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Archive for August 2011

Lobo und der „neue Terrorismus“ – eine andere Sichtweise ist notwendig

Sascha Lobo ist ein Internet-Experte. So verwundert es auch nicht, dass er die Auffassung vertritt, dass der moderne Terrorismus im Internet entsteht. In seiner jüngsten Spiegel-Online-Kolumne „Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz“ schildert er wortreich, wie sich der neue Terrorismus aus dem Internet quasi „ernährt“. Dort finden potentielle Attentäter das ideologische oder geistige Rüstzeug, um sich für ihren Kampf gegen Staat und Gesellschaft auszustatten.

Auf den ersten Blick mag diese Argumentation durchaus ihren Charme haben, erklärt sie doch vieles mit wenigen Worten. Doch ist diese Erklärung wirklich so einfach und zutreffend? Ich glaube nicht, denn sie lässt die Person des Attentäters, des Terroristen viel zu sehr im Hintergrund. Lobo schildert, wie der norwegische Attentäter Anders Breivik sich seine ideologischen Bausteine zusammensetzte: „Das 1500 Seiten starke Manifest von Breivik ist ein eklektisches Werk, zum Teil selbstgeschrieben, zum Teil zusammengestellt aus Quellen im Internet, neu montiert, ergänzt und weitergesponnen – bis es in allen Details den Bedürfnissen seines Anwenders entsprach. Breivik hat sein Manifest entwickelt wie eine modulare Software. Das Prinzip Open Source, allgegenwärtig im Internet, stand ebenso Pate wie die digitale Remix-Kultur. Breiviks Gedankengebäude besteht aus über einhundert Wikipedia-Verweisen, aus Presse- und Blogartikeln, Tagebucheinträgen und Definitionen bis zur Beschreibung des Fruchtwechsels bei der Zuckerrübenernte. Es handelt sich um ein Mash-up, nur dass statt einer Doktorarbeit oder eines Liedes eine Ideologie geremixt wurde. Samt Anleitung zu ihrer Umsetzung.

Und hier liegt nach meiner Auffassung der Fehler in Lobos Argumentation. Zwar nutzte Beirvik für sein Manifest zahllose Internet-Quellen, um sich Material für seine Phantasien zu besorgen. Aber: Die eigentliche Zusammenstellung und Auswertung des Material passierte in Breivik selbst. Sein Hirn war es, das die Inhalte sortierte und zu einem Mash-up neu arrangierte. Gerade der Hinweis auf die selbstverfassten Passagen in seinem Manifest machen deutlich, dass Breivik durchaus über das, was er las und schrieb, nachdachte. Er war es, der sich letztlich sein krudes Weltbild zusammensetzte und den Schluss zog, durch einen terroristischen Akt auf sich und seine Mission aufmerksam machen zu müssen. Mag er auch durch manche Online-Lektüre zu seiner Tat indirekt ermuntert worden sein, so kann man kaum dem „Internet“ irgendeine Schuld oder Verantwortung zuschieben, wie Lobo dies implizit tut. Breivik hätte sich genauso aus anderen Quellen bedienen können. Extremistische Publikationen gibt es zuhauf auch in gedruckter Form und werden europaweit vertrieben.

Vor ein paar Jahren waren es die „Killer-Spiele“, die Jugendliche angeblich zu Attentätern werden ließen. Nun sollen es die frei zugänglichen Quellen im Internet gewesen sein, die das Hirn des Anders Breivik beeinflussten. Was war dann die Erfindung des Buchdrucks oder der modernen Zeitungen? Waren dies auch Quellen des Terrorismus? Natürlich, denn jeder Extremist nutzt das, was ihm zur Verfügung steht. Insofern war Breiviks Vorbereitung „modern“, aber eben nur auf den ersten Blick. Attentäter und Terroristen haben sich jedoch ihre ideologischen Grundlagen schon immer aus den schriftlichen Erzeugnissen anderer Autoren oder aus ihren eigenen Gedanken geholt. Vor diesem Hintergrund ist Breivik ist weder modern noch besonders innovativ. Er hat sich lediglich die technischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts zu Nutze gemacht. Ebenso wenig überzeugend ist Lobos Aussage (er stützt sich dabei auf einen Autor), dass Breivik „die spontane, individuelle Radikalisierung im Verborgenen mit Hilfe des Netzes“ erfahren habe. Von einer „spontanen Radikalisierung“ und 1.500 Seiten Material kann wohl kaum die Rede sein, wenn man bedenkt, dass er sich rund neun Jahre auf das Attentat vorbereitet hat. Das passt einfach nicht zusammen.

