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Rezension: Stephan Eisel. Internet und Demokratie

Die Zahl der Bücher über „das Internet“ ist enorm. Täglich kommen Neuerscheinungen hinzu, die dem geneigten Leser das Netz und seine Bedeutung erklären wollen. Dazu gehört auch das Werk von Stephan Eisel, der in „Internet und Demokratie“ den Versuch unternimmt, das Web und seine Implikationen auf eine moderne Gesellschaft zu erläutern. Eines wird bei der Lektüre schon recht schnell klar. Hier schreibt zwar jemand, der das Netz schon lange nutzt und kennt. Aber durch das gesamte Buch zieht sich wie ein roter Faden die Warnung von den Gefahren aus und durch das Web. Schon das erste Kapitel, „Mythos Internet“ überschrieben, zeigt wohin die Reise geht. Zwar betont Eisel schon hier, dass das Internet „durchaus“ das Potenzial habe, „die Freiheiträume in unserer Gesellschaft zu erweitern“ (S. 24), aber nur wenige Sätze weiter sieht er es auch als „willfähriges Werkzeug“, das „Fluchtmöglichkeiten vor der harten Wirklichkeit“ (S. 25) biete. Das Internet vermittelt für Eisel „Weltbilder, Wunschbilder“ (S. 25). Daher ruft er zur „Entmythologisierung des Internets“ (S. 25) auf.

Er beginnt seine Aufklärungskampagne mit grundlegenden Überlegungen über die moderne freiheitliche Demokratie und ihre Wertegrundlagen. Dabei darf natürlich auch nicht der zitierte Rückgriff auf Karl Popper, quasi den Übervater der Demokratietheorie, fehlen. Kurz skizziert er die verschiedenen Nutzertypen im Web und erläutert das Problem der digitalen Spaltung. Als problematisch betrachtet Eisel, dass nach jüngeren Erhebungen nur knapp 70 % der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren online sei (S. 38). Da mag man nur antworten: Ja, und? Wurden mit anderen Medien jemals alle Menschen erreicht? Zwar liegt die Verbreitungsrate von Radio und Fernsehen heute noch höher, aber gerade im Vergleich zu diesen Medien erfordert das Internet eben etwas mehr Aktivität als Fernsehen oder Radio. Und wer sich über politische oder gesellschaftliche Themen informieren wird, wird im Netz zweifellos mehr Informationen finden als auf irgendwelchen Fernsehsendern. Und seien wir ehrlich, welche Einschaltquoten erreichen brauchbare politische Magazine im TV im Vergleich zu Unterhaltungssendungen gleich welcher Couleur?

Nicht minder bezeichnend für Eisels kritische Betrachtungsweise ist das Kapitel „Die Minderheit der Zeitreichen“ (S. 50). Für ihn wird Politik im Netz nur von denen gemacht, die offenbar „Zeit haben“ und sich mit ihren Themen auseinander setzen wollen. So kritisiert er, dass selbst in den „Internet-Blogs [..] die Aktivierung der Nutzer nicht gelungen“ (S. 55) sei. Nur selten gelänge es, eine größere Zahl von Nutzen zu aktivieren, selbst in Blogs aktiv zu werden, so dass die Zahl der reinen Konsumenten sehr hoch sei. Aber ist dies bei anderen Formen der politischen Kommunikation und Teilhabe nicht ähnlich? Wie viele Bürger erreichen politische Parteien mit ihren Verlautbarungen? Wie viele Menschen lesen täglich den politischen Teil einer Tageszeitung, die über das Niveau einer „Bild“ hinausgeht? Eisel erregt sich über die skurrile Geschichte vom zerbrochenen Blumenkübel, der so viele Twitter-Nutzer und andere User begeisterte. Für ihn das der Beweis, dass offenbar zu viele User im Netz auch „viel Zeit [..] für Unwichtiges und Unsinniges“ (S. 59) haben. Doch gerade hier wird offensichtlich, dass Eisel gar nicht begriffen hat, dass der Verbreiter der Nachricht vom zerbrochenen Blumenkübel die banale Nachricht einer Tageszeitung aufgegriffen und sie mit ironischem Ton nur weiter verbreitet hat. Sicher wird über das Netz viel Banales verbreitet, aber was in den anderen Medien täglich wiederfindet, ist keinesfalls von höherer Qualität. Ein Blick ins Privatfernsehen hilft hier zu relativieren…

