Archiv

Posts Tagged ‘Bundespräsident’

Hilfe für Pakistan – oder doch lieber ein neues Abflussrohr?

In der vergangenen Woche habe ich mich wieder einmal über die Engstirnigkeit von manchem Deutschen geärgert. Anlass war die Flutkatastrophe in Pakistan, ausgelöst durch wochenlange Regenfälle in der Region und Überschwemmungen am Indus. Diese Nachricht ist an sich nicht ungewöhnliches, erreichen uns doch nur allzu oft Meldungen, dass irgendwo in Asien der Monsun ganze Landstriche unter Wasser gesetzt hat.

Doch diesmal war es anderes. Noch nie zuvor waren so große Teile des Landes überschwemmt und damit vorerst unbewohnbar geworden. Pakistan, das wissen wir alle, ist ein armes Land, das zudem von Terror und Bürgerkrieg immer wieder heimgesucht wird. Sind Häuser, Felder und Vieh erst einmal verloren, so folgt die humanitäre Katastrophe dem Regen auf dem Fuß. So auch in diesem Jahr.

Leider flossen die internationalen Hilfszahlungen für das geschundene Land nicht in dem Maße, wie es angesichts des Ausmaßes der Katastrophe notwendig gewesen wäre. Auch aus Deutschland kamen weniger Spenden als bei anderen Ereignissen wie dem Tsunami 2004 oder dem Erdbeben auf Haiti vor wenigen Monaten. Allein nach dem Tsunami waren über 500 Mio. € privater Spenden bei den Hilfsorganisationen eingegangen. Ein Zeichen dafür, dass der Wille zum Helfen durchaus vorhanden ist.

Nur leider eben nicht immer und auch nicht für jeden. Bundespräsident Christian Wulff hat dies zum Anlass genommen, einen Hilfeaufruf zu starten und die Bevölkerung zu Spenden für das Not leidende Pakistan aufzufordern. „Gut so!“ dachte ich. Manch einer muss erst dazu aufgefordert werden, um zu reagieren.

Doch weit gefehlt! Nur kurz  nach dem Aufruf und der Veröffentlichung u.a. bei Facebook brach ein Sturm ebendort los. Nicht wenige Facebook-User beschwerten sich lauthals und unverblümt über diese Spendenaufforderung. Sie kritisierten in einem teilweise recht derben Ton, dass es dieses Land wohl kaum verdient habe, Hilfe zu bekommen. Ich musste zweimal hinschauen, um die Kommentare zu lesen. Da klagten die User darüber, dass sie vom deutschen Staat auch keine Hilfe bekämen und dass die Menschen in Pakistan ja doch eh alle „Taliban“ seien, die man nicht noch unterstützen sollte. Besonders lautstark tat sich eine nordrhein-westfälische Frittenbudenbesitzerin, die ausführte, sie würde ja schon genug für die „Ossis“ in Form ihres „Solidaritätszuschlags“ spenden. Außerdem sei das Abflussrohr ihres Imbiss defekt und dafür würde sie auch keine Spenden erhalten.

Ich konnte es kaum glauben. Da verglich doch jemand ernsthaft das Leiden von rund 20 Mio. Menschen, die wegen der Überschwemmungen auf der Flucht sind, mit einem verstopften Abfluss. Wie menschenverachtend muss man eigentlich veranlagt sein, um solche Vergleiche zu ziehen? Dort sterben jeden Tag Dutzende Kinder an Infektionskrankheiten, Durchfall und Cholera und wir diskutieren über Abflussrohre. Ehrlich gesagt war ich ziemlich erschüttert und habe dies auch bei den Facebook-Kommentaren vermerkt. Einige User stimmten mir zu, andere meinten, diese „Talibans“ hätten keine Hilfe verdient. Natürlich, jedes zweijährige Kind, das Hunger leidet, ist schon ein Taliban.

