Verwirrte Grüne?

Zwei Ereignisse haben mich in dieser Woche doch erheblich an den „Grünen“ zweifeln lassen. Es waren jeweils die Reaktionen der Verantwortlichen, die bei mir nur noch Kopfschütteln hervorgerufen haben. Doch der Reihe nach:

Da ist zum einen der Vorfall des bisherigen Berliner Landesgeschäftsführers der Grünen André  Stephan, der nachts betrunken durch die Hauptstadt fuhr, seine Nachtruhe vor einer roten Ampel suchte und sich anschließend gegen die polizeiliche Blutentnahme wehrte. Dies ist ein Vorgang, der sicherlich nicht unerheblich ist und auch Auswirkungen auf die Parteiarbeit haben wird. Sehr schnell die hat Ober-Grüne Renate Künast die Entscheidung getroffen und sich von ihrem Wahlkampfmanager Stephan getrennt.

Das ist insoweit nachvollziehbar, als Frau Künast gerade diese Publicity nicht gebrauchen kann. Und dennoch: Zwei Dinge stören mich erheblich an dieser Geschichte. So war André Stephan sicherlich nicht alleine auf der Party im Roten Rathaus und hat dort Alkohol getrunken. Wenn er so „voll“ war, dass er nicht mehr fahrtauglich war, warum hat ihn dann keiner seiner grünen Freunde aufgehalten? Warum haben sie ihm nicht den Schlüssel abgenommen und ihn in ein Taxi gesetzt?

Oder wollte man den Mitarbeiter etwa auf etwas unsanfte Art loswerden? Und warum hat die Berliner Grünen-Spitze ihn sofort und unverzüglich vor die Tür gesetzt, ohne ihm die Chance zur Anhörung zu geben? Die Alkoholfahrt war sicherlich kein Kavaliersdelikt, im Gegenteil. Aber man hätte wenigstens mit dem Mitarbeiter reden können, um die Hintergründe des Vorfalls aufzuklären. So ist der Mann nun seinen Job los und die Chancen auf einen beruflichen Neubeginn sind dank der Verbreitung in den Medien erst einmal dahin. Von innerparteilicher Solidarität und Schutz der Person ist hier nicht zu erkennen.

Schon am nächsten Tag präsentierte Künast einen Nachfolger als Wahlkampfmanager. Ein Lump, wer böses dabei denkt…

Ähnlich skurril stellt sich indes auch die „Hanf-Geschichte“ der Thüringen Grünen dar. Vor wenigen Tagen wurden in der Geraer Kreisgeschäftsstelle der Abgeordneten Astrid Rothe-Beinlich in den Blumenkästen zwischen den Sonnenblumen auch Hanfpflanzen entdeckt. So ganz zufällig hatten sich diese Gewächse unter die großen Gelben gemischt und wuchsen vor sich hin. Von den dort tätigen Mitarbeitern will natürlich keiner etwas gewusst oder bemerkt haben. Warum auch? Es soll ja schließlich nur Industriehanf gewesen sein. Wahrscheinlich dachte man, da könnte man sich ein paar Klamotten anfertigen.

Ob Naturbesamung oder Handzucht, darüber mag man nun trefflich spekulieren. Interessanter fand ich jedoch, dass Rothe-Beinlich, wie im Radio gemeldet, rund sechs Wochen nicht in der Kreisgeschäftsstelle und in dem angeschlossenen Wahlkreisbüro gewesen sein soll. Da habe sie auch den Hanf nicht entdeckt.

Aha, sie war soll sechs Wochen nicht in ihrem Wahlkreisbüro. So sieht also Grüne Bürgernähe aus. Für eine Partei, die immer Bürgerbeteiligung fordert und sich ihrer Bürgernähe rühmt, ist dies ein ziemlich schlechtes Zeichen, denn Sprechstunden konnte die Abgeordnete in der Zeit wohl kaum dort abgehalten haben. Von einer Grünen-Politikerin und Vize-Landtagspräsidentin hätte man wohl mehr erwartet. Aber offenbar ist das Engagement nicht so sehr auf den Wahlkreis gerichtet. Aber Rothe-Beinlich wird dafür bestimmt eine Erklärung, wenn sie schon von der Hanfzucht nichts weiß.

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Thema verfehlt, Herr Harpprecht!

