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Archive for the ‘Das Leben’ Category

Mobilcom-Debitel oder wie man sich wirklich nicht mit Ruhm bekleckert

In den letzten Wochen musste ich wieder einmal erleben, welchen Stellenwert Kundenbetreuung in manchen Unternehmen einnimmt. Seit 1997, also schon seit recht langer Zeit, bin ich Mobilfunk-Kunde bei Debitel, heute Mobilcom-Debitel. Mein Handyvertrag läuft seit 1999 und hat mich also über einen langen Zeitraum stets und gut begleitet. Bisher war ich mit E-Plus sehr zufrieden und fühlte mich auch durch den Provider gut betreut. Aufgrund meines Arbeitsplatzwechsels vor knapp einem Jahr, bin ich nun aber in der misslichen Situation, mit E-Plus in Bad Berka leider keinen brauchbaren Empfang mehr zu haben.

Mit Lenin gefragt: „Was tun?“ – ist die Antwort doch recht einfach. Ein Netzwechsel muss her. Also war ich in einem Mobilcom-Debitel-Laden und habe mich nach der Möglichkeit eines Netzwechsels erkundigt. Antwort: „Geht nicht! Jedenfalls nicht während eines laufenden Vertrags. Sie müssen erst kündigen.“ Nun gut, also abwarten, bis das Vertragsende näher rückte. Den Vertrag habe ich fristgemäß gekündigt und gleichzeitig mitgeteilt, dass ich an einer Fortsetzung des Vertragsverhältnisses mit anderen Konditionen interessiert sei. Ich wollte zu D2 wechseln, meine Nummer behalten und ein neues Gerät erwerben. Eigentlich keine unerfüllbaren Wünsche. So dachte ich zumindest…

Servicewüste

Nun wenige Tage nachdem ich meine Kündigung losgeschickt hatte, rief mich auch ein freundlicher Mitarbeiter eines Erfurter Mobilcom-Debitel-Ladens an und wollte mir ein Angebot unterbreiten. Toll, dachte ich, das klappt ja wie gewünscht. Wir besprachen ein paar Optionen und er offerierte mir ein durchaus brauchbares Angebot. Unser Telefonat endete mit dem Versprechen, mir ganz schnell das gewünschte Angebot zuzuschicken und mich in einer Woche zur gleichen Uhrzeit zurückzurufen. Na, das funktioniert ja wirklich, dachte ich weiter und berichtete meiner Frau von dem erwünschten Angebot. Und dabei blieb es auch. Bis heute, fast vier Wochen nach dem Telefonat, warte ich noch immer auf das schriftliche Angebot und den Rückruf aus dem Mobilcom-Debitel-Shop. Da ich mir leider weder Namen noch Telefonnummer des Anrufes notiert hatte und auch nicht weiß, aus welchem Shop er anrief, war eine weitere Kontaktaufnahme unmöglich. Ich schaute mir das Schauspiel zwei Wochen an und wartete vergeblich auf irgendeine Info von Mobilcom-Debitel. Dann beschloss ich, die Sache einfach zu beenden.

Es geht auch anders

Ich ging einfach in den nächsten Laden meines bevorzugten Providers und erklärte dem freundlichen Verkäufer mein Anliegen. Dieser kümmert sich sehr fürsorglich um meine Wünsche und unternahm auch keinen Versuch, mir irgendwelche Tarifoptionen aufzuschwätzen, die ich nicht brauche. Stattdessen suchte er mir ein günstiges, passendes Angebot heraus, das ich haben wollte und stellte mir verschiedene Handys zur Auswahl. Letztlich habe ich damit genau den Vertrag mit den Leistungen, die ich brauche und das Gerät war auch noch rund 100 € günstiger. Und zufrieden bin ich damit auch.

Mobilcom-Debitel im Nachgang

Nachdem ich das Thema Mobilcom-Debitel für mich abgehakt hatte, erreichte mich vor wenigen Tagen noch ein Anruf des Unternehmens. Ein hektischer Callcenter-Mitarbeiter informierte mich darüber, dass mein Vertrag nun zur Verlängerung anstände und ich ein neues Gerät haben könne. Von meiner bereits erfolgten und bestätigten Kündigung wusste er offenbar nichts und auf meinen Hinweis, dass ich gekündigt hätte, wandte er nur ein, dass ich doch ein günstiges Gerät und eine Gutschrift erhalten könne. Erst auf meinen nochmaligen Hinweis der Kündigung begriff er, was los war, sagte schnell „danke“ und verabschiedete sich mit einem kurzen „Guten Tag“. Das war wohl der letzte Kontakt, den ich mit Mobilcom-Debitel hatte. An einem weiteren Kundenverhältnis besteht meinerseits kein Interesse mehr.

Fazit

Wer es als Mobilfunkanbieter in der heutigen Zeit nicht versteht, mit seinen Kunden vernünftig umzugehen, der sollte bald vom Markt verschwinden. Gerade dann, wenn die Kunden dem Unternehmen über viele Jahre verbunden waren und an einer Fortsetzung durchaus interessiert sind. Vielleicht war es einfach vermessen zu glauben, dass in der Servicewüste Besserung eingetreten sei…

Kategorien:Das Leben

Thema verfehlt, Herr Harpprecht!