Ich kann auch verstehen, wenn viele Menschen in Deutschland verzweifelt sind, wenn sie durch das aktuelle Hochwasser in Ostdeutschland ihr Hab und Gut verloren haben. Dies sind massive Schäden und schwere Verluste für die Betroffenen. Aber dennoch: nach einem solchen Ereignis muss bei uns niemand verhungern oder droht an Krankheiten zu sterben. In Pakistan ist dies anderes. Dort gibt es kaum Infrastrukturen zur Hilfe und die meisten Menschen leben von Landwirtschaft und Viehzucht. Ist dies zerstört, ist die humanitäre Katastrophe kaum mehr aufzuhalten. Ein wenig mehr Menschlichkeit, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft würde uns sicherlich an dieser Stelle gut tun. Wer weiß, ob nicht auch uns Deutsche einmal eine Naturkatastrophe ereilt, bei der wir auf internationale Hilfe angewiesen sind. Wie wichtig ausländische Hilfe sein kann, haben gerade die Westdeutschen in der Zeit nach 1945 erfahren, als u.a. der Marshall-Plan, das European Recovery Program (ERP) die notwendigen Gelder und Hilfsgüter für das zerstörte Deutschland und Europa zur Verfügung stellte. Wir sollten dies nicht vergessen.

Kategorien:Politik Schlagwörter: , , ,

Christian Wulff – der bessere Präsident

Nun ist sie vorbei, die unerwartete Bundespräsidentenwahl, die noch vor wenigen Wochen keiner erwartet hatte. Aber so ist es nun einmal mit Überraschungen – sie kommen immer unerwartet.

Mancher hatte sich angesichts des medialen Trommelns für Joachim Gauck gewünscht, dass dieser letztlich auch gewählt werden würde. Es hat nicht sollen sein. Und das ist auch gut sein. Natürlich geht das Gejammer über die schwache Wahl Christian Wulffs weiter und viele trauern Gauck nach. Verständlich, denn keiner verliert gerne eine Wahl.

Gauck und Wulff – zwei völlig unterschiedliche Typen von Menschen und anderer Herkunft und Sozialisierung. So sehr ich Gauck für seine Arbeit als Oppositioneller in DDR und späterer Leiter der „Gauck-Behörde“ schätze, so steht er doch zu allererst für eine rückwärtsgewandte Sichtweise. Was verbinden die Leute mit ihm? DDR, Stasi und die Gauck-Behörde. Sind das Aspekte für die Zukunft unseres Landes? Ich denke nicht, dass man darauf aufbauen kann. Natürlich ist es wichtig, dass die Aufklärungsarbeit über das DDR-Unrechtsregime und die Stasi weitergeht. Wir brauchen noch mehr historische Forschung und juristische Aufklärung. Genauso wie dies für die deutsche NS-Vergangenheit weiterhin notwendig ist. Aber man sollte dies nun 20 Jahre nach der Einheit den Forschern und Juristen, Politikern und Sonntagsrednern überlassen und nicht zum Signum unseres Staatsoberhauptes machen.

Mag sein, dass Joachim Gauck der intellektuellere Kopf ist. Mag sein, dass er mehr Lebenserfahrung mitbringt und gelernt hat, sich in Ost und West zurechtzufinden. Aber seien wir doch einmal ehrlich: Wer will denn immer nur graumelierte, ältere Herren als Bundespräsidenten haben? Mit Weizsäcker, Herzog, Rau und zuletzt Köhler hatten wir in den letzten gut 25 Jahren immer irgendwelche Bedenkenträger, die durch Ruckreden und ähnliche Mahnappelle auffielen. Aber keiner stand wirklich für eine zukunftsgewandte Amtsführung, sondern eher für die Sicht zurück. Mit Köhler war zuletzt jemand im Amt, den ein Autor auf „Spiegel Online“ als „Apokalyptiker“ bezeichnet hat. Seine Monster-Rede bleibt von ihm im Gedächtnis. Aber wo ist der positive Ansatz?