Das nervige Gezerre um die plagiierte Doktorarbeit von Karl-Theodor zu Guttenberg spült neben abgeschriebenen Seiten auch manch seltsame Ansicht von Außenstehenden an die Oberfläche. Ein gutes Beispiel liefert in dieser Woche der bekannte Journalist Klaus Harpprecht. In seinem Beitrag „Karl-Theodor zu Guttenberg – ein deutsches Suchtopfer“, nachzulesen in der Online-Ausgabe des „Cicero“. Mit geradezu wissenschaftsfeindlicher Attitüde nimmt er all diejenigen aufs Korn, die sich der Mühe unterziehen oder unterzogen haben, eine Dissertation anzufertigen und ein Promotionsverfahren zu durchlaufen.

Für Harpprecht ist klar: Wer eine Promotion anstrebt, tut dies nicht aus wissenschaftlicher Neugierde, sondern allein aus Titelsucht. Als Begründung für diese absurde Theorie muss natürlich die deutsche Vergangenheit – was auch sonst – herhalten, um darzulegen, dass das Erlangen eines Doktortitels nur darauf abziele, sich mit diesem Titel in der Öffentlichkeit ansprechen zu lassen. Quasi eine Sucht nach dem Titel. Der Autor macht es sich einfach: Vom „Herr Rittmeister“ zu „Herr Doktor“ sei es nur ein kurzer Weg. Auch klar ist für ihn, dass es vom Doktortitel nur ein kleiner Schritt zu einem Titel der NS-Bürokratie gewesen sei. Das mag sicherlich in manchen Fällen zutreffend gewesen sein, aber ein solches Verhalten auf die heutige Zeit zu projizieren, ist schlichtweg völlig daneben.

Auch heutige Doktoranden werden von Harpprecht maßgenommen: „Die universitäre Garde pocht darauf, dass die Doktorarbeit die beste Einübung in die systematische Erschließung eines überschaubaren Feldes sei. Das mag zutreffen. Aber lohnt es sich, dafür zwei bis drei Jahre seines Lebens zu verschwenden? Öffnen die Arbeiten den Zugang zu unerforschten Bereichen? Vielleicht. Im Glücksfall dienen sie als Baumaterialien für die nächsten Dissertationen, die fürs geistige Fortkommen genauso unwichtig sind.“ Kein Wort darüber, was Doktoranden dazu bringt, eine Dissertation anzufangen. Wissenschaftliches Interesse, beruflicher Einstieg, die Neugierde an einem bisher unbeackerten Feld der Forschung – dies alles zählt für Harpprecht offenbar nicht. Wer will bewerten, ob eine Arbeit fürs „geistige Fortkommen“ wichtig ist? Harpprecht? Sicherlich nicht. Der sitzt auf seinem hohen Ross, nennt sich Journalist und Publizist (das sind offenbar keine Titel), und sieht die Wissenschaft als gänzlich unnütz an.

Nicht minder abstrus hierfür seine Begründung: Gute Journalisten sind offenbar nur diejenigen, die kein Studium absolviert haben, denn „die exakte Recherche übt man sich nicht in der Universitätsbibliothek“. Dies ist richtig, aber das sind auch zwei Paar Schuhe. Und dass Absolventen der Germanistik einen anderen Schreibstil haben als Journalisten, ist auch nachvollziehbar. Schließlich sollen sie an den Universitäten lernen, sich wissenschaftlich auszudrücken, und nicht für „Bild“, „FAZ“ oder „Zeit“. Was sie lernen sollen, ist korrektes wissenschaftliches Arbeiten, sich mit einem bestimmten Thema auseinander zu setzen und dies in einem überschaubaren Rahmen darzustellen. Nichts anderes, wenn auch in größerem Umfang, macht ein Doktorand, der sich einem größeren Thema beschäftigt und dort auch Lebenszeit investiert. Dies als „verschwenden“ zu bezeichnen, ist geradezu diffamierend.

Was bleibt von Harpprechts Aussage? Dass das Schreiben einer solchen Arbeit irgend letztlich unsinnig und Verschwendung ist. Eine tiefe Ernüchterung muss sich unter all den Menschen breit machen, die sich in der Vergangenheit der Herausforderung Promotion gestellt haben. Sind alle derzeitigen Doktoranden gar Versager, weil sie ihre Zeit „verschwenden“? Dies ist der bittere Nachgeschmack, der von Harpprechts dünner Begründung zurückbleibt. Was ist mit all denjenigen, die nach der Promotion in der Wissenschaft verbleiben, Grundlagenforschung z. B. in der Medizin oder anderen Naturwissenschaft betreiben? Bleibt man bei Harpprechts „verschwenderischer“ Argumentation, so wären wir wahrscheinlich noch heute mit Faustkeil und Steinschleuder auf der Jagd nach Wild.

