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Posts Tagged ‘Deutsche Bahn; Erfurt’

Unterwegs mit der Deutschen Bahn…

Seit nunmehr fast einem Jahr bin ich fast jede Woche auf der Strecke zwischen Erfurt und Berlin unterwegs. Montags morgens nach Berlin, um dort zu arbeiten. Und am Freitag Nachmittag geht es wieder zurück in die thüringische  Metropole. Natürliche unternehme ich diese Reisen nicht allein, sondern befinde ich mich immer in Begleitung einer großen Zahl von Menschen, die das gleiche Ziel haben.

Viele Menschen pendeln allwöchentlich mit dem Zug nach Leipzig oder Berlin, um dort ihr Brot zu verdienen. So liegt es in der Natur der Sache, dass man sehr häufig den gleichen Leuten begegnet. Eine an sich banale Erkenntnis, die einem aber auch ein gutes Gefühl verleiht. Man ist eben nicht der einzige Dumme, der von seiner Familie getrennt ist und in einer anderen Stadt arbeiten muss. Aus manch zufälliger Begegnung hat sich inzwischen ein guter Kontakt entwickelt oder die Fahrzeit verflog im Nu‘ durch angeregte Gespräche mit dem Sitznachbar.

Da ist die Sachbearbeiterin eines Verbandes aus Berlin, die sich auch montags auf den Weg macht und von ihrer Arbeit in Berlin berichtet. Ich sitze neben dem Feuerwehrmann aus dem Thüringer Wald, der junge Kollegen in der Hauptstadt ausbildet und von seinen zahlreichen Problemen mit den verschiedenen Ämtern vor Ort berichtet. Mancher ist kommunikativ und sucht das Gespräch, mancher vergräbt sich in Buch oder Zeitung, während andere angestrengt in den Laptop hacken. Wieder andere fröhliche Mitmenschen werden vom Schlaf übermannt und lassen ihre Mitreisenden akustisch an ihrem  akuten Ruhebedürfnis teilhaben.

Im Zug sitzen natürlich auch zahlreiche Geschäftsleute in Anzügen oder feinen Kostümen, die sich die Zeit zumeist mit lautstarken Telefonaten vertreiben und ihrer Umgebung die Wichtigkeit ihrer eigenen Existenz kundtun. Da fragt man sich schon, warum man nicht den Platz in der „Ruhezone“ gebucht hat, die die Verbindung zur Außenwelt per Handy doch erheblich einschränkt. Nun gut, zweieinhalb Stunden gehen ja auch vorbei. Immer wieder steigt in Leipzig eine junge blonde Frau in den gleichen ICE-Waggon ein, der wohl nie ein Lächeln abzuringen ist. Ihre tief heruntergezogenen Mundwinkel machen einer Angela Merkel alle Ehre. Aber auch solche Menschen sind eben mit der Deutschen Bahn unterwegs. Es bleibt bei der alten Erkenntnis: „Man trifft sich immer zweimal im Leben!“ – Gerade dann, wenn man immer den gleichen Zug nimmt.

Indes: Die Rückfahrt von Berlin Richtung Erfurt gestaltet sich zumeist doch etwas anders. Vor allem der Faktor Mensch ist ein anderer. Da schiebt sich schon in der Hauptstadt ein Haufen junger Bundeswehrrekruten, bewaffnet mit Seesack, Bier und Laptop durch die noch nicht ganz geöffnete Tür, um die Plätze mit Tisch und Stromanschluss zu ergattern. Schließlich will die Fahrstrecke bis Leipzig, Naumburg oder Erfurt doch mit den heruntergeladenen neuesten Kinofilmen in Verbindung mit irgendwelchen obskuren Biermischgetränken überbrückt werden. Anders ist das wohl kaum zu schaffen…

Gefolgt von den üblichen Anzug- und Kostümträgern, die ebenen so die Heimreise antreten. Wie schon auf de montäglichen Hinfahrt sind auch diese Fahrgäste stets bemüht, ihre Geschäftigkeit niemals abreißen zu lassen und zeigen der Welt erneut ihre Bedeutung. Auch hier heißt es: Laptop raus, Handy auf den Tisch. Am besten ein iPhone oder ein Blackberry, denn anhand des jeweiligen Mobiltelefons muss man ja seine Gruppenzugehörigkeit darlegen. Der eher kultur- und medienorientierte Jungmanager spielt sogleich mit den neuesten Apps seines Apple-Produkts herum, während die gesetzte Businesslady ihre zahlreichen Termine und sonstigen unabwendbaren Ereignisse der Planungshoheit ihres mobilen Endgerätes sonstiger Provenienz überlässt. Hauptsache, man hat so ein Gerät und demonstriert der Umgebung den eigenen Status.