Das nervige Gezerre um die plagiierte Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg spült neben abgeschriebenen Seiten auch manch seltsame Ansicht von Außenstehenden an die Oberfläche. Ein gutes Beispiel liefert in dieser Woche der bekannte Journalist Klaus Harpprecht. In seinem Beitrag „Karl-Theodor zu Guttenberg – ein deutsches Suchtopfer“, nachzulesen in der Online-Ausgabe des „Cicero“. Mit geradezu wissenschaftsfeindlicher Attitüde nimmt er all diejenigen aufs Korn, die sich der Mühe unterziehen oder unterzogen haben, eine Dissertation anzufertigen und ein Promotionsverfahren zu durchlaufen.

Für Harpprecht ist klar: Wer eine Promotion anstrebt, tut dies nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern allein aus Titelsucht. Als Begründung für diese absurde Theorie muss natürlich die deutsche Vergangenheit – was auch sonst – herhalten, um darzulegen, dass das Erlangen eines Doktortitels nur darauf abziele, sich mit diesem Titel in der Öffentlichkeit ansprechen zu lassen. Quasi eine Sucht nach dem Titel. Der Autor macht es sich einfach: Vom „Herr Rittmeister“ zu „Herr Doktor“ sei es nur ein kurzer Weg. Auch klar ist für ihn, dass es vom Doktortitel nur ein kleiner Schritt zu einem Titel der NS-Bürokratie gewesen sei. Das mag sicherlich in manchen Fällen zutreffend gewesen sein, aber ein solches Verhalten auf die heutige Zeit zu projizieren, ist schlichtweg völlig daneben.

Auch heutige Doktoranden werden von Harpprecht maßgenommen: „Die universitäre Garde pocht darauf, dass die Doktorarbeit die beste Einübung in die systematische Erschließung eines überschaubaren Feldes sei. Das mag zutreffen. Aber lohnt es sich, dafür zwei bis drei Jahre seines Lebens zu verschwenden? Öffnen die Arbeiten den Zugang zu unerforschten Bereichen? Vielleicht. Im Glücksfall dienen sie als Baumaterialien für die nächsten Dissertationen, die fürs geistige Fortkommen genauso unwichtig sind.“ Kein Wort darüber, was Doktoranden dazu bringt, eine Dissertation anzufangen. Wissenschaftliches Interesse, beruflicher Einstieg, die Neugierde an einem bisher unbeackerten Feld der Forschung – dies alles zählt für Harpprecht offenbar nicht. Wer will bewerten, ob eine Arbeit fürs „geistige Fortkommen“ wichtig ist? Harpprecht? Sicherlich nicht. Der sitzt auf seinem hohen Ross, nennt sich Journalist und Publizist (das sind offenbar keine Titel), und sieht die Wissenschaft als gänzlich unnütz an.

Nicht minder abstrus hierfür seine Begründung: Gute Journalisten sind offenbar nur diejenigen, die kein Studium absolviert haben, denn „die exakte Recherche übt man sich nicht in der Universitätsbibliothek“. Dies ist richtig, aber das sind auch zwei Paar Schuhe. Und dass Absolventen der Germanistik einen anderen Schreibstil haben als Journalisten, ist auch nachvollziehbar. Schließlich sollen sie an den Universitäten lernen, sich wissenschaftlich auszudrücken, und nicht für „Bild“, „FAZ“ oder „Zeit“. Was sie lernen sollen, ist korrektes wissenschaftliches Arbeiten, sich mit einem bestimmten Thema auseinander zu setzen und dies in einem überschaubaren Rahmen darzustellen. Nichts anderes, wenn auch in größerem Umfang, macht ein Doktorand, der sich einem größeren Thema beschäftigt und dort auch Lebenszeit investiert. Dies als „verschwenden“ zu bezeichnen, ist geradezu diffamierend.

Was bleibt von Harpprechts Aussage? Dass das Schreiben einer solchen Arbeit irgend letztlich unsinnig und Verschwendung ist. Eine tiefe Ernüchterung muss sich unter all den Menschen breit machen, die sich in der Vergangenheit der Herausforderung Promotion gestellt haben. Sind alle derzeitigen Doktoranden gar Versager, weil sie ihre Zeit „verschwenden“? Dies ist der bittere Nachgeschmack, der von Harpprechts dünner Begründung zurückbleibt. Was ist mit all denjenigen, die nach der Promotion in der Wissenschaft verbleiben, Grundlagenforschung z. B. in der Medizin oder anderen Naturwissenschaft betreiben? Bleibt man bei Harpprechts „verschwenderischer“ Argumentation, so wären wir wahrscheinlich noch heute mit Faustkeil und Steinschleuder auf der Jagd nach Wild.

Warum empören sich gerade in diesen Tagen junge Nachwuchswissenschaftler über Guttenberg? Doch nicht, weil sie irgendwie enttäuscht sind, sondern weil sie die Reputation der Wissenschaften gefährdet sehen, wen Arbeiten durch Plagiate entstehen. Sind diejenigen auch alle „Verschwender“, wenn sie ihre wissenschaftliche Arbeit entwertet sehen? Im Gegenteil, das sind diejenigen, die sich für ihr berufliches Fortkommen auf ihre Arbeit stützen und sich eben nicht einer solch unbegründeten Diffamierung ausgesetzt sehen wollen.

