Archiv

Posts Tagged ‘Berlin’

Verwirrte Grüne?

Zwei Ereignisse haben mich in dieser Woche doch erheblich an den „Grünen“ zweifeln lassen. Es waren jeweils die Reaktionen der Verantwortlichen, die bei mir nur noch Kopfschütteln hervorgerufen haben. Doch der Reihe nach:

Da ist zum einen der Vorfall des bisherigen Berliner Landesgeschäftsführers der Grünen André  Stephan, der nachts betrunken durch die Hauptstadt fuhr, seine Nachtruhe vor einer roten Ampel suchte und sich anschließend gegen die polizeiliche Blutentnahme wehrte. Dies ist ein Vorgang, der sicherlich nicht unerheblich ist und auch Auswirkungen auf die Parteiarbeit haben wird. Sehr schnell die hat Ober-Grüne Renate Künast die Entscheidung getroffen und sich von ihrem Wahlkampfmanager Stephan getrennt.

Das ist insoweit nachvollziehbar, als Frau Künast gerade diese Publicity nicht gebrauchen kann. Und dennoch: Zwei Dinge stören mich erheblich an dieser Geschichte. So war André Stephan sicherlich nicht alleine auf der Party im Roten Rathaus und hat dort Alkohol getrunken. Wenn er so „voll“ war, dass er nicht mehr fahrtauglich war, warum hat ihn dann keiner seiner grünen Freunde aufgehalten? Warum haben sie ihm nicht den Schlüssel abgenommen und ihn in ein Taxi gesetzt?

Oder wollte man den Mitarbeiter etwa auf etwas unsanfte Art loswerden? Und warum hat die Berliner Grünen-Spitze ihn sofort und unverzüglich vor die Tür gesetzt, ohne ihm die Chance zur Anhörung zu geben? Die Alkoholfahrt war sicherlich kein Kavaliersdelikt, im Gegenteil. Aber man hätte wenigstens mit dem Mitarbeiter reden können, um die Hintergründe des Vorfalls aufzuklären. So ist der Mann nun seinen Job los und die Chancen auf einen beruflichen Neubeginn sind dank der Verbreitung in den Medien erst einmal dahin. Von innerparteilicher Solidarität und Schutz der Person ist hier nicht zu erkennen.

Schon am nächsten Tag präsentierte Künast einen Nachfolger als Wahlkampfmanager. Ein Lump, wer böses dabei denkt…

Ähnlich skurril stellt sich indes auch die „Hanf-Geschichte“ der Thüringen Grünen dar. Vor wenigen Tagen wurden in der Geraer Kreisgeschäftsstelle der Abgeordneten Astrid Rothe-Beinlich in den Blumenkästen zwischen den Sonnenblumen auch Hanfpflanzen entdeckt. So ganz zufällig hatten sich diese Gewächse unter die großen Gelben gemischt und wuchsen vor sich hin. Von den dort tätigen Mitarbeitern will natürlich keiner etwas gewusst oder bemerkt haben. Warum auch? Es soll ja schließlich nur Industriehanf gewesen sein. Wahrscheinlich dachte man, da könnte man sich ein paar Klamotten anfertigen.

Ob Naturbesamung oder Handzucht, darüber mag man nun trefflich spekulieren. Interessanter fand ich jedoch, dass Rothe-Beinlich, wie im Radio gemeldet, rund sechs Wochen nicht in der Kreisgeschäftsstelle und in dem angeschlossenen Wahlkreisbüro gewesen sein soll. Da habe sie auch den Hanf nicht entdeckt.

Aha, sie war soll sechs Wochen nicht in ihrem Wahlkreisbüro. So sieht also Grüne Bürgernähe aus. Für eine Partei, die immer Bürgerbeteiligung fordert und sich ihrer Bürgernähe rühmt, ist dies ein ziemlich schlechtes Zeichen, denn Sprechstunden konnte die Abgeordnete in der Zeit wohl kaum dort abgehalten haben. Von einer Grünen-Politikerin und Vize-Landtagspräsidentin hätte man wohl mehr erwartet. Aber offenbar ist das Engagement nicht so sehr auf den Wahlkreis gerichtet. Aber Rothe-Beinlich wird dafür bestimmt eine Erklärung, wenn sie schon von der Hanfzucht nichts weiß.