Zu dieser illustren Runde gesellt sich noch manch durchaus „normaler“ Bahnreisender wie die Familie, die die Oma in München besuchen möchte und deren Kinder mit ihrem fröhlichen Geplapper den ganzen Wagen unterhalten. Gerade solche Mitreisende sind für mich immer eine echt willkommene Abwechselung, denn gerade dann zeigt sich, wer Humor. hat. Man genießt das breite Grinsen und Feixen der Anderen, wenn etwa die dreijährige Pauline den wohlgenährten und schwitzenden Geschäftsmann fragt, warum er denn so einen dicken Bauch habe. Allein die entgeisterten Gesichter des „Opfers“ und der gestressten Eltern wiegen den Fahrpreis auf. Sämtliche Erklärungs- und Rettungsversuche, üblicherweise von der Mutter, übernommen, enden zumeist in noch komischeren Szenen und Peinlichkeiten.

Eine durchaus andere Klientel von Mitreisenden trifft man jedoch, wenn man abseits der üblichen Pendlerzeiten mit dem normalen IC unterwegs ist. Das kommt bei mir nicht allzu oft vor, weswegen gerade dann die Unterschiede umso mehr ins Auge stechen. Während der ICE vor allem von pendelnden Berufstätigen genutzt wird, sitzt im IC eine bunte Mischung der verschiedensten Menschen. Auch hier die Bundeswehrrekruten auf dem Nach-Hause-Weg, ausgestattet mit dem üblichen Equipment. Aber es gesellt sich hinzu die junge Studentin aus einem thüringischen Nest, die in Berlin fürs Leben lernt und mich nach kurzen Kennenlernen und Austausch von ein paar höflichen Phrasen fragt, ob ich denn heute noch einmal das gleiche studieren würde. Sie habe gerade eine Sinnkrise, denn sie sei ja schon im zweiten Semester. Mich freut, dass diese Krise schon so früh im Studium auftaucht. Während meines Studiums traf ich manch einen, den dieses Schicksal nach geschätzten 20 Semestern ereilte. Mit gutem Zureden versuche ich der jungen Damen den Schrecken vor dem Studium zu nehmen und wünsche mir insgeheim, dass sie mich nicht verflucht und mir irgendeine Pest an den Hals wünscht, falls es schief geht.

Dann doch lieber die Rentner mit an Bord. Die sitzen die gesamte Zeit mit dem Fahrschein und den Zuginformationen der Bahn in der Hand auf ihrem Platz, legen weder Hut noch Mantel ab. Stattdessen versichern sie sich im Minutentakt, dass sie den richtigen Zug genommen haben und das Fahrzeug auch noch planmäßig unterwegs ist. Bereits leichte Abweichungen jagen diesen Menschen tiefe Sorgenfalten in die noch vom letzten Urlaub gebräunte Stirn. Schließlich hat man als Rentner auf dem Weg zum Chiemsee doch keine Zeit, um ein paar Minuten der Verspätung in Kauf zu nehmen. Fragen an die Mitreisenden oder das Zugpersonal erfreuen sich größter Beliebtheit, sind sie doch ein probates Mittel, dem Gespräch mit dem Ehepartner, den man ja nun schon seit fast Jahren an der Seite zu entgehen. Selbst wenn auch die anderen Fahrgäste nicht beurteilen können, ob eine Stunde Aufenthalt ausreicht, um in Naumburg einen Zug erreichen, der vom selben Bahnsteig aus abfährt. Auch hier versichere den Leuten gerne, dass sie den Zug auf jeden Fall erreichen, selbst wenn ich Naumburg nur von der Durchfahrt kenne und auch keine Glaskugel bei mir führe, um zu sehen, ob unser Fahrzeug pünktlich dort eintreffen wird. Diskussionen über mögliche Verspätungen aufgrund von Baumaßnahmen sollte man auf jeden Fall verweiden, um Kurzschlussreaktionen der Senioren zu verhindern.

So eilt der IC dahin, mitten durch das mitteldeutsche Chemierevier, vorbei an solch illustren Stätten wie HölleHalle an der Saale, Bitterfeld oder Großkorbetha, wo man die industrielle Vergangenheit noch genau erkennen kann. Auch wenn es heute nicht so riecht wie noch einigen Jahren. Doch dafür haben unsere Rentner auf jeden Fall einen Blick. Spätestens bei Bitterfeld erschallt der Ruf durch den Zug: „Schau mal, die alten Leuna-Fabriken! Naja, ist ja nicht mehr so viel übrig wie damals. Das meiste haben die aus dem Westen ja abgerissen.“ Spätestens an der Stelle weiß man, dass die „Mauer“ doch an manchen Ecken noch zumindest stückweise stehen geblieben ist. So geht die Reise weiter, egal wohin. Ob Erfurt oder Chiemsee. Nur kurz unterbrochen durch die blondierte Bahnmitarbeiterin, die sich mit ihren spitzen und aufwändig-farbig manikürten Nägeln mein Ticket angelt. Bald erschallt der Ruf „Willkommen in Erfurt Hauptbahnhof“ und wird ergänzt durch den kräftigen Geruch frisch gebratenen Hähnchen, die einem die Wartezeit auf die Straßenbahn doch zur Qual werden lassen können. Willkommen daheim!

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