Mit Christian Wulff kommt nun ein Mann ins Amt, der einige Jahre jünger ist als Vorgänger. Statt der tiefgezogenen Bedenkenfalten eines Herrn Gauck strahlt er eine fast jugendliche Fröhlichkeit aus. An seiner Seite eine junge, erfolgreiche Frau und kleine Kinder, die Leben ins Haus bringen. Wulff ist jemand, der noch mitten im Leben steht und nicht auf ein solches zurückschauen muss.

Ganz ehrlich: Mir ist ein Bundespräsident lieber, der noch weiß, wie ein voller Windeleimer stinkt oder wie es wehtut, wenn man mit nackten Füßen auf einen Lego-Stein tritt. Jemand, der einfach näher an den Alltagssorgen der Menschen ist als ein philosophischer Sonntagsredner. Ich brauche keinen evangelischen Pfarrer als Präsidenten, der mir ein paar Mal im Jahr eine Gardinenpredigt hält. Das haben die Vorgänger bereits ausreichend getan. Hätte man dies gewollt, hätte man auch einen Habermas oder Sloterdijk wählen können. Auch diese Herren können einem schön ins Gewissen reden. Von Christian Wulff erwartete ich einfach eine andere Gangart. Jemand, der fröhlich auf die Menschen zugeht, ihnen Mut macht und sich ihrer Nöte im Kleinen annimmt. Jemand, der hemdsärmelig mit seiner Familie spazieren geht und ein offenes Ohr für die Leute auf der Straße hat. Ein solcher Bundespräsident muss kein Intellektueller, sondern jemand aus dem Volk. Aus der Mitte der Lebens eben.

Geben wir Christian Wulff also die Chance, die er verdient hat. Er wird sie nutzen, zum Wohl unseres Landes. Für alles andere haben wir noch immer genügend graumelierte Bedenkenträger. Keine Sorge, dieser Typus stirbt in Deutschland nicht aus.

Alea iacta est: Wulff wird’s

Nach einigen Tagen der staatspolitischen Unsicherheit kann nun wieder Ruhe einkehren. Der bisherige niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff soll neuer Bundespräsident werden. Die Koalitionsfraktionen im Bundestag haben sich mit Wulff auf einen Kandidaten geeinigt, der offenbar leichter zu vermitteln ist als Ursula von der Leyen.

Wulff ist in der Bevölkerung beliebt, er kommt offen und freundlich herüber und ist „schwiegermuttertauglich“. Er gilt als jemand, der integrieren kann und versteht es, die Menschen für sich einzunehmen. Kurz: auf der ersten Blick scheint Wulff der richtige Mann für den Posten zu sein. Warten wir es also, ob er das Amt ausfüllen kann, sollte er durch die Bundesversammlung gewählt werden. Nach seiner Wahl am 30. Juni wird er sich bewähren müssen. Er muss zeigen, dass er nicht nur „nett“ sein kann, sondern auch das Zeug hat, politische Debatten und notwendige gesellschaftliche Diskussionen zu führen und auch anzustoßen. Von einem guten Bundespräsidenten erwartet man, dass er intellektuelle Beiträge  liefert, aber auch die Sprache der Menschen auf der Straße versteht und spricht. Also ein politisches Allroud-Talent, das sich zwischen Akademien und Stammtischen souverän bewegen muss. Geben wir Christian Wulff, sollte er denn Präsident werden, also eine Chance.