Kategorien:Politik Schlagwörter: ,

Google Street View – ja wo laufen sie denn?

Seit heute ist es online –  das gefürchtete Google Street View. Der Schrecken der Datenschützer und Hausbesitzer und des gewöhnlichen Einbrechers neuer bester Freunde. Des Deutschen „German Angst 2.0“. Zwar ist bisher nur ein winzig kleiner Teil deutscher Straßenzüge zu sehen, aber es steht dennoch zu befürchten, dass der Sturm der Berufsempörung sich schon bald wieder erheben wird. Nachdem es in den letzten Wochen doch recht ruhig um Google war, wurde es auch Zeit, dass sich die Gemüter wieder erhitzen können.

Was gibt es denn eigentlich zu sehen? Da ist u.a. das Bundeskanzleramt in Berlin. Viel gibt es dort eigentlich nicht zu sehen, denn außer der bekannten Front von Angela Merkels Dienstsitz und den davor gerade gewässerte, noch dürren Grünanlagen bleibt nur der Blick auf den nackten Asphalt und ein paar Autos, die um die Ecke biegen. Und natürlich die unvermeidlichen Touristen, die die deutsche Hauptstadt gerade im Sommer so zahlreich überrennen. Mit käsigen Beinen und Sandalen bewaffnet umrundete so mancher den Sitz der Macht und findet sich nun im Internet wieder. Wenn man denn die gepixelte Person erkennen kann. Doch dies gelingt wohl kaum. Auch der Blick ins Merkels Arbeitszimmer bleibt einem leider versperrt. Google Street View ist und bleibt nun einmal eine Straßenansicht. Daran hat sich auch nicht an der heutigen Online-Stellung geändert.

Nicht viel anders sieht es an den wenigen anderen Standorten aus, die nun via Street View zu entdecken sind: z.B. die Siegessäule in Berlin, die Hamburger Köhlbrandbrücke oder das malerische Schloss Solitude in Stuttgart. Nicht einmal der akut vom Abriss bedrohte alte Hauptbahnhof, dieses Symbol des 19. Jahrhunderts, ist online. Dazu noch ein paar andere Objekte und das war es dann auch schon.

Interessanter sind da schon die Innenansichten mancher deutscher Fußball-Stadien, wie z.B. die Münchener Allianz-Arena, wo die glorreichen Bayern ihre Gegner daniederschießen. Allein die Architektur der Stadien dürfte in vielerlei Hinsicht deutlich interessanter sein als bundesdeutsche Vorgärten, Garagen oder Häuserfassaden. Wer im Abbild dieser vergangenen Wirklichkeit eine Persönlichkeitsverletzung sehen mag, dem ist wirklich nicht zu helfen. Noch mal: Fassaden haben keine Persönlichkeitsrechte und auch kein Recht am eigenen Bild.

Dass es auch ohne German Angst geht, zeigen uns die Bürger der wunderhübschen Stadt Oberstaufen im Allgäu. Diese kleine Stadt ist quasi das gallische Dorf gegenüber den Street-Viewer-Verweigerern. Als erste Kommune hat sich Oberstaufen darum beworben, bei Street View zu erscheinen und sich somit von seiner besten Seite gezeigt. Dies wurde inzwischen belohnt und die Stadt ist mit Recht stolz drauf. Anstatt die Schlagläden zu verriegeln, haben die Menschen das Google-Mobil mit einem Kuchen empfangen. Nun hat jeder potenzielle Besucher die Chance, das hübsche Städtchen in seiner reizvollen Umgebung vorab zu besuchen. Und ich muss sagen: Was ich sehe, gefällt mir. Hoffen wir also, dass sich das schöne Engagement auszahlt und mit vielen Besuchern belohnt wird. Übrigens gibt es auch hier ein wunderbar verpixeltes Haus, das so malerisch offenbar mitten im Stadtkern gelegen ist. Der daneben liegende Buchladen hatte offenbar keine Bedenken und präsentiert sein Angebot in voller Schönheit.