Ebenso wenig kann Eisels Kritik an der „fragmentierten Echogesellschaft“ (S. 164ff.) überzeugen. So führt er aus, dass sich die „aktiven Internetnutzer in viele voneinander abgeschottete Netznischen zurückziehen“ (S. 165). Nach seiner Ausfassung suchen sich die Nutzer gerade die Mitstreiter im Netz, die gleiche oder ähnliche Meinungen vertreten. Daraus folgerte der Autor, dass diese Nutzer sich einen „Tunnelblick“ im Kreise Gleichgesinnter aneignen und sich gegenseitig nur in ihren Meinungen bestätigen. Aber ist das gerade nicht auch ein Problem, das sich außerhalb des Netzes ebenso ergibt? Die meisten Menschen treffen in ihrer Umgebung eher auf Personen, die eine gleiche oder ähnliche Lebenswelt haben und auch im politischen oder gesellschaftlichen Leben ähnlich denken. Wer einer politischen Partei beitritt, tut dies, weil er mit den Ideen und Zielen einer bestimmten Gruppe übereinstimmt. Wer dies nicht tut, wird nicht beitreten, denn andernfalls findet er keine Zustimmung und bestätigt. Das „Echo“ bliebe somit aus. Gleiches gilt auch für das soziale Leben. Wer sich für Fußball interessiert, wird eher selbst spielen und Kontakt zu Fans seines Lieblingsvereins suchen als derjenige, der sich für Hallenhalma interessiert. Dies ist kein Problems des Internets, sondern nur allzu menschlich. Dagegen öffnet das Netz gerade die Möglichkeit, sich mit Meinungen auseinander zu setzen, die man im normalen Leben eben nicht lesen würde, weil sie einen nicht erreichten. Wer sich also politisch einbringen und äußern möchte, hat im Netz jede Möglichkeit dazu.

So durchzieht das gesamte Buch eine gerade alarmistische Grundstimmung, die das Internet in weiten Teilen als Gefahr für die „wehrhafte Demokratie“ (S. 239ff.) oder als Ausgangspunkt für den „Cyberwar“ (S. 258ff.) ansieht. Hat man Eisels Ausführungen gelesen, muss man zweifellos den Eindruck gewinnen, dass mit dem Internet der ‚Untergang des Abendlandes‘ bevorsteht. Dass sehr vielen Menschen das Web inzwischen richtig ans Herz gewachsen ist und sie dies als Teil ihres Lebens und ihrer Lebensführung begreifen, will Eisel offenbar nicht anerkennen. Was einfach fehlt ist, dass das Netz auch jede Menge Chancen für politische Partizipation und Kommunikation bietet. Wie sonst kann man so viele Menschen erreichen. Eisel macht es sich zu einfach, wenn er alles Negative zusammenträgt, anstatt sich Gedanken zu machen, wie man das Netz effektiver gesellschaftlich nutzen kann. Seine „Zwanzig Thesen zum Umgang mit dem Internet“ am Ende des Buches, die er auch in seinem Blog diskutiert,  sind da auch keine Hilfe, um eine positive Sichtweise zu erzeugen.

Stephan Eisel: Internet und Demokratie. Herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Freiburg: Herder 2011. 358 S.

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  1. 26. November 2011 um 22:36

    Sehr geehrter Herr Zeidler!

    Vielen Dank für die detaillierte Kommentierung meines Buchs. Es ist für einen Autor immer interessant, zu erfahren,wie andere lesen,was man selbst geschrieben hat.

    Allerdings spricht aus dem Tenor Ihrer Kommentierungen ein Missverständnis: Ich meine nicht, dass es gewisse Phänomene und Probleme im Internet nicht auch in realen Welt gäbe. Mir geht es darum, zu verdeutlichen, dass es in die Irre führt anzunehmen, dass die Probleme der realen Welt nicht auch im Internet auftauchen – teilweise zugespitzt und verstärkt. Genau dies wird ja von denen bestritten, die das Internet idealisieren. Insofern teile ich Ihre Kritik am FAZ-Beitrag von Pavel Mayer an anderer Stelle.