Wissenschaft und Forschung leben von dem Wissensdrang und der Neugierde desjenigen, der sich neuen Themen öffnet und sie untersuchen will. Harpprecht bleibt dagegen in der seiner Nachkriegszeitdenke stehen und hat offenbar keinen Blick mehr für die Zukunft. Schade, Herr Harpprecht, aber dieses Thema haben Sie schlicht verfehlt! Und bitte bedenken Sie: Es waren „Ihre“ Sozialdemokraten, die in den 1960er Jahren die Hochschulen für eine große Zahl an neuen Studenten geöffnet haben. Sie wollten den „Arbeiterkindern“ den Zugang zur weitergehenden Bildung erleichtern. Dass dies zwangsläufig zu mehr „Doktoren“ führen würde, dürfte auch demjenigen klar gewesen sein, der eben keine Hochschule besucht hatte. Spricht da etwa Neid aus Ihren Worten? Es drängt sich fast dieser Verdacht auf. Nichts für ungut: Lassen Sie den heutigen Studierenden, Doktoranden und sonstigen Wissenschaftlern ihre akademische Freiheit und ihren Wissensdrang, und glauben Sie nicht, dass dies nur „verschwenden“. Es kann nämlich auch einfach Spaß machen, sich mit einem Thema auseinander zu setzen. Und dieses sinnliche Vergnügen sollten Sie niemandem absprechen.

Kategorien:Das Leben, Politik

Unterwegs mit der Deutschen Bahn, Teil 2

Nach einigen Monaten der Enthaltsamkeit habe ich mich vor ein paar Tagen wieder einmal dem Abenteuer Deutsche Bahn ausgesetzt. Manch einer mag  ja behaupten, das sei eine größere Herausforderung als das „Dschungel Camp“ im TV. Aber ehrlichweise muss ich der Bahn zugestehen, dass die Reise frei von Komplikationen verlief und die Züge nahezu pünktlich eintrafen. Was will man mehr.

Im vergangenen Jahr hatte ich mehrfach Gelegenheit, das Angebot der Deutschen Bahn ausgiebig zu testen. So war ich doch recht gespannt, welchem Menschenschlag ich diesmal begegnen würde. Und ich muss sagen, die Mitreisenden haben mich nicht enttäuscht. Aufgebrochen waren Frau, Kinder und ich zu dem Tagesausflug nach Frankfurt am Main. Ziel war die große Courbet-Ausstellung in der Schirnkunsthalle. Eine Ausstellung, die sich wirklich zu besuchen lohnt, selbst wenn einen die Kinder schnell von Bild zu Bild zerren.

Doch zurück zur Bahnfahrt. Nahezu pünktlich – kein Wunder, es war ja ein Sonntag – bestiegen wir am Erfurter Hauptbahnhof den ICE, der uns direkt in die hessische Metropole bringen sollte. Wir hatten einen Vierersitzplatz mit Tisch reserviert, um den Kindern genügend Fläche zum Ausbreiten zu bieten. Unsere Plätze hatten wir noch nicht richtig eingenommen, da traf mich schon wie ein Stich in die Seite der Blick einer Mitreisenden. Ihr Blick sagte mir alles: „Ohje, da sitzen ja nun Kinder. Die werden bestimmt viel Krach machen und die Eltern werden nichts unternehmen!“

Sofort erhob sich das väterliche schlechte Gewissen in mir und ich signalisierte den Kindern, dass sie sich doch bitte benehmen sollten. Wenigstens zeitweise… Sie hatten ja durchaus versprochen, den Zug nicht zu demontieren. Insofern war ich recht zuversichtlich. Doch egal was, was die Kinder sagten oder taten. Nicht nur die eine übergewichtige Mitreisende, auch die zweite dicke sächsische Pauschaltouristin auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen bedachte mich fast tödlichen Blicken. Ich konnte nicht anders und raunte meiner Frau zu, dass die Dicke am Fenster offensichtlich den bösen Blick drauf habe. Gelächter zu meiner Rechten und wieder das ungute Gefühl, ein spitzes Messer an den Rippen zu spüren. Der mitreisende Ehegatte der Sächsin war offenbar recht schwerhörig und störte sich daher weniger am fröhlichen Geplapper der Kinder. Nach ein paar Minuten des grimmigen Dreinschauens begannen die Drei, eine Runde Uno zu spielen und konnte sich so ein wenig abreagieren. Zocken kann also doch etwas Positives hervorrufen. Es gelang, uns die gut zweistündige Fahrt nach FFM ohne Zwischenfälle zu überstehen und keine Diskussion über Grundsatzfragen der Kindererziehung im 21. Jahrhundert führen zu müssen.

