiert. Dies als „verschwenden“ zu bezeichnen, ist geradezu diffamierend.

Was bleibt von Harpprechts Aussage? Dass das Schreiben einer solchen Arbeit irgend letztlich unsinnig und Verschwendung ist. Eine tiefe Ernüchterung muss sich unter all den Menschen breit machen, die sich in der Vergangenheit der Herausforderung Promotion gestellt haben. Sind alle derzeitigen Doktoranden gar Versager, weil sie ihre Zeit „verschwenden“? Dies ist der bittere Nachgeschmack, der von Harpprechts dünner Begründung zurückbleibt. Was ist mit all denjenigen, die nach der Promotion in der Wissenschaft verbleiben, Grundlagenforschung z. B. in der Medizin oder anderen Naturwissenschaft betreiben? Bleibt man bei Harpprechts „verschwenderischer“ Argumentation, so wären wir wahrscheinlich noch heute mit Faustkeil und Steinschleuder auf der Jagd nach Wild.

Warum empören sich gerade in diesen Tagen junge Nachwuchswissenschaftler über Guttenberg? Doch nicht, weil sie irgendwie enttäuscht sind, sondern weil sie die Reputation der Wissenschaften gefährdet sehen, wen Arbeiten durch Plagiate entstehen. Sind diejenigen auch alle „Verschwender“, wenn sie ihre wissenschaftliche Arbeit entwertet sehen? Im Gegenteil, das sind diejenigen, die sich für ihr berufliches Fortkommen auf ihre Arbeit stützen und sich eben nicht einer solch unbegründeten Diffamierung ausgesetzt sehen wollen.

Wissenschaft und Forschung leben von dem Wissensdrang und der Neugierde desjenigen, der sich neuen Themen öffnet und sie untersuchen will. Harpprecht bleibt dagegen in der seiner Nachkriegszeitdenke stehen und hat offenbar keinen Blick mehr für die Zukunft. Schade, Herr Harpprecht, aber dieses Thema haben Sie schlicht verfehlt! Und bitte bedenken Sie: Es waren „Ihre“ Sozialdemokraten, die in den 1960er Jahren die Hochschulen für eine große Zahl an neuen Studenten geöffnet haben. Sie wollten den „Arbeiterkindern“ den Zugang zur weitergehenden Bildung erleichtern. Dass dies zwangsläufig zu mehr „Doktoren“ führen würde, dürfte auch demjenigen klar gewesen sein, der eben keine Hochschule besucht hatte. Spricht da etwa Neid aus Ihren Worten? Es drängt sich fast dieser Verdacht auf. Nichts für ungut: Lassen Sie den heutigen Studierenden, Doktoranden und sonstigen Wissenschaftlern ihre akademische Freiheit und ihren Wissensdrang, und glauben Sie nicht, dass dies nur „verschwenden“. Es kann nämlich auch einfach Spaß machen, sich mit einem Thema auseinander zu setzen. Und dieses sinnliche Vergnügen sollten Sie niemandem absprechen.

Kategorien:Das Leben, Politik
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