Und dass Breivik sich die literarischen Bruchstücke zusammengesucht hat, die er leicht durch seine Google-Suchen finden konnte, ist auch eine triviale Erkenntnis. Es war schon immer so, dass Menschen sich in der Literatur die passenden Belege für ihre Ideen und Meinungen suchten. Dies funktioniert so und hat auch schon in „analogen Zeiten“ stets funktioniert. Anders gewendet: Warum sollte sich Breivik mit Materialien beschäftigen, die nicht seinen Auffassungen – mögen sie noch so absurd sein – entsprochen haben? Ihm ging es nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer Theorie, sondern um die Bestätigung seines Weltbildes. Und dass er diese Bestätigung heute vor allem im Internet findet, zeigt nur, dass sich die Form der Publikationen geändert hat. Aber für die Inhalte sind immer die Autoren, nicht jedoch die Medien (Buch oder Blog, Zeitschrift oder Wiki) verantwortlich. Ein Blick in die Geschichte zeigt zudem, dass sich der Terrorismus stets „moderner“, „neuer“ Methoden bediente, um seine Ziele zu erreichen.

Sascha Lobo redet mit seiner Sichtweise letztlich nur denjenigen das Wort, die im Internet das Grundübel unserer heutigen gesellschaftlichen Veränderungen sehen. Wer dies tut, unterminiert die demokratischen Errungenschaften, die das Netz mit sich gebracht hat. Es finden sich darin nämlich nicht nur Artikel und Beiträge extremistischen oder gewalttätigen Inhalts, wie mancher glauben mag, sondern es ist auch eine reichhaltige und inspirierende Quelle für Literatur, Unterhaltung und wissenschaftlichen Diskurs. Doch über die positiven Aspekte wird leider viel zu selten geschrieben. Diese ergeben halt keine so schönen Schlagzeilen, wie der „neue Terrorismus aus dem Netz“. Wir brauchen eine offene Gesellschaft, die mögliche Gefahren aus dem Netz erkennt und im gesellschaftlichen Diskurs sich dieser Gefahren stellt. Wir brauchen keine Verbote oder Verfolgungen, sondern Menschen, die denjenigen, die wirres oder extremistisches Zeug im Internet verbreiten, mutig und argumentativ entgegentreten, statt in Panik nach dem Staat zu rufen. Lobo liefert mit seiner Sichtweise aber nur den Befürwortern von starkem Staat und Netzkontrolle die Argumente, statt auf die Kräfte von Zivilgesellschaft und demokratischer Kontrolle zu vertrauen. Von einem Internet-Experten hätte ich hier eigentlich eine andere Meinung erwartet.

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Mobilcom-Debitel oder wie man sich wirklich nicht mit Ruhm bekleckert

In den letzten Wochen musste ich wieder einmal erleben, welchen Stellenwert Kundenbetreuung in manchen Unternehmen einnimmt. Seit 1997, also schon seit recht langer Zeit, bin ich Mobilfunk-Kunde bei Debitel, heute Mobilcom-Debitel. Mein Handyvertrag läuft seit 1999 und hat mich also über einen langen Zeitraum stets und gut begleitet. Bisher war ich mit E-Plus sehr zufrieden und fühlte mich auch durch den Provider gut betreut. Aufgrund meines Arbeitsplatzwechsels vor knapp einem Jahr, bin ich nun aber in der misslichen Situation, mit E-Plus in Bad Berka leider keinen brauchbaren Empfang mehr zu haben.