Auf der Rückfahrt ein leicht verändertes Bild. Wieder reservierte Plätze am Tisch, doch diesmal ist der Zug deutlich voller. Neben den letzten Bundeswehrreservisten auf dem Weg zu ihren Kasernen noch ein paar versprengte Berufsreisende, die bereits am Sonntagabend ihr Ziel im Osten der Republik erreichen wollen. Der Zug hat Frankfurt noch nicht verlassen, da bahnt sich schon der erste Konflikt an. Nein, wir sind nicht involviert. Eine Frau hat sich mit einem überdimensionalen Rucksack in einer Sitzreihe ausgebreitet und wühlt hektisch in irgendwelchen Papieren. Ein anderer Fahrgast kommt hinzu und erklärt, dass er ihren Sitzplatz reserviert habe. Die Frau mault, dass oben keine Reservierungsanzeige an sei und sie nun hier sitze. Erst nach einer kurzen Diskussion und dem Vorzeigen der Reservierung verlässt sie den Platz und stapft schnaubend davon. Sie rennt fast durch den Zug, um einen anderen Sitz zu finden, obwohl noch genügend Plätze frei sind. Nach einem kurzen Rennintermezzo landet sie schließlich in der Viererreihe neben uns und schmeißt auch dort ihre Sache auf den freien Platz. Und nun beginnt erneut das Spiel vom Vormittag: wieder die bösen Blicke auf Eltern und Kindern. Die Beiden sitzen in ihrer Reihe und malen und spielen und bieten kaum Anlass für Gemecker. Aber offenbar können wir es dieser Frau an diesem Abend nicht recht machen, denn sie beäugt uns immer wieder und wendet sich schnaubend ab, wenn die Kinder einmal ihre Stimme erheben.

Doch es geht auch anders. In der gleichen Reihe sitzt auch eine Frau, die den Anschein erweckt, sie sei eine verspätete Anhängerin von Timothy Leary und seinen Selbstversuchen. In weißes Leinen gewandet, mit einem roten Schal um den Bauch, lächelt sie die Kinder an und ich denke bei mir, sie sieht aus wie auf Drogen. Als wir später den Laptop einschalten, um die inzwischen recht müden Kinder mit Michel aus Lönneberga zu unterhalten, grinst sie mich selig an und lässt ihrer Begeisterung für Michel freien Lauf. Die Frau gegenüber quittiert die leisen Geräusche aus dem Laptop mit erneut tödlichen Blicken in meine Richtung. Als ich dann auch noch einen kurzen Blick auf den Haufen Papier werfe, den so vor sich ausgebreitet hat, rafft sie ihr Zeug zusammen und stopft ihre Unterlagen wieder in den Rucksack. Nur ihre Buchlektüre bleibt liefen „Älterwerden als Problem“… Der Titel reicht mir, um mein Urteil zu bestätigen. Dabei ist die Frau maximal Ende dreißig. Aber ihre Toleranz gegenüber anderen Menschen doch eher begrenzt.

Und so endet die Fahrt am Abend wieder in Erfurt und ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher. Fest steht: wer mit Kindern Bahn fährt, kann kaum mit dem Wohlwollen seiner Mitreisenden rechnen. Deutschland ist noch immer kein Kinderland. Und dennoch: Bahn fahren erlaubt einem wieder kleine Einblicke das zwischenmenschliche Miteinander und erweitert den Blick auf die Menschen, die leben. Spannend und erhellend ist so eine Bahnfahrt allemal. In diesem Sinne: auf ein Neues!

Kategorien:Das Leben

2010: Ende und Neubeginn – Ein Rückblick

Im abgelaufenen Jahr hat sich einiges für mich verändert. Zu Beginn des Jahres 201 wusste ich nicht recht, was die kommende Zeit mir bringen würde. Beruflich war ich noch in Berlin tätig, meine Familie war in Erfurt. Keine wirklich erfreuliche Situation, vor allem wenn man nicht weiß, wie lange dieser Zustand anhalten wird.

In meinem Bundestagsbüro bei Peter Tauber lief es gut für mich. Ein cooler Chef mit vielen, auch manchmal unorthodoxen Ideen. Nette Kollegen, bei denen ich mich gut aufgehoben fühlte und die mich immer akzeptiert haben. Wir waren wirkliche Teamarbeiter und ich konnte mit meiner rund elfjährigen Berufserfahrung in verschiedenen Bundestagsbüros den einen oder anderen Tipp geben. Es war eine schöne Zeit und ich konnte mir neue Themenfelder erschließen. Familienpolitik hatte ich bisher immer nur am eigenen Leib erfahren. Wenn man zwei Kinder hat, merkt man schon, wo Veränderungsbedarf in unserer Gesellschaft ist. Es war spannend, an den Sitzungen des Familienausschusses teilzunehmen und zu sehen, wo die Fraktionen ihre unterschiedlichen Schwerpunkte legten. Und einmal mehr wusste ich, dass ich bei der CDU und ihren Mitgliedern richtig aufgehoben bin. Weniger Ideologie und mehr Pragmatismus herrschen hier vor, die Ideen und Lösungsansätze orientieren sich an der Realität der Menschen und nicht an irgendwelchen Gruppen, die versorgt werden wollen.

Aber auch die von CDU und CSU initiierte und in Gang gesetzte Internet-Enquete weckte mein Interesse und ich hatte das Glück, dort zusammen mit Peter Tauber mitarbeiten zu können. Auch hier wurde schnell sichtbar, dass Pragmatismus und Scheuklappenblindheit oft recht nah beisammen lagen. Kaum einer hätte es uns zugetraut, dass die vermeintlich Konservativen sich mit Netzpolitik beschäftigen und den Dialog mit der Zivilgesellschaft suchen würden. Dass dies nicht immer einfach werden würde, wurde schnell deutlich. Erkennbar ist aber auch weiterhin, dass der Wille zum Dialog nicht so ausgeprägt ist, wie das Thema Netzpolitik es eigentlich erfordern würde. Kurz: Die alten Vorurteile werden weiterhin gepflegt und der Wille, in einen echten Meinungsstreit um die besten Lösungen einzutreten, ist leider noch immer sehr begrenzt. Aber letztlich wird auch hier irgendwann die Vernunft siegen. Hoffentlich….