Mein erstes persönliches Fazit: Street View ist eine gute Sache, wenn man sich eine Stadt „mal eben“ vom heimischen Rechner aus ansehen möchte. Es ersetzt keine Reise oder eine Wohnungsbesichtigung, aber es kann einem in mancher Lebenslage ein klein wenig helfen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich bedauere sehr, dass meine neue Heimat Erfurt vorläufig nicht vertreten sein wird. Es gehört wohl nicht zu den 20 größten deutschen Städten und daher kein Street View. Schade, denn eigentlich hätte ich schon gerne die Gelegenheit genutzt, manch unbekannte Ecke zu „erfahren“. Bleibt wenigsten zu hoffen, dass recht bald Städte wie Berlin, Bonn oder Köln ganz vertreten sind, damit ich ein paar alte Erinnerungen an vergangene Wohnorte wieder wachrufen kann.

Ob der Sturm der Empörung noch einmal wirklich losbricht, bleibt abzuwarten. Ich denke, dass sich die Gemüter inzwischen beruhigt haben. Rund 244.000 Haushalte haben die Möglichkeit zum Widerspruch genutzt. Das ist okay und gehört zu einer offenen Gesellschaft dazu. Ich finde die Zahl nicht besonders hoch, wenn man bedenkt, wie laut manche Medien gegen Street View getrommelt haben. Auf jeden Fall bleibt es spannend.

 

Kategorien:Das Leben, Netzpolitik Schlagwörter: , , ,

Kurz rezensiert: Twitter – Das Leben in 140 Zeichen. Wahre und kuriose Tweets aus dem Web

Twitter kann man mögen – muss man aber nicht. Es gibt genügend Menschen, die den Dienst ablehnen und die Inhaltsleere von 140 Zeichen kritisieren. Das kann man so sehen, aber es geht auch anders. Pons hat mit seinem kleinen Büchlein ein wenig aus der Twittersphäre zusammen getragen und gezeigt, dass die 140 Zeichen doch durchaus auch Inhalt haben können.

Über 230 Twitterer haben ihren Namen und ihre 500 Tweets hergegeben, um sie in diesem Buch aufzuführen. Es mutet in Zeiten von Web 2.0 schon fast anachronistisch an, ein Buch zum produzieren, das Inhalte des Webs wiedergibt. Und doch: Den Herausgebern ist es gelungen, eine originelle und sehr lesenswerte Zusammenstellung der Tweets vorzunehmen.

Unterteilt in 17 „Kapitel“ (kann man die noch so nennen?) finden sich dort teilweise sehr amüsante, aber auch nachdenkliche Äußerungen unserer Online-Zeitgenossen. Da geht es um „Liebe“, „Politik“ oder auch „Prokrastination“ und natürlich – wie sollte es anders sein – um „Berlin“. Wer ein paar Mal mit den Öffis durch Berlin kurvt, wird schnell der zahlreichen Sitznachbarn gewahr werden, die ihren Standort oder Status kurz (140 Zeichen) mal eben in die Welt hinaus senden. Erst wenn man das selbst probiert und gemacht, wird man den eigentlichen Reiz solcher Botschaften erkennen.

Das Buch selbst gibt keine Einführung in das, was Twitter ist oder wie der Dienst funktioniert. Wer danach sucht, ist hier fehl am Platz. Und dennoch: es ist eine unterhaltsame und kurzweilige Lektüre für die Hosentasche, wenn das mobile Internet des Smartphone in der Berliner U-Bahn nicht funktioniert. Und auch für die Menschen, die abends lieber ein Buch statt iPad oder e-Book mit ins Bett nehmen.

Manche der Tweets erinnern doch sehr an die „Sponti-Sprüche“ der siebziger und achtziger Jahre. Manches kommt einem bekannt vor und hat man schon anderer Stelle gelesen. Während früher Generationen von Schülern und Studenten Tische und Wände mit ihren Geistesblitzen verzierten und so eine eigene Subkultur schufen, so ist heute Twitter das Medium der Zeit. Dass das Interesse der Bevölkerung an Twitter nicht nur online, sondern auch ganz offline vorhanden ist, zeigt nicht nur dieses Buch, sondern auch die sich daraus ableitende „Twitterlesung“. Sicherlich ist dies auch eine Möglichkeit, den vermeintlichen Graben zwischen Befürwortern und Gegner von Twitter zu überwinden. Das kleine Pons-Buch kann dazu ein bisschen beitragen – vorausgesetzt man lässt sich auf Weisheiten in 140 Zeichen ein.

Twitter – Das Leben in 140 Zeichen. Wahre und kuriose Tweets aus dem Web. PONS: Stuttgart 2010. 189 S.

