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Sprachliche Abrüstung im digitalen Zeitalter

Ansgar Heveling hat der Netzgemeinde das digitale Stöckchen hingehalten und viele sind drüber gesprungen. Mit seinem Gastbeitrag im „Handelsblatt“ hat der CDU-Abgeordnete eine Welle losgetreten, die nicht mehr zu halten war. Mit seinen zweifelsohne unsäglichen Äußerungen mit dem schönen Titel „Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!“ hat sich er sich zum Gespött und wurde über alle parteipolitischen Grenzen hinweg zerrissen. Was in seinem Aufsatz sofort auffällt ist eine Sprache, die von martialischer Rhetorik nur so strotzt. Da ist von „medialer Schlachtordnung“, vom „Clash of Civilizations“ die Rede. Er schwadroniert über „ruinenhafte Stümpfe unserer Gesellschaft“ und sieht „digitale Horden“ und „verbrannte Erde“. Man greift sich unweigerlich an den Kopf und fragt sich, in welchem Jahrhundert und in welcher Gesellschaftsform leben wir eigentlich. Muss man als Abgeordneter im 21. Jahrhundert und Mitglied der Bundestags-Enquete „Internet und digitale Gesellschaft“ so ein Vokabular verwenden, um auf sich aufmerksam zu machen? Wohl kaum, aber Heveling ist dafür auch zu Recht in die Schranken gewiesen worden.

Man glaubte fast, die Aufregung über Hevelings Äußerungen hätte sich inzwischen gelegt, da sieht die „Stuttgarter Zeitung“ in der Enquete die „Kommission für den Kulturkampf“. Autor Jan Georg Plavec sieht in den Auseinandersetzungen und Diskussionen innerhalb der Enquete-Kommission offenbar solch gravierende Differenzen, dass auch er zu dem historisch zweifelhaften Vergleich greift und einen „Kulturkampf“ sieht. Anstatt die Unterschiede zwischen den einzelnen Positionen innerhalb der Kommission aufzuzeigen und darzulegen, worin diese bestehen, bedient er sich einer unpassenden Rhetorik um die Auseinandersetzungen um die Verfahren innerhalb des Gremiums zu beschreiben. Doch hierbei geht es nicht um einen „Kulturkampf“, sondern schlicht darum, dass in einem parlamentarischen Gremium auch parlamentarische Regeln angewendet werden müssen. Dies mag dem einen oder anderen Mitglied nicht gefallen haben, ändert aber nichts an der Tatsache, dass diese Regelungen bestehen. Daraus einen „Kulturkampf“ zu machen, ist völlig übertrieben und die Verwendung eines solch belasteten Begriffs reißt nur weitere Gräben auf. Und gerade diese Gräben kritisiert Plavec ja in seinem Artikel.

Was soll also tun? Statt immer neue rhetorische „Kämpfe“, „Schlachten“ und sonstige Auseinandersetzungen zu suchen, sollten die Beteiligten, egal ob Netzpolitiker, Journalisten, Blogger oder Internet-Verweigerer einfach zu dem greifen, was politische und gesellschaftliche Diskussion ausmacht. Nämlich der Austausch und die Erörterung von Sachargumenten und nicht das bloße Aneinanderreihen von Kampfbegriffen, um den vermeintlichen Gegner zu „bekämpfen“. Dies führt zu nichts. Im Gegenteil, denn es vertieft nur die Gräben statt sie zu überwinden. Was wir brauchen ist eine „sprachliche Abrüstung“, um solche irrsinnigen Auseinandersetzungen und Konflikte wie den um Heveling zukünftig zu vermeiden.

Denn: Im Gegensatz zu vielen, die sich beruflich oder privat mit Netzpolitik befassen, sind den meisten „normalen“ Usern nämliche solche Streitigkeiten fremd. Sie sehen die Konflikte einfach nicht, denn für sie gibt es diese Gräber zwischen digitaler und analoger Welt nicht. Sie laden einfach ihre Fotos in Portalen hoch, setzen Nachrichten über Twitter ab, verabreden sich über Facebook und treffen sich abends ganz analog und herkömmlich in der Kneipe. Und beschließen dann den Abend mit einem Buch im Bett statt sich Gedanken zu machen, warum manche Politiker dem Netz noch skeptisch gegenüberstehen oder andere User die vermeintlich „alte Welt“ verachten.

Also einfach mal über den eigenen Sprachgebrauch nachdenken statt in sprachlichen Mottenkisten längst vergangener Zeiten zu wühlen. Diskussionen über Netzpolitik haben nämlich Besseres verdient.

Maulen, meckern, wegklicken – Zum Umgang mit der Internet-Enquete des Bundestages

27. September 2010 2 Kommentare

Vor einen Tagen hat Christian Scholz in seinem Blog mrtopf.de die interessante Frage aufgeworfen, warum die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ (#eidg) so wenig wirkliches Feedback auf ihre Arbeit bekommt. Er kritisierte u.a. die Tatsache, dass das Forum der Enquete kaum Resonanz erfahre und nennt dazu auch gleich einige Gründe. Diese mögen in Teilen stichhaltig sein, können mich jedoch letztlich nicht völlig überzeugen.