Warum empören sich gerade in diesen Tagen junge Nachwuchswissenschaftler über Guttenberg? Doch nicht, weil sie irgendwie enttäuscht sind, sondern weil sie die Reputation der Wissenschaften gefährdet sehen, wen Arbeiten durch Plagiate entstehen. Sind diejenigen auch alle „Verschwender“, wenn sie ihre wissenschaftliche Arbeit entwertet sehen? Im Gegenteil, das sind diejenigen, die sich für ihr berufliches Fortkommen auf ihre Arbeit stützen und sich eben nicht einer solch unbegründeten Diffamierung ausgesetzt sehen wollen.

Wissenschaft und Forschung leben von dem Wissensdrang und der Neugierde desjenigen, der sich neuen Themen öffnet und sie untersuchen will. Harpprecht bleibt dagegen in der seiner Nachkriegszeitdenke stehen und hat offenbar keinen Blick mehr für die Zukunft. Schade, Herr Harpprecht, aber dieses Thema haben Sie schlicht verfehlt! Und bitte bedenken Sie: Es waren „Ihre“ Sozialdemokraten, die in den 1960er Jahren die Hochschulen für eine große Zahl an neuen Studenten geöffnet haben. Sie wollten den „Arbeiterkindern“ den Zugang zur weitergehenden Bildung erleichtern. Dass dies zwangsläufig zu mehr „Doktoren“ führen würde, dürfte auch demjenigen klar gewesen sein, der eben keine Hochschule besucht hatte. Spricht da etwa Neid aus Ihren Worten? Es drängt sich fast dieser Verdacht auf. Nichts für ungut: Lassen Sie den heutigen Studierenden, Doktoranden und sonstigen Wissenschaftlern ihre akademische Freiheit und ihren Wissensdrang, und glauben Sie nicht, dass dies nur „verschwenden“. Es kann nämlich auch einfach Spaß machen, sich mit einem Thema auseinander zu setzen. Und dieses sinnliche Vergnügen sollten Sie niemandem absprechen.

Kategorien:Das Leben, Politik

Der SPIEGEL, das Netz und die Daten

Vor einigen Tagen war es wieder einmal soweit. Der SPIEGEL, quasi das Zentralorgan des informierten Linksintellektuellen, hat sich erneut des Themas Social Media angenommen und unter dem Titel „Die Unersättlichen“[1] eine Breitseite gegen die bekannten Netzwerke abgefeuert. Hauptkritik war dabei der lasche Umgang mit Datenschutzbestimmungen und das Speichern und Auswerten von Nutzerdaten durch Konzerne wie Amazon, Facebook, Google und andere. Diese erstellten nach Ansicht der SPIELGEL-Autoren Kundenprofile, um ihre Besucher gezielt mit Werbung zu überhäufen oder die gesammelten Daten weiterverkauften. Hinzu kämen noch Nutzenprofile, um Rückschlüsse auf die Lebenssituation des Users zu ziehen und das zukünftige Kaufverhalten vorherzusagen.

Kaum war das Heft an den Zeitungsständern, erhob sich schon der Sturm Entrüstung der versammelten Netzgemeinde und nun wurde der SPIEGEL quasi zum Synonym eines Offline-Journalismus des 20. Jahrhunderts. Seine Autoren hatten offenbar neue Formen von Transparenz und Privatsphäre nicht verstanden. Noch interessanter aber die Einwände von Richard Gutjahr, der in seinem lesenswerten Blogbeitrag mit deutlichen Worten das Geschäftsgebaren des SPIEGEL-Verlags kritisierte. Gutjahr warf den Machern vor, selbst massiv Daten zu sammeln und diese auch weiterzugeben. Der Vorwurf der „Doppelmoral“ ist durchaus nachvollziehbar und wirft ein bezeichnendes Licht auf das deutsche Leitmedium. Auch carta.info setzte sich mit dem SPIEGEL-Artikel offensiv auseinander und kritisierte das Sammeln von Kundendaten durch den Verlag.

Mit diesen und weiteren Beiträgen zum Thema war einmal mehr die Gefechtslinie zwischen den klassischen Printverlagen und Konkurrenten im Netz deutlich geworden. Der SPIEGEL warnte in seinem Artikel eindringlich, wenn auch häufig recht vage, vor den elektronischen Datenkraken. Beispiele wie das Stalken von Frauen über Handydaten wirkten wie konstruiert, um die Gefahr aus dem Netz aufzuzeigen. Konkrete Fälle kann auch der SPIEGEL kaum berichten und bleibt so im Ungefähren. Und das obwohl selbst Papst Benedikt inzwischen den sozialen Netzwerken seinen Segen erteilt hat. Worüber wiederum selbst der SPIEGEL berichtet.

Reichlich krude kommt die Kritik an dem möglichen Vortäuschen einer anderen Identität im Web 2.0 durch die Annahme einer anderen Persönlichkeit vor. Herrlich inkonsequent sind die Autoren, wenn sie kritisieren, dass es z. B. bei Facebook sehr einfach möglich sei, sich als eine fremde Person auszugeben. Bereits im nächsten Absatz bestaunen die SPIEGEL-Autoren das „Identitäten-Hopping“ eines Kölner Journalisten, der zu Recherchezwecke mal eben andere Charaktere erfindet und in immer wieder neue Rolle schlüpft. Er ist quasi der Günter Wallraff unserer Zeit und macht sich die heutigen technischen Möglichkeiten zu nutze. Kein Türke Ali mehr mit Schnäuzer und gefärbten Haaren, sondern eine virtuelle Person, die ihren echten Hintergrund geschickt zu verstecken weiß. Dies mag aus journalistischen Gründen wohl manchmal notwendig sein, wirft aber eine andere Frage auf. Ist es heute noch angemessen, sich hinter anderen Identitäten zu verstecken oder fordert der Wunsch nach mehr Transparenz in allen Bereichen des öffentlichen Lebens nicht auch Transparenz von Journalisten? Wer kritischen und investigativen Journalismus betreibt, sollte auch mit offenen Karten spielen. Ein solches Beispiel als Möglichkeit für die Verknüpfbarkeit von Daten und Identitäten anzuführen, ist m. E. eine thematische Verquickung, die einfach nicht passt.

Dass man sich dem Thema Daten sammeln und dessen Folgen auch anders nähern kann, hat das Fachmagazin c’t in mehreren Artikeln nur kurze Zeit später bewiesen. Sachlich und nahezu emotionslos, angefüttert mit interessanten Details gelingt es den Autoren, sich der Problematik zu nähern, ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder in Schwarzmalerei zu verfallen. Hier werden verschiedene Geo-Location-Dienste[2] beschrieben und die Möglichkeiten der Betreiber zum Auswerten der Daten erörtert. Aber im Gegensatz zum SPIEGEL-Artikel erörtern die Autoren die Nutzungsmöglichkeiten für die Anwender und ihren Mehrwert. Eine Frage, die sich der SPIEGEL leider nicht gestellt hat. Ganz klar sprechen sich die Autoren gegen die „paranoide[] Geodaten-Verweigerung“[3] und erläutern die verschiedene Systeme und ihre Vor- und Nachteile.

Als Fazit bleibt nur, dass der SPIEGEL offenbar Probleme hat, sich den neuen Möglichkeiten der sozialen Netze und Online-Anbieter unbefangen zu nähern. Statt das Für und Wider zu erörtern und den Lesern konkrete Hilfestellungen beim Datenschutz zu geben, beschränken sich die Autoren auf Schwarzmalerei im Unkonkreten und lassen den Leser mit einem gewissen Gefühl der Hilflosigkeit zurück. Was schlichtweg fehlt, ist das Aufzeigen von Alternativen.


[1]DER SPIEGEL, Nr. 2/10.1.2011, S. 144ff.
[2]Vgl. c’t 3/2011, S. 80ff.
[3] Vgl. c’t 3/2011, S. 90ff.

Kategorien:Social Media

Unterwegs mit der Deutschen Bahn, Teil 2

Nach einigen Monaten der Enthaltsamkeit habe ich mich vor ein paar Tagen wieder einmal dem Abenteuer Deutsche Bahn ausgesetzt. Manch einer mag  ja behaupten, das sei eine größere Herausforderung als das „Dschungel Camp“ im TV. Aber ehrlichweise muss ich der Bahn zugestehen, dass die Reise frei von Komplikationen verlief und die Züge nahezu pünktlich eintrafen. Was will man mehr.

Im vergangenen Jahr hatte ich mehrfach Gelegenheit, das Angebot der Deutschen Bahn ausgiebig zu testen. So war ich doch recht gespannt, welchem Menschenschlag ich diesmal begegnen würde. Und ich muss sagen, die Mitreisenden haben mich nicht enttäuscht. Aufgebrochen waren Frau, Kinder und ich zu dem Tagesausflug nach Frankfurt am Main. Ziel war die große Courbet-Ausstellung in der Schirnkunsthalle. Eine Ausstellung, die sich wirklich zu besuchen lohnt, selbst wenn einen die Kinder schnell von Bild zu Bild zerren.