    In meinen Augen führt das Internet weder zum Untergang des Abendlandes noch in ein neues Zeitalter der Erlösung. So steht es übrigens auch wörtlich im Buch.

    Aufschlussreich finde ich Ihre Bemerkung, „dass das Web vielen Menschen richtig ans Herz gewachsen ist“. Vielleicht ist es ja diese emotionale Dimension im Umgang mit Internet, die Hinweise auf seine Ambivalenz für manche so schwer erträglich, aber deswegen umso nötiger macht.
    Mit freundlichen Grüßen
    Stephan Eisel

    P.S. Schade, dass Sie die drei Kapitel übersehen haben, die sich explizit mitbekommt Thema „Politik im Netz“ befassen

  2. 27. November 2011 um 10:14

    Sehr geehrter Herr Eisel,

    vielen Dank für Ihre Anmerkung. Ich glaube nicht, dass ich Ihr Buch und den Gesamttenor missverstanden habe. Bei mir bleibt jedoch ein über weite Strecken negativer Beigeschmack zurück, denn letztlich fehlt für mich irgendwie der Weg, wie man aus den von Ihnen dargelegten Problemen herauskommen und das Netz für politische Kommunikation stärker nutzbar machen kann. Ich hätte mir gewünscht, dass Sie vllt. Lösungsansätze aufzeigen, um z. B. das Problem der „Echogesellschaft“ anzugehen.

    Persönlich habe ich zumeist eine andere Wahrnehmung, aber das ist ja immer sehr subjektiv. Im Übrigen wird meine Einschätzung Ihres Buchs auch von Bekannten geteilt, die Ihr Werk ebenso gelesen haben. Insofern ist mein Eindruck sicher ganz falsch.
    Die drei Kapitel „Politik im Netz“ habe ich natürlich nicht „übersehen“, sondern auch gelesen und wahrgenommen. Ich habe nämlich die Angewohnheit, Bücher von vorne bis hinten zu lesen 🙂 Aber auch dieser Teil hat mich nicht recht überzeugt.

    Mit freundlichen Grüßen

    Stephan Zeidler

  3. 27. November 2011 um 11:32

    Sehr geehrter Herr Zeidler,

    die unterschiedlichen Reaktionen auf das Buch sind für mich als Autor natürlich sehr interessant. Sie reichen von „faszinierendes Buch“ über „Augenmaß für die Realitäten“ bis zu Ihrem Urteil einer „arlamistischen Grudnstimmung“. Wo Sie meinen, ich hätte nur Risiken beschrieben schreibt der Rezensent von „politik&kommunikation“: „Eisel gelingt es, die Chancen und Risiken der digitalen Revolution in kurzen und prägnanten Kapiteln zu beschreiben.“ Aber solche unterschiedlichen Urteile sind ja das Salz in der Suppe.

    Mir fällt nur auf: Wem das Internet (wie Sie es offenbar auch für sich und Ihre Bekannten beschreiben) „richtig ans Herz gewachsen“ ist, dem erscheint folgerichtig schon die analytische Beschreibung der Ambivalenz des Internet als ungerechte Behandlung der „Herzensangelegenheit“. Es ist ja schon aufschlussreich, dass sie diese emotionale Kategorie überhaupt in die Debatte um das Internet einführen.

    Für die angesichts der großen Resonanz sicher fälligen Neuauflage des Buches bietet sich an, die Motive dieser unterschiedlichen Reaktionen zu analysieren.

    Mit freundlichen Grüßen
    Stephan Eisel

    P.S. Meine Vermutung, Sie hätten die Kapitel zur Politik im Netz übersehen, folgte aus Ihrem Satz: „Was einfach fehlt ist, dass das Netz auch jede Menge Chancen für politische Partizipation und Kommunikation bietet.“

  1. 27. November 2011 um 11:55

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