Und plötzlich, Anfang März 2010 ergab sich eine neue Perspektive. Wie so oft im Leben war es der persönliche Kontakt, der mir den Weg in eine andere berufliche Zukunft wies. Ein Kollege meiner Frau brachte eine Stellenausschreibung mit und meinte: „Das ist doch was für deinen Mann.“ Und so war es auch. Meine Bewerbung bei der Zentralklinik Bad Berka habe ich gleich fertig gestellt und mir gedacht: „Warum nicht? Medizin hat dich immer interessiert und unter Ärzten bist du auch aufgewachsen. Das passt doch!“ Und so ergab es sich nach einiger Zeit, dass ich im September als neuer Pressesprecher der Zentralklinik angefangen habe. Neue Aufgaben erwarteten mich und andere Themen, als die, die ich in den vergangenen Jahren bearbeitet hatte. Manches ist ähnlich, vieles ist neu. Pressemitteilungen habe ich schon vorher geschrieben und mich durch die Tiefen von Content Management Systemen geackert. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass die irgendwann Mitte der 1990er Jahre erworbenen HTML-Kenntnisse auch hier hilfreich sein können, wenn es um die Formatierung von Seiten und Texten geht. Dies wird auch im neuen Jahr so sein. Auch hier erwarten mich neue Aufgaben und Herausforderungen.

Dazwischen gab es natürlich auch ein paar persönliche Dinge. Meine Frau und meine Kinder haben mich durchs Jahr begleitet und mir oft und gerne lustige Momente zum Lachen und Schmunzeln verschafft. Stirnrunzeln gab es bei den morgendlichen Rechenübungen von Isabelle im Auto auf dem Weg zur Schule. Ausgerechnet ich, der Mathematik nie verstanden hat und froh ist, dass er Mathe irgendwann auf dem Gymnasium abwählen konnte, übt jetzt mit seiner Tochter das Rechnen. Verkehrte Welt. Ach ja, auch an anderer Stelle habe ich mich als Nachhilfelehrer versucht. Den Sohn meiner Berliner Vermieter habe ich morgens früh im Bus mit lateinischer Grammatik und Vokabeln gequält. Manche Erinnerung kann da wieder hoch. Und ich muss sagen, dass ich doch noch einiges von Damals behalten habe. Latein braucht man zwar heute nun wahrlich nicht mehr so oft, aber es doch schön zu wissen, dass neun Jahre (!) Schullatein inkl. „Leistungskurs“ nicht folgenlos geblieben sind. Wer weiß, wofür dieses Wissen noch einmal benötigt wird. Quod erit demonstrandum!

Pfingsten habe ich wie jedes Jahr mit meinen alten Zeltlagerkumpanen auf einer feuchten Wiese im Bergischen Land verbracht. Es ist einfach klasse, all die Leute zumindest einmal im Jahr wiederzusehen, mit denen ich einen Teil meiner Jugend verbracht habe. Manch trunkene Erinnerung tauchte da wieder aus den Schwaden auf und sorgte für gemeinsame Lacher. Auf ein Neues im kommenden Jahr. Pfingsten gehört dem Zeltlager. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Einige Freunde und gute Bekannte, nette Kollegen und schräge Vögel musste ich in Berlin zurücklassen. Der Neubeginn war es wert. Kontakte, die sich lohnen, bleiben bestehen. Das Internet, aber auch Telefon und reale Besuche machen dies möglich. Es ist spannend zu sehen und lesen, wie sich manche Leute entwickeln. Ich verfolge dies mit viel Aufmerksamkeit. Meinen Hobbys – Fotografie und Bücher – werde ich sicher auch in 2011 wieder ausreichend Zeit schenken. Das eine oder andere Foto wird hier oder in der Fotocommunity  sicher zu sehen sein. Manche Rezension werde ich hier in meinem Blog absetzen und auf ein bisschen Austausch hoffen.

Nun ist das Jahr vorbei. Ich bin wieder bei meiner Familie. Das ist schön und soll auch so sein. Weihnachten mit einem riesigen Berg Geschenkpapier, den der Papiercontainer kaum schaffte, liegt hinter uns. Alles bestens und friedlich verlaufen, so wie es sein soll. Beruflich wird es in Bad Berka sicher weitergehen. Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt, was das neue Jahr bringen wird.

Das war’s, 2010!

Ach ja: Das Wetter – es begann mit Schnee und Eis und endet auch so….

Kategorien:Das Leben, Netzpolitik, Politik, Zentralklinik Schlagwörter: ,

Depeche Mode und ich …

22. Dezember 2010 3 Kommentare

sind wahrlich schon eine lange Zeit miteinander verbandelt. Meine Frau begleitet mich nun schon seit über 16 Jahren durchs Leben und wir haben zusammen viel erlebt. Keinen Moment möchte ich davon missen.