Kategorien:Das Leben, Netzpolitik Schlagwörter: , ,

„Linke Schmuddelkinder“ vs. Verwaltungsbeamte?

3. Oktober 2010 2 Kommentare

Eigentlich bin ich ein Fan des Online-Magazins „The European“. Das vor rund einem Jahr gestartete Nachrichten- und Meinungsmagazin hebt sich wohltuend vom linken Mainstream ab und bringt auch einmal Ansichten, die eben nicht immer den Standargumentationen entsprechen.

Aber auch „The European“ kann mal danebenliegen. Erst vor wenigen Tagen, am 30.09.2010, veröffentlichte der anonyme „Reichstagsreporter“ folgenden Beitrag:

„Bundestagsverwaltung gegen die Linksfraktion

Jeder Beamte der Bundestagsverwaltung trägt ein Parteibuch, zumeist rot oder schwarz. Einige grüne und gelbe sind auch darunter. Ein Dunkelrotes hingegen trägt niemand. Die Linkspartei wird nach wie vor als Schmuddelkind des Parlaments behandelt. Diese Haltung schlägt sich mitunter in Verwaltungswirken nieder, das die gebotene Neutralität vermissen lässt. So hat der von Verwaltungsbeamten umgebene Bundestagspräsident Lammert die Linken seit geraumer Zeit auf dem Kieker. Zuletzt schmiss er sechs Abgeordnete aus dem Plenum und schloss sie von der Ausschussarbeit aus – weil sie ein T-Shirt mit Aufdrucken gegen Stuttgart 21 trugen. Dies reihe sich ein in “Dutzende Regelverstöße” seitens der Linksfraktion, ließ ein anonymer Verwaltungsbeamter daraufhin eine Regionalzeitung wissen. Solchen Hickhack anzustoßen ist typisch für die Bundestagsverwaltung: Anstatt Zeit und Energie auf Wichtiges zu verwenden, ergeht sie sich in nervenraubender Nabelschau, Erbsenzählerei und Sandkastenspielen. Das hilft zwar niemandem im Land. Doch so zeigen die Beamten ihre Macht. Getreu dem Motto: Die Abgeordneten kommen und gehen, aber wir – sind immer da!“  

Über diesen Beitrag habe ich mich einfach nur geärgert, weil er ein typisches Beispiel für eine unreflektierte Pauschalisierung ist. Der Autor geht schlicht davon aus, dass irgendwie alle Beamten beim Bundestag Mitglieder irgendwelcher Parteien außer der Linken seien. Dies entspricht einfach nicht den Tatsachen, denn viele der dort beschäftigten Beamten sind nicht Parteimitglieder und gehen ihrer Arbeit mit der notwendigen Neutralität nach. Dass die engsten Mitarbeiter von Bundestagspräsident Prof. Lammert eher „schwarz“ als rot sind, ist auch nachvollziehbar und an sich kein Grund für diese pauschale Verurteilung.

Besonders ärgerlich ist aber, dass den Beamten unterstellt wird, dass sie per se gegen die Links-Fraktion eingestellt seien und diese mit „Erbsenzählerei“ verfolgten. Der „Reichstagsreporter“ sollte an dieser Stelle einmal kurz über Ursache und Wirkung nachdenken. Es waren die Mitglieder der linken Fraktion, die sich wie im Kindergarten Protest-T-Shirts im Plenum übergestreift hatten und damit gegen die geltende Ordnung des Bundestages verstießen. Niemand hatte sie dazu aufgefordert, auf diese Weise gegen Stuttgart21 zu demonstrieren. Von ihnen gingen also die Provokation und der Regelverstoß aus. Der Bundestagspräsident war demnach gezwungen, sie des Saals zu verweisen. Klar ist: Unser Parlament hat sich Regeln gegeben, alle haben diese mit vereinbart und zugestimmt. Dann muss man sich auch daran halten, denn sonst braucht man einfach keine Regeln. Oder wollen wir irgendwann Situationen wie in anderen Parlamenten erleben, wo sich die Abgeordneten gegenseitig verprügeln? Bei den Linken ist es bewusste Provokation, um sich letztlich als „Märtyrer“ gegenüber ihren Anhängern darzustellen. Dieses „Sandkastenspiel“ ist einfach nur kindisch und dem Parlament nicht würdig. Ich fürchte nur, dass die linken Abgeordneten weiterhin dieses Spiel mitmachen, um sich selbst als „Schmuddelkinder“ zu stilisieren.

Es ist wirklich schade, dass der „Reichstagsreporter“ auf diese billige Show hereinfällt und die Schuld dafür de facto den Verwaltungsbeamten in die Schuhe schiebt. Seine pauschale Forderung, die „Zeit und Energie auf Wichtiges zu verwenden“ ist geradezu absurd, denn es gehört nun einmal zu den Aufgaben der Bundestagsverwaltung, für die Einhaltung der selbst gegebenen Regeln im Parlament zu sorgen. Und da spielt es einfach keine Rolle, wer der Verursacher ist. Dies sollte auch dem Autor einsichtig sein. Die Frage ist doch zudem: Was ist „Wichtiges“? Will er allen Ernstes, dass die nicht gewählten Verwaltungsbeamten Politik machen? Diese Forderung ist schlichtweg hohl und an der Realität vorbei, gerade weil sie so undifferenziert in den Raum gestellt wird. Wer solche Regeln nicht einhält, darf sich nicht wundern, wenn Parteien „kreativ“ mit Parteispenden umgehen. Auch diese Verstöße müssen durch die Bundestagsverwaltung untersucht und geahndet werden. Und deshalb ist es letztlich gleich, wer am geltenden Recht vorbei gehandelt hat. 

Im Übrigen nur als Hinweis: Nicht einmal alle Abgeordnetenmitarbeiter sind parteipolitisch gebunden, obwohl sie viel näher an der eigentlichen „Politik“ dran sind als irgendwelche Verwaltungsbeamte. Es gibt auch keinerlei Verpflichtung, Parteimitglied zu sein. Dies entscheidet jeder für sich nach seinem Gewissen.

Email vom Amtsgericht

Ein ganz normaler Morgen. Ein schneller Blick auf den Email-Posteingang in meinem Handy. Scheinbar alles ganz normal. Doch da: „Amtsgericht Berlin“ steht bei einer Email im Betreff. Eine kurze Schrecksekunde lang überlege ich, was ich wohl ausgefressen haben könnte, damit mir das Amtsgericht schreibt. Oder gibt es gar eine unbekannte Erbtante, die mir etwas hinterlassen hat? Ich denke bei mir, dass das eigentlich nicht sein kann und außerdem gibt es in Berlin mehr als ein Amtsgericht. Im Übrigen kenne ich keine „Sara Hartmann“. Der nächste Blick klärt mich auf. Aha, wieder einmal eine dieser nervigen Emails mit Angeboten für Viagra und das andere Zeugs aus der Rubrik der Potenzmittel. Bei so einem erhebenden Angebot ist der Name „Hartmann“ natürlich schon Programm.

In den letzten Tagen sind Unmengen dieser zumeist gleichlautenden Emails eingelaufen. Meistens landen sie sofort im Spamordner, doch gelegentlich schleicht sich mal eine ins Postfach. Diese Woche hatte ich schon Angebote vom Ordnungsamt Frankfurt( welches Frankfurt?), da war ein „Parkvergehen“ dabei oder eine „Bevollmaechtigung“. Ein „ä“ kannte der Absender offenbar nicht. Besonders hübsch war auch die „Stehkraft Nachhilfe“. Da habe ich doch herzlich gelacht und kurz überlegt, ob ich dieses faire Angebot einmal nutzen soll 🙂

Jedes Mal wenn eine solche Email eintrifft und sie mich doch erreicht, frage ich mich, ob es wirklich Menschen gibt, die diese Email ernsthaft lesen und auf das Angebot eingehen. Gibt es wirklich Leute, die auf diese Seiten gehen und dort Viagra o. ä. bestellen? Offenbar schon, denn sonst würde sich dieses massive Spamaufkommen immer gleicher Emails nicht lohnen. Dennoch bleibe ich lieber bei der Apotheke meines Vertrauens. Auch wenn es nur für Aspirin notwendig ist.