Der eigentlich spannendere Aspekt an der ganzen Kandidatenkür durch die schwarz-gelbe Koalition war jedoch die hochgespielte Empörung über die Person Ursula von der Leyen. Noch bevor überhaupt es überhaupt weitergehende Gespräche über einen Kandidaten von CDU/CSU und FDP geben konnte, war sie schon unter die digitale Dampfwalze geraten. Da war es wieder, das böse Gespenst der „Zensursula“. Auch seriöse Blogs wie netzpolitik.org beteiligten sich an den wilden Diskussionen, ob es denn die bisherige Arbeitsministerin Bundespräsidentin werden dürfe. Die Reaktionen waren klar und vorhersehbar: Nein! Wer sich, wie von der Leyen im vergangenen Jahr, für die so genannten „Netzsperren“ stark gemacht hat, ist aus Sicht der digitalen Öffentlichkeit nicht mehr präsidiabel. Dass die Netzsperren von Anfang an eine Schnpasidee und ein wirklich untaugliches Mitteln waren, um dem Problem der Kinderpornografie Herr zu werden, war allen Interessierten schnell klar. Dies hat sich auch bis heute nicht geändert und der Satz „Löschen statt Sperren“ hat weiterhin seine Berechtigung. Dass das Thema inzwischen nichts mehr mit der Person von der Leyen aktuell zu tun hat, interessierte nun niemanden mehr. Tatsache ist, sie hat sich in den Netzsperren so verheddert, dass von Anfang an keine Chance bestand, sie für die jüngere, netzaffine Gruppe in irgendeiner Form akzeptabel werden zu lassen. Viele, die ihre Kommentare bei netzpolitik.org oder auch bei Spiegel Online abgegeben hatten, verspürten offenbar eine persönliche, tiefe Aversion gegen die Ministerin, die sie nun in ihren Postings ausleben konnten. Innerhalb von zwei Tagen hatte etwa bei Facebook eine  Gruppe gebildet, die über 22.000 Mitglied (Stand: 3.6.2010, 17:00 Uhr) hat, die vor allem eines einte: „Zensursula – Not My President!“ Von einer interessanten Diskussion über mögliche Alternativen waren die Äußerungen innerhalb der Gruppe jedoch meilenweit entfernt. Schade eigentlich, denn hier hätte sich einmal eine wirkliche Diskussionskultur über das Für und Wider einzelner Kandidaten entwickeln können. Chance vertan. Aber es ging auch noch ein wenig härter: bei Telepolis etwa findet sich ein Artikel, der es geschickt versteht, Stimmung gegen von der Leyen zu machen. Man wirft ihre Herkunft, ihre Familie, ihre Kinder und letztlich sogar ihre blonden Haare vor.  Nur selten wurde lassen sich Autoren zu einem solchen Ausflug in die Intoleranz und Banalität hinreißen wie hier.  Wenn Frisur und Haarfarbe, familiäre Abstimmung und Studium als Argumente herhalten müssen, dann ist es um wirkliche Argumente schlecht bestellt.

Umso erschreckender  für die politische Kultur unseres Landes ist es, dass man offenbar in gewissen Kreisen nicht bereit ist zu akzeptieren, dass andere Menschen auch andere Meinungen haben können. Nur die eigene Meinung scheint die richtige zu sein. Persönliche Angriffe bis hin zu Beschimpfungen werden leichtfertig kund getan und ein ungeliebte Person wird zum öffentlichen Abschuss freigegeben. Ob Frau von der Leyen inzwischen ihre Meinung geändert hat oder ob sie noch immer für Netzsperren eintritt, spielt hier keine Rolle mehr. Dass sie im Übrigen von großen Teilen der Bevölkerung völlig anders und vor allem positiv wahrgenommen wird, spielt für die meisten Verfasser der Kommentare ebenso keine Rolle mehr. Hier tut sich offenbar eine neue digitale Spaltung  auf: Netzöffentlichkeit 2.0 vs. Öffentlichkeit 1.0 – digital vs. analog. Da stellt sich mancher schon die Frage, ob die digitale Bohéme die Legitimation hat, eine Person so herunterzuschreiben, wie dies zuletzt geschehen ist.

Letztlich war die Entscheidung von Union und FDP für Christian Wulff die richtige. Er wird derjenige sein, der wie fast alle seine Vorgänger in das Amt hineinwachsen und das Beste daraus machen wird. Welche Akzente er zukünftig setzen wird, bleibt abzuwarten. Wie gesagt: eine Chance hat er verdient.

Für unsere politische Kultur bleibt nur zu hoffen, sich die Debatten im Nachgang wieder versachlichen und persönliche Angriffe zukünftig unterbleiben.

%d Bloggern gefällt das: