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Rezension zu: Markus Reiter: Dumm 3.0. Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen

Wieder einmal ist das Internet irgendwie an allem schuld. Es bringt quasi den Untergang des Abendlands mit sich und diesmal in Form des vernetzten Austauschs von Informationen oder Banalitäten. Glaubt man dem Publizisten Markus Reiter aus Stuttgart so ist unsere abendländische Kultur erneut bedroht. Man hat den Eindruck, dass Hunnen, Türken oder wer auch immer quasi mit dem Netzwerkkabel in der Hand vor der Tür stehen und uns überrennen wollen.

Reiter beschäftigt sich in seinem Buch mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unser Leben und unsere Kultur und sieht die Gefahr, dass unsere Bildung durch die Auswirkungen des Internets zerstört wird. Als jemand der für ein „klassisches“ Medium wie die FAZ gearbeitet hat, ist er natürlich besonders sensibel für die Konkurrenz, die den Journalisten und Meinungsmachern in Form von Bloggern erwächst. Er berichtet von Begegnungen mit bekannten Bloggern wie Markus Beckedahl oder Jugendlichen, die sich heute zu den Digital Natives zählen, weil sie ein Leben ohne Internet nicht mehr kennen.

Er referiert den inzwischen herrschenden Konflikt zwischen hergebrachten Presseorganen und den Bloggern. Das größte Problem sieht Reiter in der mangelhaften Qualität des Internet-Journalismus, der sich nicht an den Qualitätsmaßstäben herkömmlicher Blätter messen lassen könne. Dies ist sicherlich richtig, wenn man bedenkt, dass zahlreiche Blogs eben nicht von Profis sondern von engagierten Amateuren betrieben und geschrieben werden. Aber waren die Anfänge unserer Zeitungen oftmals nicht ähnlich unstrukturiert und amateurhaft? Aus Flugschriften haben sich Zeitungen entwickeln, deren erste Redakteure noch keine Journalistenschule absolviert hatten. Soll das ein Argument gegen gut gemachten Online-Journalismus sein? Auf jeden Fall kein überzeugendes.

Vor allem ist es so, dass immer mehr ausgebildete Journalisten eigene Blogs schreiben oder für bekannte Seiten Artikel beisteuern und damit erheblich zu journalistischer Qualität beitragen. Richtig ist in diesem Zusammenhang, dass solche Blogs natürlich nicht finanzielle Umsätze wie die Produktion einer Tageszeitung generieren. Kein Blog kann sich ein Mitarbeiterstab von 100 und mehr Leuten leisten. Dafür stehen aber andere Autoren zur Verfügung, die interessante Beiträge liefern. Finanzieren tun sich diese Seiten inzwischen auch vor allem durch Werbung oder das Sponsoring durch größere Konzerne. Dies ist zulässig und entspricht im Wesentlichen auch dem alten Verkauf von Anzeigen in den Tageszeitungen oder Zeitschriften. Diese wird es auch viele Jahre geben, auch wenn Reiter konstatiert, dass die „Zeitung auf Papier“ verschwinden wird. Das mag sein, aber es wird sicher noch länger dauern. Solange Zeitungen für viele Menschen ein tägliches Brot zur Informationsausnahme sind, solange gerade Ältere den Spaziergang zum Kiosk nutzen, um sich die „Bild“ zu holen und ein Schwätzchen zu halten, wird es Zeitungen in der herkömmlichen Form geben. Nicht jeder möchte eben morgens das Laptop am Frühstückstisch hochfahren, um die Todesanzeigen zu lesen oder die Ergebnisse der Kreisliga A vom Sonntag zu sehen.

Die Blogs werden mehr Leser haben, während die Zeitungen Leser verlieren. Verlage werden sich auf die neuen Medien konzentrieren und dort ihren „content“ anbieten. Das ist alles legitim und richtig. Die Tatsache, dass manches eben von Bloggern schneller, früher oder vielleicht einmal stilistisch anders „zu Papier“ gebracht wird als im klassischen Journalismus, kann kein Argument gegen die kommenden Veränderungen sein.

Wie groß Reiters Skepsis gegenüber der digitalen Konkurrenz ist, zeigt sich in seiner Wortwahl. Da ist von Internet-Apologeten und Alpha-Bloggern die Rede. Da nennt er Beckedahl einen Internet-Evangelisten und kritisiert, dass diese Info-Elite bald über die große Mehrheit herrschen werde, weil diese eben nicht Mittel habe, um den teuren content von professionellen digitalen Medien kaufen zu können. Sie liefern sich quasi denjenigen aus, die die Seiten mit Inhalten befüllen und somit Meinungen vorgeben. Das war jedoch auch in den klassischen Medien nie anders. Wie sonst hätte „Bild“ jemals einen solchen Einfluss erringen können? Seine Wortwahl zeigt, dass es noch immer zu sehr in den alten Kategorien von Macht und Einfluss denkt, denn letztlich geht es den meisten Bloggern eher darum, Themen in der Öffentlichkeit zu diskutieren anstatt wie Alpha-Tier Gerhard Schröder eine Basta-Politik zu betreiben. Natürlich haben bekannte Blogger wie Beckedahl Einfluss in ihrem Themengebiet. Jedoch sind sie weit davon entfernt, einen weitreichenden Einfluss klassischer Prägung zu entwickeln.

Ärgerlich ist, dass Reiter offenbar beim Schreiben etwas nachlässig vorgegangen ist. Wie sonst lässt es sich erklären, dass er ausgerechnet bei mindestens zwei Namen von Personen Fehler macht und diese falsch schreibt. Dies sollte nicht sein. Hier hätte ich mir mehr Sorgfalt gewünscht.

Mein Fazit: Ich kann nicht erkennen, dass unsere Gesellschaft „verblöden“ wird, wenn sie sich immer mehr auf Online-Medien oder soziale Netzwerke stützt. Es ist eben eine Veränderung, die man mitmachen kann, aber eben nicht muss. Reiter suggeriert, dass man sich diesem Einfluss kaum entziehen könne, was sicher zum Teil richtig ist, und dass dies letztlich zu einem Rückgang unserer abendländischen Kultur führen werde. Letztlich kämpft er auch für den Erhalt des alten Urheberrechts, das noch immer eine starke Schutzfunktion für klassische Medien und ihre Vertreter hat. Das Buch ist insgesamt gut lesbar geschrieben und führt wichtige Argumente für beide Seiten konzentriert auf. Allerdings fehlt mir die positive Sicht auf das Medium Internet. Reiter orientiert sich nach meinem Dafürhalten zu sehr an den alten Wegmarken von Risiken und Gefahren und zeigt kaum Chancen der Digitalisierung unseres Lebens auf. Gerade die Entwicklungschancen durch die Vernetzung der User werden dazu beitragen, dass die Qualität der Blog-Beiträge steigt. Denn schließlich ist nicht jeder gleich ein guter Journalist, weil er oder sie Journalismus studiert oder ein Volontariat bei FAZ oder SZ absolviert hat. Lassen wir also dem noch recht jungen Bloggertum seine Chance und sehen zu, wie es sich entwickelt. Den völligen Untergang des klassischen Journalismus sehe ich erst dann, wenn er wirklich eingetreten ist. Es wird beides geben.

Markus Reiter: Dumm 3.0. Wie Twitter, Blogs und Networks unsere Kultur bedrohen. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010.

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