Hier die erwähnte Email von „Sara Hartmann“, die man einfach gelesen haben muss:

„Haben Sie einen Moment Zeit? Sie haben Probleme beim Sex? Der Stress bedrueckt Sie und hat auch noch Folgen fuer Ihr Sexleben? Sie wollen Ihrer Partnerin wieder demonstrieren, dass sie noch immer ein hervorragender Liebhaber im Bett sind? Vorbei mit den Noeten, und vorbei mit den Erektionsproblemen. Mit unseren blauen Wunderpillen werden Sie umgehend wieder ein hervorragender Liebhaber und ihre Freundin wird sie schaetzen! Absolut sichere Order im World Wide Web auf der Webseite — http://www.tiny.cc/81bp2 — Wir wuenschen Ihnen viel Erfolg Sara Hartmann Favorably expectations Halfway blamed Oscar consist, string neuroscientists drastic. Biking ballad plan regulator, immediate rumors Daniel Social Highlights pulling Sabow. — Occurs restive statelets, leveled thanks records consumption houses phony Prentice temporarily. Leveled mat smashed, telling ritual County connections randomly Camp via October. — Car DON Who, Gary movie haunted employment chipper Rican Dallas. —
Features urban daze accelerating, euro patch expletives so stuffing. — Larger significantly imported reasonably, Chatwal explained multiple CERN temperature.
Haben Sie einen Moment Zeit?
Sie haben Probleme beim Sex? Die Hektik bedrueckt Sie und hat auch noch Folgen fuer Ihr Sexleben? Sie wollen Ihrer Partnerin wieder demonstrieren, dass sie noch immer ein ein richtiger Mann in der Erotik sind?

Schluss mit den Aengsten, und vorbei mit den erotischen Schwierigkeiten. Mit unseren blauen Pillen werden Sie umgehend wieder ein guter Liebhaber und ihre Frau wird sie begehren!

Zuverlaessige und sichere Bestellungen im Netz auf der Webpage

http://www.tiny.cc/81bp2

Herliche Gruesse
Sara Hartmann“

Kategorien:Das Leben Schlagwörter: , ,

Bye, Bye Bundestag

27. August 2010 1 Kommentar

Nun geht eine lange Zeit zu Ende. Über elf Jahre habe ich im Bundestag gearbeitet. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Büroleiter von insgesamt vier Abgeordneten. Die Zeiten, in denen ich für die Abgeordneten jeweils gearbeitet habe, waren sehr unterschiedlich. Mal nur zehn Monate, mal sieben Jahre. Aber jedes Mal war es eine spannende, eine aufregende Zeit. Ich habe sehr viel erlebt und gelernt in all den Jahren.

Ich hatte Gelegenheit, Politik hautnah mitzuerleben und auch ein bisschen mitzugestalten. Viele Menschen habe ich getroffen und kennen gelernt. Die einen sehr gut, die anderen weniger. Da waren viele dabei, an dich noch oft und gerne zurückdenken werde. Einige gute Freundschaften sind entstanden, die auch die Entfernung nach Erfurt überstehen werden. Da bin ich mir sicher.

Es gab viele spannende Momente. Rückritte und Neuanfänge, spannende und weniger spannende Sitzungen, in denen mich nur der spitze Ellenbogen der Kollegin in meinen Rippen vor dem Einnicken rettete. Oftmals ging es hektisch zu, gerade in den Sitzungswochen, wenn alles auf einmal fertig und erledigt sein musste. Ja, ich habe da so meine Erfahrungen gemacht… Nach geschätzten 250 Sitzungswochen in diesen elf Jahren ist mir nicht Menschliches mehr fremd.

Oppositions- und Regierungszeit habe ich miterlebt. Da gab es einige hitzige Auseinandersetzungen und stille Übereinkunft. Manch guter sinnvoller Antrag musste aus Gründen der Fraktions- und Koalitionsräson abgelehnt werden, obwohl man innerlich Bauchschmerzen hatte. Aber nur allzu oft gerieten wir in die gleiche Situation und ein guter Ansatz wurde von den Regierungsfraktionen mit fadenscheinigen Begründungen zunichte gemacht. Aber so ist das eben in der Politik. Da zählen eben nicht immer Argumente, sondern Mehrheiten.