Doch zurück zur Bahnfahrt. Nahezu pünktlich – kein Wunder, es war ja ein Sonntag – bestiegen wir am Erfurter Hauptbahnhof den ICE, der uns direkt in die hessische Metropole bringen sollte. Wir hatten einen Vierersitzplatz mit Tisch reserviert, um den Kindern genügend Fläche zum Ausbreiten zu bieten. Unsere Plätze hatten wir noch nicht richtig eingenommen, da traf mich schon wie ein Stich in die Seite der Blick einer Mitreisenden. Ihr Blick sagte mir alles: „Ohje, da sitzen ja nun Kinder. Die werden bestimmt viel Krach machen und die Eltern werden nichts unternehmen!“

Sofort erhob sich das väterliche schlechte Gewissen in mir und ich signalisierte den Kindern, dass sie sich doch bitte benehmen sollten. Wenigstens zeitweise… Sie hatten ja durchaus versprochen, den Zug nicht zu demontieren. Insofern war ich recht zuversichtlich. Doch egal was, was die Kinder sagten oder taten. Nicht nur die eine übergewichtige Mitreisende, auch die zweite dicke sächsische Pauschaltouristin auf dem Weg zum Frankfurter Flughafen bedachte mich fast tödlichen Blicken. Ich konnte nicht anders und raunte meiner Frau zu, dass die Dicke am Fenster offensichtlich den bösen Blick drauf habe. Gelächter zu meiner Rechten und wieder das ungute Gefühl, ein spitzes Messer an den Rippen zu spüren. Der mitreisende Ehegatte der Sächsin war offenbar recht schwerhörig und störte sich daher weniger am fröhlichen Geplapper der Kinder. Nach ein paar Minuten des grimmigen Dreinschauens begannen die Drei, eine Runde Uno zu spielen und konnte sich so ein wenig abreagieren. Zocken kann also doch etwas Positives hervorrufen. Es gelang, uns die gut zweistündige Fahrt nach FFM ohne Zwischenfälle zu überstehen und keine Diskussion über Grundsatzfragen der Kindererziehung im 21. Jahrhundert führen zu müssen.

Auf der Rückfahrt ein leicht verändertes Bild. Wieder reservierte Plätze am Tisch, doch diesmal ist der Zug deutlich voller. Neben den letzten Bundeswehrreservisten auf dem Weg zu ihren Kasernen noch ein paar versprengte Berufsreisende, die bereits am Sonntagabend ihr Ziel im Osten der Republik erreichen wollen. Der Zug hat Frankfurt noch nicht verlassen, da bahnt sich schon der erste Konflikt an. Nein, wir sind nicht involviert. Eine Frau hat sich mit einem überdimensionalen Rucksack in einer Sitzreihe ausgebreitet und wühlt hektisch in irgendwelchen Papieren. Ein anderer Fahrgast kommt hinzu und erklärt, dass er ihren Sitzplatz reserviert habe. Die Frau mault, dass oben keine Reservierungsanzeige an sei und sie nun hier sitze. Erst nach einer kurzen Diskussion und dem Vorzeigen der Reservierung verlässt sie den Platz und stapft schnaubend davon. Sie rennt fast durch den Zug, um einen anderen Sitz zu finden, obwohl noch genügend Plätze frei sind. Nach einem kurzen Rennintermezzo landet sie schließlich in der Viererreihe neben uns und schmeißt auch dort ihre Sache auf den freien Platz. Und nun beginnt erneut das Spiel vom Vormittag: wieder die bösen Blicke auf Eltern und Kindern. Die Beiden sitzen in ihrer Reihe und malen und spielen und bieten kaum Anlass für Gemecker. Aber offenbar können wir es dieser Frau an diesem Abend nicht recht machen, denn sie beäugt uns immer wieder und wendet sich schnaubend ab, wenn die Kinder einmal ihre Stimme erheben.

Doch es geht auch anders. In der gleichen Reihe sitzt auch eine Frau, die den Anschein erweckt, sie sei eine verspätete Anhängerin von Timothy Leary und seinen Selbstversuchen. In weißes Leinen gewandet, mit einem roten Schal um den Bauch, lächelt sie die Kinder an und ich denke bei mir, sie sieht aus wie auf Drogen. Als wir später den Laptop einschalten, um die inzwischen recht müden Kinder mit Michel aus Lönneberga zu unterhalten, grinst sie mich selig an und lässt ihrer Begeisterung für Michel freien Lauf. Die Frau gegenüber quittiert die leisen Geräusche aus dem Laptop mit erneut tödlichen Blicken in meine Richtung. Als ich dann auch noch einen kurzen Blick auf den Haufen Papier werfe, den so vor sich ausgebreitet hat, rafft sie ihr Zeug zusammen und stopft ihre Unterlagen wieder in den Rucksack. Nur ihre Buchlektüre bleibt liefen „Älterwerden als Problem“… Der Titel reicht mir, um mein Urteil zu bestätigen. Dabei ist die Frau maximal Ende dreißig. Aber ihre Toleranz gegenüber anderen Menschen doch eher begrenzt.

Und so endet die Fahrt am Abend wieder in Erfurt und ich bin um ein paar Erkenntnisse reicher. Fest steht: wer mit Kindern Bahn fährt, kann kaum mit dem Wohlwollen seiner Mitreisenden rechnen. Deutschland ist noch immer kein Kinderland. Und dennoch: Bahn fahren erlaubt einem wieder kleine Einblicke das zwischenmenschliche Miteinander und erweitert den Blick auf die Menschen, die leben. Spannend und erhellend ist so eine Bahnfahrt allemal. In diesem Sinne: auf ein Neues!

Kategorien:Das Leben

Rezension: Bernhard Jodeleit. Social Media Relations

5. Januar 2011 1 Kommentar

Bernhard Jodeleit weiß worüber er schreibt. Als Fachjournalist für ein Technikmagazin und nun als PR-Mann hat er zwei wichtige Seiten des Geschäfts mit den sozialen Netzwerken kennen gelernt. Mit seinem „Leitfaden“ gibt er Neulingen, aber auch bereits erfahrenen PR-Arbeitern sowie interessierten Privatleuten ein gutes Werkzeug an die Hand.

In klaren Sätzen erläutert er den Weg ins Web 2.0 und benennt die Chance, ohne die Risiken zu übersehen. Jodeleit schildert die Entwicklung, die zum Mitmach-Internet führte und erläutert die einzelnen Rollen der jeweiligen Akteure. Seine Aussage für den Schritt in Richtung Web 2.0 ist klar: Man benötigt eine Strategie, um letztlich erfolgreich sein. Bereits nach wenigen Seiten hat er einen Schwerpunkt gesetzt. Dialog ist das Zauberwort, denn nur wer den Dialog mit seinen Lesern sucht, wird die gewünschte Akzeptanz erfahren. Für den Autor bedeutet dies, dass der „klassische Pressesprecher ausgedient hat, wenn er seine Nachrichten nur in eine Richtung aussendet und selbst nicht auf „Empfang“ ist. Auch dies gehört für Jodeleit zu den Voraussetzungen eines PR-Arbeiters im Web 2.0.

Von Grund auf erklärt der Autor die notwendigen Schritte, um eine PR-Kampagne in eine Partnerschaft mit den Nutzern umzuwandeln und selbst Gewinn daraus zu ziehen. Dazu gehört u.a. die Entwicklung von Social Media Guidelines, die helfen sollen, die Nutzung der sozialen Netze zu steuern, ohne die Kreativität zu zerstören. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind für ihn bestimmende Grundwerte, die notwendig sind, um sich die Akzeptanz im Netz zu erarbeiten (S. 49ff). Doch bevor der erste Schritt in Web 2.0 gemacht werden sollte, sollte eine gründliche Analyse der Situation erfolgen. Web Monitoring zur Beobachtung der jeweiligen Akteure ist für den Autor unabdingbar, wenn man wissen will, wer mit wem über welche Themen redet. Hier schlägt er den Bogen weg von der Theorie zur Praxis. Jodeleit benennt und erklärt verschiedene Werkzeuge, die dazu notwendig sind. Und auch wer die Kosten professioneller Dienstleister scheut, wird hier bedient. Manch brauchbares Tool steht auch in der Grundversion kostenlos zur Verfügung und kann für den ersten Blick ins soziale Netzwerk genutzt werden.

In der zweiten Hälfte des Buchs widmet sich der Autor ausführlich, aber nicht detailversessen den verschiedenen Netzwerken und schildert deren Anwendungsmöglichkeiten in der professionellen PR-Arbeit und Unternehmenskommunikation. Twitter, Xing und Facebook, aber auch die Bedeutung eines spannenden Corporate Blogs z. B. auf der Basis von WordPress werden erklärt und Fallstricke der Aktivität erwähnt. Doch im Gegensatz zu manch anderer Publikation durchzieht Jodeleits Buch eine sehr positive Grundstimmung. Er verfällt niemals in den Chor derer, die die großen Anbieter von Software, Dienstleistungen und sozialen Netzen als Gefahr für Datenschutz und die Persönlichkeit des Einzelnen ansehen.

Und auch ein anderer Bereich des Web, der inzwischen schon fast ins Hintertreffen geraten ist, findet hier noch ausreichend Platz. Im Gegensatz zu manchem Web 2.0-Apologeten sieht Jodeleit die klassische, wenn auch modernisierte Website eines Unternehmens als das „Herzstück“ (S. 159) einer Kommunikationsstrategie an. Von hier aus sollen die Fäden ins Web 2.0 gehen, hier ist der Raum, um das Unternehmen zu präsentieren und die verschiedenen Bausteine zentral zusammenzuführen.

Jodeleits gesamte Darstellung ist gut lesbar, flüssig geschrieben und zeichnet sich vor allem durch Verständlichkeit aus. Diese wird noch durch ein Glossar im Anhang erhöht, indem er wichtige Begriffe der Social Media Relations kurz erläutert und mit entsprechenden Web-Adressen versieht. Wer will, kann hier ohne längere Suche tiefer einsteigen. Gerade für die PR-Leute, die bisher wenig web-affinen waren, bietet das Buch einen guten Einstieg, der Mut macht und die Chancen für die eigene Arbeit aufzeigt. Auf jeden Fall ist es eine kurzweilige und lohnenswerte Lektüre.

Bernhard Jodeleit: Social Media Relations. Leitfaden für erfolgreiche PR-Strategien und Öffentlichkeitsarbeit im Web 2.0. Heidelberg: dpunkt.verlag 2010. 227 S.

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Gut geräumt…

Kategorien:Fotografie

2010: Ende und Neubeginn – Ein Rückblick

Im abgelaufenen Jahr hat sich einiges für mich verändert. Zu Beginn des Jahres 201 wusste ich nicht recht, was die kommende Zeit mir bringen würde. Beruflich war ich noch in Berlin tätig, meine Familie war in Erfurt. Keine wirklich erfreuliche Situation, vor allem wenn man nicht weiß, wie lange dieser Zustand anhalten wird.

In meinem Bundestagsbüro bei Peter Tauber lief es gut für mich. Ein cooler Chef mit vielen, auch manchmal unorthodoxen Ideen. Nette Kollegen, bei denen ich mich gut aufgehoben fühlte und die mich immer akzeptiert haben. Wir waren wirkliche Teamarbeiter und ich konnte mit meiner rund elfjährigen Berufserfahrung in verschiedenen Bundestagsbüros den einen oder anderen Tipp geben. Es war eine schöne Zeit und ich konnte mir neue Themenfelder erschließen. Familienpolitik hatte ich bisher immer nur am eigenen Leib erfahren. Wenn man zwei Kinder hat, merkt man schon, wo Veränderungsbedarf in unserer Gesellschaft ist. Es war spannend, an den Sitzungen des Familienausschusses teilzunehmen und zu sehen, wo die Fraktionen ihre unterschiedlichen Schwerpunkte legten. Und einmal mehr wusste ich, dass ich bei der CDU und ihren Mitgliedern richtig aufgehoben bin. Weniger Ideologie und mehr Pragmatismus herrschen hier vor, die Ideen und Lösungsansätze orientieren sich an der Realität der Menschen und nicht an irgendwelchen Gruppen, die versorgt werden wollen.

Aber auch die von CDU und CSU initiierte und in Gang gesetzte Internet-Enquete weckte mein Interesse und ich hatte das Glück, dort zusammen mit Peter Tauber mitarbeiten zu können. Auch hier wurde schnell sichtbar, dass Pragmatismus und Scheuklappenblindheit oft recht nah beisammen lagen. Kaum einer hätte es uns zugetraut, dass die vermeintlich Konservativen sich mit Netzpolitik beschäftigen und den Dialog mit der Zivilgesellschaft suchen würden. Dass dies nicht immer einfach werden würde, wurde schnell deutlich. Erkennbar ist aber auch weiterhin, dass der Wille zum Dialog nicht so ausgeprägt ist, wie das Thema Netzpolitik es eigentlich erfordern würde. Kurz: Die alten Vorurteile werden weiterhin gepflegt und der Wille, in einen echten Meinungsstreit um die besten Lösungen einzutreten, ist leider noch immer sehr begrenzt. Aber letztlich wird auch hier irgendwann die Vernunft siegen. Hoffentlich….

Und plötzlich, Anfang März 2010 ergab sich eine neue Perspektive. Wie so oft im Leben war es der persönliche Kontakt, der mir den Weg in eine andere berufliche Zukunft wies. Ein Kollege meiner Frau brachte eine Stellenausschreibung mit und meinte: „Das ist doch was für deinen Mann.“ Und so war es auch. Meine Bewerbung bei der Zentralklinik Bad Berka habe ich gleich fertig gestellt und mir gedacht: „Warum nicht? Medizin hat dich immer interessiert und unter Ärzten bist du auch aufgewachsen. Das passt doch!“ Und so ergab es sich nach einiger Zeit, dass ich im September als neuer Pressesprecher der Zentralklinik angefangen habe. Neue Aufgaben erwarteten mich und andere Themen, als die, die ich in den vergangenen Jahren bearbeitet hatte. Manches ist ähnlich, vieles ist neu. Pressemitteilungen habe ich schon vorher geschrieben und mich durch die Tiefen von Content Management Systemen geackert. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass die irgendwann Mitte der 1990er Jahre erworbenen HTML-Kenntnisse auch hier hilfreich sein können, wenn es um die Formatierung von Seiten und Texten geht. Dies wird auch im neuen Jahr so sein. Auch hier erwarten mich neue Aufgaben und Herausforderungen.

Dazwischen gab es natürlich auch ein paar persönliche Dinge. Meine Frau und meine Kinder haben mich durchs Jahr begleitet und mir oft und gerne lustige Momente zum Lachen und Schmunzeln verschafft. Stirnrunzeln gab es bei den morgendlichen Rechenübungen von Isabelle im Auto auf dem Weg zur Schule. Ausgerechnet ich, der Mathematik nie verstanden hat und froh ist, dass er Mathe irgendwann auf dem Gymnasium abwählen konnte, übt jetzt mit seiner Tochter das Rechnen. Verkehrte Welt. Ach ja, auch an anderer Stelle habe ich mich als Nachhilfelehrer versucht. Den Sohn meiner Berliner Vermieter habe ich morgens früh im Bus mit lateinischer Grammatik und Vokabeln gequält. Manche Erinnerung kann da wieder hoch. Und ich muss sagen, dass ich doch noch einiges von Damals behalten habe. Latein braucht man zwar heute nun wahrlich nicht mehr so oft, aber es doch schön zu wissen, dass neun Jahre (!) Schullatein inkl. „Leistungskurs“ nicht folgenlos geblieben sind. Wer weiß, wofür dieses Wissen noch einmal benötigt wird. Quod erit demonstrandum!

Pfingsten habe ich wie jedes Jahr mit meinen alten Zeltlagerkumpanen auf einer feuchten Wiese im Bergischen Land verbracht. Es ist einfach klasse, all die Leute zumindest einmal im Jahr wiederzusehen, mit denen ich einen Teil meiner Jugend verbracht habe. Manch trunkene Erinnerung tauchte da wieder aus den Schwaden auf und sorgte für gemeinsame Lacher. Auf ein Neues im kommenden Jahr. Pfingsten gehört dem Zeltlager. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Einige Freunde und gute Bekannte, nette Kollegen und schräge Vögel musste ich in Berlin zurücklassen. Der Neubeginn war es wert. Kontakte, die sich lohnen, bleiben bestehen. Das Internet, aber auch Telefon und reale Besuche machen dies möglich. Es ist spannend zu sehen und lesen, wie sich manche Leute entwickeln. Ich verfolge dies mit viel Aufmerksamkeit. Meinen Hobbys – Fotografie und Bücher – werde ich sicher auch in 2011 wieder ausreichend Zeit schenken. Das eine oder andere Foto wird hier oder in der Fotocommunity  sicher zu sehen sein. Manche Rezension werde ich hier in meinem Blog absetzen und auf ein bisschen Austausch hoffen.

Nun ist das Jahr vorbei. Ich bin wieder bei meiner Familie. Das ist schön und soll auch so sein. Weihnachten mit einem riesigen Berg Geschenkpapier, den der Papiercontainer kaum schaffte, liegt hinter uns. Alles bestens und friedlich verlaufen, so wie es sein soll. Beruflich wird es in Bad Berka sicher weitergehen. Ich freue mich darauf und bin sehr gespannt, was das neue Jahr bringen wird.

Das war’s, 2010!

Ach ja: Das Wetter – es begann mit Schnee und Eis und endet auch so….

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