Ich will versuchen, aus der Sicht eines bis vor kurzem direkt involvierten Mitarbeiters, eine paar andere Aspekte aufzugreifen. Bis August habe ich als Büroleiter bei Peter Tauber gearbeitet und war u. a. auch zuständig für die Enquete-Kommission. Ich hatte das Glück, die Arbeit der Enquete von ihrer Entstehung bis zur Sommerpause direkt mit verfolgen und eigene Aspekte einfließen lassen zu können. Die Idee dieser Enquete ist noch nicht alt, sie wurde kurz nach der Wahl in der CDU/CSU-Fraktion geboren, wo bei Abgeordneten und Mitarbeitern der Wunsch entstand, das Thema „Internet“ viel stärker als bisher in den Focus bundesdeutscher Politik zu nehmen. Es sollten nicht nur Fragen diskutiert werden, wie etwa das Internet noch mehr als bisher für Wahlkämpfe benutzt werden könne. Vielmehr sollten Fragen und Themen diskutiert werden, wie das Internet unser Leben verändert und welche gesellschaftlichen Auswirkungen sich ergeben. Schon kurz nach Weihnachten diskutierte ich mit einem Kollegen über seinen Entwurf eines Einsetzungsbeschlusses und mögliche Themenfelder.

Es dauerte auch nicht lange und die Idee der Enquete-Kommission hatte ihren Weg nach draußen gefunden. Das war gut so, denn ein Gedanke des Gremiums ist es ja, mehr Transparenz im Politikbetrieb zu schaffen. Schnell erreichten uns die ersten Reaktionen aus der interessierten Öffentlichkeit. Von einem positiv erstaunten „Oh, das finde ich aber gut“ bis hin zu Klagen, ob das eine neue Form von „Stasi 2.0“ werden solle, war alles zu finden. Viele User begrüßten die Idee einer Enquete und wünschten sich spannende Debatten und kontroverse Themen, oftmals schon verbunden mit eigenen Themenvorschlägen. Auch das war gut, zeigte es doch das Bedürfnis der Öffentlichkeit nach einer Auseinandersetzung über das Internet. Indes: diese Meinungen waren in der Unterzahl. Fast gleichzeitig mit dem Bekanntwerden der Enquete ergoss ich eine Lawine von Kritik, Schmähungen bis hin zu Beschimpfungen über die vermeintlichen Mitglieder des Gremiums und insbesondere über die Koalitionsfraktionen, die die Enquete initiiert hatten.

Einmal mehr zeigte sich, dass ein Großteil der informierten User kein Interesse an einem echten Dialog hatte und hat. Die meisten Vorwürfe gipfelten in Aussagen wie „Die Politiker haben doch eh keine Ahnung“, „Die wollen doch eh nur ihre Zensursula einführen“ oder „Wahrscheinlich wollen die uns damit irgendwie auch überwachen. Vorratsdatenspeicherung etc….“ Da war keine Bereitschaft, auch nur irgendeine Diskussion über die Themen zuzulassen, sondern oftmals nur eine vorgefertigte Meinung, die nun bestätigt werden wollte. Nicht selten zeigte sich eine geradezu elitäre Arroganz mancher User gegenüber den Enquete-Mitgliedern aus der Politik. Ihnen traute man per se nicht zu, über Web-Themen zu sprechen, weil sie nach deren Auffassung schon überhaupt keine Ahnung haben konnten. Das was das Internet u.a. auszeichnet, nämlich eine offene Denkweise und häufig unorthodoxe Strukturen, wurde ad absurdum geführt, weil der Wille zum Dialog schlichtweg fehlte. Und viele haben sich diese Haltung bis heute offenbar bewahrt.

Zurück zu den Fragen von MrTopf. Sicher ist es umständlich, sich für das Forum der Enquete zu registrieren. Aber auf der anderen Seite ist es für einen erfahrenen User wohl eine Kleinigkeit, diesen Schritt zu tun. Wer das als Grund der Ablehnung vorgibt, macht es sich zu einfach. In Tausenden anderen Foren machen die Leute mit, ohne dass sie die Registrierung stört. Warum also nicht beim Bundestag? Ich behaupte, dass viele User sich nicht registrieren, weil sie nicht an einem ernsthaften Dialog interessiert sind. Manchem mag es zu mühselig sein, seine Argumente aufzuschreiben. Viele Andere verharren jedoch lieber in ihrer ablehnenden Haltung und bleiben den Foren oder Blog fern. Andere wiederum nutzen eher die Kommentare beliebter Blogs wie netzpolitik.org, wo Markus Beckedahl aus der Arbeit der Enquete berichtet.

Doch wäre es letztlich nicht im Interesse aller Nutzer sinnvoll, die Diskussionen etwas mehr zu kanalisieren statt sie auf Dutzende Plattformen zu verteilen? Wäre eine engere Kommunikation mit den Mitgliedern der Enquete, gerade mit denen aus dem Bundestag, nicht sinnvoller? Vieles sinnvolle und richtige, was irgendwo verstreut gepostet und gebloggt wird, versickert im digitalen Orkus, weil es kaum zur Kenntnis genommen wird. Nur Äußerungen einer vermeintlichen Relevanz findet man bei Twitter, zumeist aber auch nur dann, wenn wieder irgendwer deftige Kritik an der Arbeit der Enquete abgelassen hat. Die konstruktiven Beiträge gehen meist allzu leicht unter. Dies sollte jedoch nicht sein.

Und noch eine Bitte: manch einer möge von seinem hohen digitalen Ross herabsteigen und dort Nachhilfe geben, wo es notwendig erscheint. Mit Arroganz und Ablehnung kommen wir alle bei der Internet-Enquete nicht weiter.

Im August habe ich meinen Job bei Peter Tauber aufgegeben, um mich neuen Aufgaben zuzuwenden. Aber gerade weil ich die Geschichte der Enquete so früh mit verfolgen durfte, ist mein Interesse an der Arbeit ungebrochen. Ich hoffe daher, dass sich der Wille zur Zusammenarbeit und zur offenen Diskussion noch verbessert, um das Projekt letztlich zum Erfolg zu führen. Schließlich wollen wir als Gesellschaft alle davon profitieren.

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