Es gäbe genügend lustige und nachdenkliche Geschichte zu erzählen, von Begegnungen zu berichten und im Nachhinein auch manches anders zu machen. Aber nun ist es vorbei und ich behalte die schönen Erinnerungen zurück. Vielleicht finde ich einmal Gelegenheit, ein paar dieser Erlebnisse aufzuschreiben und publik zu machen. Mancher würde sich sicher darin wieder erkennen, manche Erinnerung mag man vielleicht nicht wieder aufleben lassen. Das alles aufzuschreiben und Revue passieren zu lassen, braucht aber Zeit und sollte nach meiner Meinung erst ein wenig reifen. Über manch skurrile Begebenheit oder seltsame Aufgabe, die ich erledigt habe, wäre zu berichten. Aber auch der „Bürger an sich“ käme sicherlich zu kurz

Nun ist es an der Zeit, sich neuen Aufgaben zuzuwenden und wieder ein geordnetes Familienleben aufzunehmen. Die Pendelei zwischen Erfurt und Berlin hat ein Ende, ich werde sie nicht vermissen. Vermissen werde ich all die guten Freunde und Kollegen, mit denen sich in den letzten Jahren so viel Zeit verbracht habe. Wir haben viel zusammen gelacht und manch menschliches Problem erörtert. Ich mochte die Vertrautheit und das gute Gefühl, immer ein paar zuverlässige Leute an meiner Seite zu haben.

Aber die Welt dreht sich weiter und nun will ich voller Spannung und auch ein bisschen Nervosität in die Zukunft blicken. Ich freue mich sehr, wieder täglich bei meiner Frau und den Kindern zu sein und abends im besten Sinne „nach Hause“ zu kommen. Das mag furchtbar spießig klingen, aber irgendwie wünschen sich doch die meisten Menschen, die ich kennen gelernt habe, nach einem festen Punkt im Leben. Ich will sehen, wie meine Kinder aufwachsen und meinen Beitrag leisten, dass es ihnen gut geht. Ich freue mich auf die neuen beruflichen Aufgaben und all das, was da auf mich zukommt. Ich bin gespannt, in welches soziale Umfeld ich komme und welche neuen Kolleginnen und Kollegen ich kennen lernen werde.

All denen, mit denen ich in den vergangenen elf Jahren zusammengearbeitet habe, danke ich für die gute Zeit, die wir hatten. Gerne werde ich daran zurückdenken. In diesem Sinne: Bye, bye Bundestag.

Kategorien:Das Leben, Politik Schlagwörter: , ,

Rezension: Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille

Ulrich Kasparick hat ein interessantes, ein lesbares Buch geschrieben. Als ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär war er in verschiedenen Ministerien der Regierungen Schröder und Merkel tätig. Nun, so suggeriert der Titel, hat er die „Notbremse“ gezogen und ist ausgestiegen aus dem Politikbetrieb. Mit der Bundestagswahl 2009 hat er sein Mandat und seine Funktionen aufgegeben und sich ins Privatleben zurückgezogen.

Hier beginnt für ihn die Stille, die schon zuvor gesucht hat. Noch während seiner aktiven Zeit hat Kasparick versucht, Einkehr zu finden und die innere Ruhe wiederherzustellen, die ihm abhanden gekommen ist. Er schildert seine Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus in der ehemaligen DDR und seine Lebensumstände, die ihn dazu brachten, sich in den späteren Jahren einer besonderen Spiritualität zuzuwenden.

Intensiv hat sich Kasparick, selbst gelernter Theologe, mit dem ZEN-Buddhismus, der Spiritualität des Islams oder christlichen Mystikern wie Meister Eckhardt oder Theresa von Avilla auseinandergesetzt. Er hat in diesen Texten seine persönliche Kraftquelle gefunden, die es ihm auch ermöglichte, eigene Schicksalsschläge wie eine Krebserkrankung oder einen Schlaganfall zu überstehen. Aber auch neuere Autoren wie der ehemaligen UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld haben ihn auf seinem Weg begleitet und geholfen, die ersehnte Stille zu finden. Er hat sich einen eigenen Meditationsraum eingerichtet, um die Ruhe selbst spüren zu können, wie er seine Empfindungen schildert.

Diese Veränderungen waren nicht einfach für jemanden, der wie Kasparick rund 20 Jahre aktiv Politik in verschiedenen Funktionen betrieben hat. Für einen, der 1989 quasi über Nacht in die Politik kam und den sie nicht mehr losgelassen hat. So schildert er, manchmal fast anekdotenhaft, einzelne Erlebnisse und Erfahrungen aus seiner aktiven Zeit und der Leser erfährt einige Details aus dem Leben eines Abgeordneten. Manches ist nur dann wirklich nachvollziehbar, wenn man die Abläufe im Bundestag und den Fraktionen kennt. Hier macht sich bei ihm öfters mal ein Hauch von Frustration bemerkbar, wenn er etwa berichtet, wie politische, inhaltliche Arbeit im Bundestag geleistet wird. Da schwingt oft der Wunsch des einzelnen Abgeordneten mit, Politik selbst zu gestalten, statt sich der Fraktion und der Koalitionsmeinung zu unterwerfen.

Er selbst wünscht sich eine neue Politik. Eine Politik, die sich auf Nachdenken, Entschleunigung und wirkliche Diskussion stützt. Kasparick kritisiert vor allem, dass das politische Geschäft in den letzten Jahren immer hektischer und schnelllebiger geworden sei und dass keine Zeit mehr für eine intensivere Beschäftigung mit den Themen bliebe. Er verbindet dies mit einer skeptischen Haltung gegenüber Internet-Anwendungen und sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Er fordert gar, dass sich Politik wieder in „geschützte Räume“ (S. 130) zurückziehen solle, um in Ruhe zu beraten. „Werkstattcharakter müsse möglich sein“ (S. 130), um der Komplexität der Sachverhalte gerecht zu werden. Hier scheint er jedoch auf dem falschen Weg zu sein, denn diese „Hinterzimmerpolitik“ ist gerade das, was die Öffentlichkeit nun nicht mehr möchte. Politik verlangt zunehmend nach Transparenz, stärkerer Bürgerbeteiligung und Offenheit gegenüber neuen, unkonventionellen Vorschlägen. So unterstützt der Autor zwar die Zusammenarbeit mit NGOs, um deren Sachverstand zu nutzen. Die Idee einer neuen, kollaborativen Arbeit, wie sie heute in vielen Politikbereichen eingefordert wird, scheint bei Kasparick jedoch noch nicht angekommen zu sein. Umso verwunderlicher als er offenbar selbst sehr aktiv bei Facebook unterwegs ist.

Ein weiterer Kritikpunkt: Kasparick selbst postuliert eine sprachliche Abrüstung und mehr gegenseitiges Zuhören. Doch selbst kann er offenbar nicht von dieser martialischen Sprache lassen, wenn er sich gerne an „erfahrene, kampferprobte Weggefährten“, „Kämpen“ (S. 168) erinnert, mit denen er zusammen „manche politische Schlacht geschlagen“ (ebd.) hat. Dies alles klingt nicht nach einem überzeugten Abschied, sondern nach ein bisschen Wehmut. Und dass er stolz ist auf seine Verbindungen ist, kann auch Kasparick nicht verheimlichen. So führt er aus, dass sein eigener Verteiler „nicht ganz ohne Einfluss“ (S. 165) sei, um Freunde, Kollegen und Parteimitglieder nach der verlorenen Bundestagswahl zu beruhigen und wieder aufzubauen. Frei von Eitelkeiten ist auch er nicht. Es passt auch nicht recht zusammen, wenn er einerseits twitternde Abgeordnete kritisiert und im nächsten Moment seine eigene Arbeit im Netz darstellt. Ein bisschen mehr kritische Distanz hätte man sich an dieser Stelle schon gewünscht.

Letztlich bleibt ein schaler Geschmack zurück, denn Kapsarick hat nicht wirklich die „Notbremse“ gezogen. Wenn jemand über ein Jahr vor der Wahl beschließt, nicht mehr zu kandidieren, kann man dies kaum als „Notbremsung“ ansehen. Dies war kein spontaner Entschluss, sondern ein lange geplanter Ausstieg, der sicherlich seine guten Gründe hat. Vor diesem Hintergrund erscheint der Titel doch etwas reißerisch. Auch hat er sich nicht ganz zurückgezogen und verbringt sein Sabbatical in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit. Vielmehr schreibt hier jemand, der es eben doch nicht lassen kann, über Facebook, Twitter, Blog und andere Netzwerke politische Kommentare zu senden und sich einzumischen.

Ulrich Kasparick schreibt in seinem Buch viel Lesenswertes und Nachdenkliches und kann auch manchen Einblick in ein Politikerleben bieten. Es bleibt aber auch der Eindruck, dass die Notbremse eben doch keine echte Notbremse war, sondern vielmehr ein geordneter Rückzug aus der aktiven Politik.

Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010. 222 S.

%d Bloggern gefällt das: