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Archive for Februar 2012

Sprachliche Abrüstung im digitalen Zeitalter

Ansgar Heveling hat der Netzgemeinde das digitale Stöckchen hingehalten und viele sind drüber gesprungen. Mit seinem Gastbeitrag im „Handelsblatt“ hat der CDU-Abgeordnete eine Welle losgetreten, die nicht mehr zu halten war. Mit seinen zweifelsohne unsäglichen Äußerungen mit dem schönen Titel „Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!“ hat sich er sich zum Gespött und wurde über alle parteipolitischen Grenzen hinweg zerrissen. Was in seinem Aufsatz sofort auffällt ist eine Sprache, die von martialischer Rhetorik nur so strotzt. Da ist von „medialer Schlachtordnung“, vom „Clash of Civilizations“ die Rede. Er schwadroniert über „ruinenhafte Stümpfe unserer Gesellschaft“ und sieht „digitale Horden“ und „verbrannte Erde“. Man greift sich unweigerlich an den Kopf und fragt sich, in welchem Jahrhundert und in welcher Gesellschaftsform leben wir eigentlich. Muss man als Abgeordneter im 21. Jahrhundert und Mitglied der Bundestags-Enquete „Internet und digitale Gesellschaft“ so ein Vokabular verwenden, um auf sich aufmerksam zu machen? Wohl kaum, aber Heveling ist dafür auch zu Recht in die Schranken gewiesen worden.

Man glaubte fast, die Aufregung über Hevelings Äußerungen hätte sich inzwischen gelegt, da sieht die „Stuttgarter Zeitung“ in der Enquete die „Kommission für den Kulturkampf“. Autor Jan Georg Plavec sieht in den Auseinandersetzungen und Diskussionen innerhalb der Enquete-Kommission offenbar solch gravierende Differenzen, dass auch er zu dem historisch zweifelhaften Vergleich greift und einen „Kulturkampf“ sieht. Anstatt die Unterschiede zwischen den einzelnen Positionen innerhalb der Kommission aufzuzeigen und darzulegen, worin diese bestehen, bedient er sich einer unpassenden Rhetorik um die Auseinandersetzungen um die Verfahren innerhalb des Gremiums zu beschreiben. Doch hierbei geht es nicht um einen „Kulturkampf“, sondern schlicht darum, dass in einem parlamentarischen Gremium auch parlamentarische Regeln angewendet werden müssen. Dies mag dem einen oder anderen Mitglied nicht gefallen haben, ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese Regelungen bestehen. Daraus einen „Kulturkampf“ zu machen, ist völlig übertrieben und die Verwendung eines solch belasteten Begriffs reißt nur weitere Gräben auf. Und gerade diese Gräben kritisiert Plavec ja in seinem Artikel.

Was soll also tun? Statt immer neue rhetorische „Kämpfe“, „Schlachten“ und sonstige Auseinandersetzungen zu suchen, sollten die Beteiligten, egal ob Netzpolitiker, Journalisten, Blogger oder Internet-Verweigerer einfach zu dem greifen, was politische und gesellschaftliche Diskussion ausmacht. Nämlich der Austausch und die Erörterung von Sachargumenten und nicht das bloße Aneinanderreihen von Kampfbegriffen, um den vermeintlichen Gegner zu „bekämpfen“. Dies führt zu nichts. Im Gegenteil, denn es vertieft nur die Gräben statt sie zu überwinden. Was wir brauchen ist eine „sprachliche Abrüstung“, um solche irrsinnigen Auseinandersetzungen und Konflikte wie den um Heveling zukünftig zu vermeiden.

Denn: Im Gegensatz zu vielen, die sich beruflich oder privat mit Netzpolitik befassen, sind den meisten „normalen“ Usern nämliche solche Streitigkeiten fremd. Sie sehen die Konflikte einfach nicht, denn für sie gibt es diese Gräber zwischen digitaler und analoger Welt nicht. Sie laden einfach ihre Fotos in Portalen hoch, setzen Nachrichten über Twitter ab, verabreden sich über Facebook und treffen sich abends ganz analog und herkömmlich in der Kneipe. Und beschließen dann den Abend mit einem Buch im Bett statt sich Gedanken zu machen, warum manche Politiker dem Netz noch skeptisch gegenüberstehen oder andere User die vermeintlich „alte Welt“ verachten.

Also einfach mal über den eigenen Sprachgebrauch nachdenken statt in sprachlichen Mottenkisten längst vergangener Zeiten zu wühlen. Diskussionen über Netzpolitik haben nämlich Besseres verdient.

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