Und dennoch gibt es einen festen Punkt in meinem Leben, der mich noch länger begleitet. Und das ist meine Begeisterung für Depeche Mode, ihre Musik und was mit den Musikern an sich zu tun hat. Diese „Sucht“ begann schon früh. Bereits 1983, lange bevor ich meine Frau kennenlernte, begeisterte ich mich für diese damals noch recht neuartige elektronische Musik, die nicht aus irgendwelche gequälten E-Gitarren oder Schlagzeugen stammte. Mich begeisterte es, Musik zu hören, die aus gesampelten Geräusche und Tönen zusammengesetzt wurde. Mich faszinierte die Technik, die dahinter steckte. Keyboard, Synthesizer, Drumcomputer und vieles mehr, später ergänzt durch eine schnell wachsende Digitaltechnik, waren einfach mein Ding.

Gerne erinnere mich noch daran, das erste Mal die Klänge solcher Songs wie „Everything counts“ zu hören, deren Text und Inhalt sich mir damals nicht erschloss. Egal, mich interessierte der harte metallische Klang, der trotzdem melodiös klang und die Stimme von Sänger Dave Gahan. Schräg waren die Auftritte von Videos von Keyboarder und Songwriter Martin L. Gore. Spätestens mit dem Erscheinen von Songs wie „People are People“ und „Master and Servat“ nahm die weitere Begeisterung ihren Lauf. Nun musste ich möglichst alles kaufen, was von Depeche Mode an Platten in Deutschland erschien. LPs wie „Some great Reward“ gehörten nun einfach in den Plattenschrank, auch wenn Singles, Maxis etc. immer tiefe Löcher in das kleine Taschengeldbudget eines Schülers rissen. Aber es musste einfach sein.

Nur wenige meiner Freunde und Mitschüler teilten meine Begeisterung für Depeche Mode und ihre Musik. Die Meisten hörten lieber klassischen Rock oder irgendwelches anderes Zeug aus den Charts. Klar, auch andere Bands wie The Cure, U2 oder auch Dire Straits sagten mir zu, obwohl sie doch ganz anders klangen als die vier Jungs aus England.

1990 war es dann zum ersten Mal soweit. Als frisch gebackener Student machte ich mich auf den Weg nach Dortmund, um Depeche Mode live in der Westfalenhalle zu sehen. Obwohl ich nicht im Innenraum stand, sondern auf der Tribüne kannte die Begeisterung keine Grenzen. Die Songs von der neuen Platte „Violator“ live und in Farbe zu hören, war einfach großartig. Selten war meine Euphorie für Musik so groß wie bei diesem Konzert. Auch bei der nächsten „Devotional Tour“ 1993 war ich wieder in Dortmund dabei und reihte mich in die lange Schlange der „Devotees“ ein. Erschöpft und glücklich trat ich auch damals die Heimreise nach Bonn an, noch lange ein Summen und Piepsen im Ohr von der üblichen Konzertlautstärke. Egal, Hauptsache dabei sein.

Nur wenig später wurden meine Frau und ich ein Paar. Die Liebe zur elektronischen Musik schwächte sich ab und wandte sich mehr der menschlichen Seite zu. Ich habe dies bis heute keine Minute bereut und bin auch ein bisschen Stolz auf unsere langjährige Beziehung. Die Musik von Depeche Mode lies mich aber dennoch nicht los. Nur das Interesse an der Band schwand etwas, was sicher auch mit den internen Entwicklungen zu tun hatte. Dave Gahan glitt mehr und mehr in die Drogenszene ab und man konnte Mitte der 1990er Jahre kaum mehr hoffen, dass es noch einmal eine neue Platte geben und dass Gahan wieder clean würde. Doch, oh Wunder, beides geschah und die Erfolgsgeschichte der Band ging einfach wieder. Musikalisch machte sie manche Winkelzüge in rockerige Songs mit dem Einsatz von Gitarren und Schlagzeugen. Nicht alles gefiel mir, an manches musste ich mich erst gewöhnen. Allerdings ohne dass die rechte Begeisterung der früheren Jahre zurückkehrte. Dennoch blieb ich ein recht treuer Fan, kaufte weiterhin Platten und freute mich wenn, Depeche Mode im Radio lief.

Sonja und ich besuchten das „Singles-Tour“-Konzert 1998 zusammen in Köln. Damit nahmen wir, ohne es zu ahnen, quasi Abschied von den nordrhein-westfälischen Bühnen, denn im folgenden Jahr zog es uns gemeinsam nach Berlin. So vergingen einige Jahre, aber das Interesse für die Musik meiner Jugend blieb, wenn auch etwas abgeschwächt. Zu sehr waren die altgewohnten Klänge in meinem Ohr und die neueren Platten fanden wieder mehr meinen Zuspruch als die Ausflüge zu leicht rockigeren Titeln. Ich kann es nicht verleugen: Meine Vorliebe gehört viel mehr der elektronischen Musik, auch wenn diese manchmal als seelenlos abgetan wird.

2006 war es endlich wieder soweit! Diesmal zog es uns gemeinsam in die Berliner Wahlbühne und wir erlebten ein wunderbares Konzert in dieser ungewöhnlichen Location. Wir trafen durch Zufall unsere Nachbarn und hatten viel Spaß mit diesem Live-Auftritt. Die neue Platte, „Playing the Angel“ war einfach wieder viel mehr nach meinem Geschmack. Und der Text der Single „Precious“ berühmte mich tief.

Der absolute Höhepunkt meiner Beziehung zu Depeche Mode war natürlich das Jahr 2009. An unserem Hochzeitstag im Olympia-Stadion meine Lieblingsband zusammen mit meiner Frau zu sehen und zu hören, war einfach das Beste, was mir passieren konnte. Ein geniales Konzert, eine inspirierende Show und meine Frau dabei. Das war einfach klasse! Nur kurze Zeit später stand unser Umzug nach Erfurt an. Und wer hätte es gedacht? Depeche Mode kamen im November in unsere Landeshauptstadt und spielten in der Messehalle. Eine ganz andere Atmosphäre als ein Stadion-Konzert. Vielleicht etwas „intimer“, aber nicht minder ansprechend.

Noch heute läuft „Enjoy the Silence“ auf meinem Handy als Klingelton und nicht wenige Menschen blicken erstaunt auf, wenn sie Musik hören. Viele lächeln und sagen: „Das kenn ich doch“. Und dann weiß ich, dass ich nicht allein bin mit meinem Musikgeschmack auf den frühen 1980er Jahren. In den letzten Monaten habe ich zudem einige Biografie über die Mitglieder und die Band gelesen. Da wurde so manche Erinnerung wieder wach und vieles, das ich selbst empfunden hatte, wurde bestätigt. Ich bin gespannt, wie es mit Depeche Mode in den nächsten Jahren weitergeht. Eines ist jedoch sicher, mein Interesse an der Musik wird sicher nicht erlahmen.

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Ich bin dann mal zeitweise offline – zumindest tagsüber

Vor einigen Tagen habe ich eine Rezension zu Christoph Kochs „ich bin dann mal offline“ geschrieben und mir dabei so ein paar Gedanken gemacht. Dem einen oder anderen Bekannten wird es sicher aufgefallen sein. Seit gut drei Monaten bin ich wochentags kaum mehr in den sozialen Netzwerken unterwegs. Aus verschiedenen Sicherheitsgründen sind Facebook, Twitter etc. an meinem Arbeitsplatz in der Zentralklinik Bad Berka gesperrt. Die Integrität der Patientendaten und der medizinischen Systeme muss in einem Krankenhaus höchste Priorität haben. Das muss man einfach akzeptieren.

Und dennoch: Wenn man es gewohnt war, gelegentlich bei Facebook reinzuschauen, schnell einen Status-update via Twitter durchzugeben oder sich über das muntere Treiben seiner Freunde zu informieren, so stellt man doch recht schnell fest, da fehlt einem etwas, woran man sich gewöhnt hatte. Kommunikation ist immer in zwei oder mehr Richtungen gedacht und sollte auch so funktionieren. Nun fühlte ich mich ein wenig ausgegrenzt. Nicht absichtlich, aber irgendwie beschlich mich manchmal das Gefühl, nicht immer mitzubekommen, was so bei meinen Freunden und Bekannten passierte. Diese Empfindung wurde noch dadurch verstärkt, dass ich nun nicht mehr in Berlin lebe und arbeite und die Online-Kommunikation der Weg der Informationsvermittlung und der Beziehungspflege ist.

Nach drei Monaten des stundenweisen offline-Lebens habe ich mich gut daran gewöhnt. Auch die Tatsache, dass mein Handy aufgrund eines ungünstigen Standorts im Gebäude nicht erreichbar ist, ist irgendwie auch verschmerzbar. So bleibt mir zumindest eine kleine Freude, wenn ich abends zu meinem Auto gehe und das Handy nach wieder gewonnener Verbindung „pling“ macht und ein paar Emails sich aufs Display schieben. Es kann zwar manchmal ganz schön nervig sein, wenn man „ohne Netz“ ist, aber auch an diesen stundenweisen Zustand kann man sich gewöhnen. 

Und wenn ich ehrlich bin, so schlimm ist auch nicht, nicht ständig bei Facebook, Twitter und Konsorten reinschauen zu können. Vieles von dem, das da geschrieben wird, ist nicht so brandaktuell und wichtig, dass es nicht auch ein paar Stunden gelesen werden könnte. Ein Ablenkungsfaktor am Arbeitsplatz fällt somit weg, aber der Verlust hält sich wahrlich in Grenzen.

Wenn ich abends mich zuhause einlogge und nachschaue, was so in meinem Netzwerk passiert ist, muss ich oft stellen, dass viele Dinge nicht so bedeutend sind, dass man sie sofort erfahren muss. Und der Informtionsgehalt von „300+“ neuen Nachrichten bei Facebook ist in der Regel auch sehr überschaubar. Da reicht oftmals ein schneller Blick über die Ereignisse des Tages und die Links, die eine gute Seele gepostet hat. Gerade diese sind eigentlich interessanter, zeigen sie mir doch nicht selten spannende Artikel oder Blogs auf zu verschiedensten Themen. Das möchte ich nun wahrlich nicht missen. 

Letztlich ist es eigentlich ganz gut, wenn man nicht immer online ist und ständigen Zugriff auf die sozialen Netze hat. Der Wunsch, immer dabei zu sein, lässt schnell nach und man besinnt sich wieder auf „alternative Kommunikationsmethoden“ wie Festnetz und Email. Und siehe da: Der Kontakt zu den Leuten bleibt auch weiterhin bestehen, wenn man sich nur selbst darum bemüht. Es geht also doch, mal offline zu sein – zumindest stundenweise. Ob ich allerdings so einen 40-Tage-Offline-Test machen möchte, wie Christoph Koch ihn durchgeführt hat, weiß ich nicht. Eine paar Stunden offline-Sabbat sind ja auch schon genug.

Rezension: Christoph Koch. Ich bin dann mal offline

29. November 2010 1 Kommentar

Christoph Koch, Journalist und Einwohner Berlins, hat sich auf einen gewagten Selbstversuch eingelassen. Weg von all den Handys und Online-Medien – zurück in die Zeit von Festnetztelefonen, Fernsehen und „Holzmedien“. Zumindest für ein paar Wochen. 40 Tage und Nächte hat er durchgehalten und sich all den Folgen gestellt, die sich aus dem Zustand „offline“ ergeben. 

Und die Folgen sind offenbar vielfältiger Natur: zum einen zeigen sich körperliche Symptome und der Autor spürt, „wie sich starke Kopfschmerzen breitmachen“ (S. 33). Ständig verspürt er das Bedürfnis, auf sein Handy zu starren, das er jedoch gar nicht mehr bei sich trägt. „Phantomvibrationen“ nennt er das vermeintliche Brummen des Geräts in der Hosentasche, das jedoch gut gesichert in einer Schublade sein Dasein fristen muss. Aber zur Beruhigung für all diejenigen, die sich ähnlichen Tests unterziehen wollen. Offenbar lassen die Symptome nach einigen Tagen nach und ein „normales“ Leben ist wieder möglich.

Koch hat sich den Herausforderungen seines offline-Daseins gestellt und versucht, die Hürden des Alltags zu meistern. Dass dies in einer hochgradig vernetzten Welt gar nicht so einfach ist, zeigt sich z. B. daran, wie sehr der moderne Großstadtbewohner auf sein Mobiltelefon angewiesen ist. Verabredungen werden zunehmend vage und funktionieren nun nur noch auf Zuruf übers Handy. Was aber wenn selbiges nicht vorhanden ist? Auch die klassischen Telefonzellen sind inzwischen ein rares Gut in der Stadt und wer hat heute noch Telefonkarten dabei? Und ist es überhaupt heute möglich, ein Hotelzimmer in Bonn zu buchen, indem man einfach in Reisebüro geht? Selbst solch einfache Tätigkeiten werden heute zur echten Herausforderung, wenn sie nicht mehr zur Verfügung stehen (S. 180f).

Und dennoch es ihm gelungen, diese Hindernisse zu überwinden und seine berufliche Tätigkeit für verschiedene Medien fortzusetzen. Zahlreiche Interviews hat er in seinen offline-Tagen geführt und manche Erfahrungen von anderen Autoren zusammengetragen. Darin liegt der eigentliche „Nährwert“ des Buchs. Neben seinen persönlichen Schilderungen gibt Koch einige Beispiele von Leuten wieder, die aus irgendwelchen Gründen offline waren und ihre Situationen meistern mussten. Er berichtet von seiner Begegnung mit dem „Geräuschesammler“, einem Amerikaner, der sich in die Einsamkeit der Natur zurückzieht, um sich nicht menschlichen Geräuschen aussetzen zu müssen (S. 140ff). Ergänzt werden die Schilderungen persönlicher Eindrücke noch durch einige Verweise auf wissenschaftliche oder publizistische Arbeiten, sich mit Internet-Themen oder Lebensführung befassen. Natürlich ist auch Schirrmachers „Payback“ dabei, das heute quasi als Anti-Entwurf der Onliner geführt wird. 

Was ist Kochs Fazit? Es ist beruhigend zu lesen, dass es auch „offline“ weiter geht. Man muss nicht immer im Netz sein, sein Handy in der Hosentasche haben und immer 100% erreichbar sein. Manches aus dem Freundeskreis läuft an einem vorbei, wenn man nicht ständig seinen Facebook-Account checkt oder Emails abruft. Aber es ist auch möglich, sich wieder realen persönlichen Beziehungen zu widmen und Menschen in ihrem natürlichen Lebensumfeld zu treffen. Der Autor hat selbst Konsequenzen gezogen und sich selbst eine Entschleunigung verordnet. Dazu gehört z. B. der „Offline-Samstag“, den er seiner Partnerin widmet und dabei merkt, dass man auch persönliche Erfüllung aus Tätigkeiten wie Kochen ziehen kann. 

Ohne den erhobenen Zeigefinger zu zücken, führt Koch ein paar durchaus nützliche Tipps an, wie man sein on- und offline Leben gestalten kann, ohne sich dem Diktat des Internet zu unterwerfen. Amüsant zu lesen sind die Listen wie etwa „Dreizehn Dinge, die das Internet auf dem Gewissen hat“ (S. 172), mit denen er seine tagebuchartige Darstellung der 40 Tage offline auflockert. Da muss man schon öfters schmunzeln und kann sich an Dinge zurück erinnern, die heute kaum mehr anzutreffen sind wie Quelle-Kataloge und Telefonbücher, aber auch „Höflichkeit unter Fremden“. Koch ist insgesamt eine sehr lebendige und lesenswerte Darstellung gelungen, die reale Probleme nicht ausspart, aber auch nicht dem Schirrmacherschen Kulturpessimismus das Wort redet. Eine entspannte Lektüre zu einem Thema unserer Zeit, die sich noch einige Nachahmer finden wird. 

Christoph Koch: Ich bin dann mal offline. Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy. München: Blanvalet 2010. 271 S.

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