Mit Lenin gefragt: „Was tun?“ – ist die Antwort doch recht einfach. Ein Netzwechsel muss her. Also war ich in einem Mobilcom-Debitel-Laden und habe mich nach der Möglichkeit eines Netzwechsels erkundigt. Antwort: „Geht nicht! Jedenfalls nicht während eines laufenden Vertrags. Sie müssen erst kündigen.“ Nun gut, also abwarten, bis das Vertragsende näher rückte. Den Vertrag habe ich fristgemäß gekündigt und gleichzeitig mitgeteilt, dass ich an einer Fortsetzung des Vertragsverhältnisses mit anderen Konditionen interessiert sei. Ich wollte zu D2 wechseln, meine Nummer behalten und ein neues Gerät erwerben. Eigentlich keine unerfüllbaren Wünsche. So dachte ich zumindest…

Servicewüste

Nun wenige Tage nachdem ich meine Kündigung losgeschickt hatte, rief mich auch ein freundlicher Mitarbeiter eines Erfurter Mobilcom-Debitel-Ladens an und wollte mir ein Angebot unterbreiten. Toll, dachte ich, das klappt ja wie gewünscht. Wir besprachen ein paar Optionen und er offerierte mir ein durchaus brauchbares Angebot. Unser Telefonat endete mit dem Versprechen, mir ganz schnell das gewünschte Angebot zuzuschicken und mich in einer Woche zur gleichen Uhrzeit zurückzurufen. Na, das funktioniert ja wirklich, dachte ich weiter und berichtete meiner Frau von dem erwünschten Angebot. Und dabei blieb es auch. Bis heute, fast vier Wochen nach dem Telefonat, warte ich noch immer auf das schriftliche Angebot und den Rückruf aus dem Mobilcom-Debitel-Shop. Da ich mir leider weder Namen noch Telefonnummer des Anrufes notiert hatte und auch nicht weiß, aus welchem Shop er anrief, war eine weitere Kontaktaufnahme unmöglich. Ich schaute mir das Schauspiel zwei Wochen an und wartete vergeblich auf irgendeine Info von Mobilcom-Debitel. Dann beschloss ich, die Sache einfach zu beenden.

Es geht auch anders

Ich ging einfach in den nächsten Laden meines bevorzugten Providers und erklärte dem freundlichen Verkäufer mein Anliegen. Dieser kümmert sich sehr fürsorglich um meine Wünsche und unternahm auch keinen Versuch, mir irgendwelche Tarifoptionen aufzuschwätzen, die ich nicht brauche. Stattdessen suchte er mir ein günstiges, passendes Angebot heraus, das ich haben wollte und stellte mir verschiedene Handys zur Auswahl. Letztlich habe ich damit genau den Vertrag mit den Leistungen, die ich brauche und das Gerät war auch noch rund 100 € günstiger. Und zufrieden bin ich damit auch.

Mobilcom-Debitel im Nachgang

Nachdem ich das Thema Mobilcom-Debitel für mich abgehakt hatte, erreichte mich vor wenigen Tagen noch ein Anruf des Unternehmens. Ein hektischer Callcenter-Mitarbeiter informierte mich darüber, dass mein Vertrag nun zur Verlängerung anstände und ich ein neues Gerät haben könne. Von meiner bereits erfolgten und bestätigten Kündigung wusste er offenbar nichts und auf meinen Hinweis, dass ich gekündigt hätte, wandte er nur ein, dass ich doch ein günstiges Gerät und eine Gutschrift erhalten könne. Erst auf meinen nochmaligen Hinweis der Kündigung begriff er, was los war, sagte schnell „danke“ und verabschiedete sich mit einem kurzen „Guten Tag“. Das war wohl der letzte Kontakt, den ich mit Mobilcom-Debitel hatte. An einem weiteren Kundenverhältnis besteht meinerseits kein Interesse mehr.

Fazit

Wer es als Mobilfunkanbieter in der heutigen Zeit nicht versteht, mit seinen Kunden vernünftig umzugehen, der sollte bald vom Markt verschwinden. Gerade dann, wenn die Kunden dem Unternehmen über viele Jahre verbunden waren und an einer Fortsetzung durchaus interessiert sind. Vielleicht war es einfach vermessen zu glauben, dass in der Servicewüste Besserung eingetreten sei…

Kategorien:Das Leben
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