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Rezension: Bernhard Jodeleit. Social Media Relations

5. Januar 2011 1 Kommentar

Bernhard Jodeleit weiß worüber er schreibt. Als Fachjournalist für ein Technikmagazin und nun als PR-Mann hat er zwei wichtige Seiten des Geschäfts mit den sozialen Netzwerken kennen gelernt. Mit seinem „Leitfaden“ gibt er Neulingen, aber auch bereits erfahrenen PR-Arbeitern sowie interessierten Privatleuten ein gutes Werkzeug an die Hand.

In klaren Sätzen erläutert er den Weg ins Web 2.0 und benennt die Chance, ohne die Risiken zu übersehen. Jodeleit schildert die Entwicklung, die zum Mitmach-Internet führte und erläutert die einzelnen Rollen der jeweiligen Akteure. Seine Aussage für den Schritt in Richtung Web 2.0 ist klar: Man benötigt eine Strategie, um letztlich erfolgreich sein. Bereits nach wenigen Seiten hat er einen Schwerpunkt gesetzt. Dialog ist das Zauberwort, denn nur wer den Dialog mit seinen Lesern sucht, wird die gewünschte Akzeptanz erfahren. Für den Autor bedeutet dies, dass der „klassische Pressesprecher ausgedient hat, wenn er seine Nachrichten nur in eine Richtung aussendet und selbst nicht auf „Empfang“ ist. Auch dies gehört für Jodeleit zu den Voraussetzungen eines PR-Arbeiters im Web 2.0.

Von Grund auf erklärt der Autor die notwendigen Schritte, um eine PR-Kampagne in eine Partnerschaft mit den Nutzern umzuwandeln und selbst Gewinn daraus zu ziehen. Dazu gehört u.a. die Entwicklung von Social Media Guidelines, die helfen sollen, die Nutzung der sozialen Netze zu steuern, ohne die Kreativität zu zerstören. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind für ihn bestimmende Grundwerte, die notwendig sind, um sich die Akzeptanz im Netz zu erarbeiten (S. 49ff). Doch bevor der erste Schritt in Web 2.0 gemacht werden sollte, sollte eine gründliche Analyse der Situation erfolgen. Web Monitoring zur Beobachtung der jeweiligen Akteure ist für den Autor unabdingbar, wenn man wissen will, wer mit wem über welche Themen redet. Hier schlägt er den Bogen weg von der Theorie zur Praxis. Jodeleit benennt und erklärt verschiedene Werkzeuge, die dazu notwendig sind. Und auch wer die Kosten professioneller Dienstleister scheut, wird hier bedient. Manch brauchbares Tool steht auch in der Grundversion kostenlos zur Verfügung und kann für den ersten Blick ins soziale Netzwerk genutzt werden.

In der zweiten Hälfte des Buchs widmet sich der Autor ausführlich, aber nicht detailversessen den verschiedenen Netzwerken und schildert deren Anwendungsmöglichkeiten in der professionellen PR-Arbeit und Unternehmenskommunikation. Twitter, Xing und Facebook, aber auch die Bedeutung eines spannenden Corporate Blogs z. B. auf der Basis von WordPress werden erklärt und Fallstricke der Aktivität erwähnt. Doch im Gegensatz zu manch anderer Publikation durchzieht Jodeleits Buch eine sehr positive Grundstimmung. Er verfällt niemals in den Chor derer, die die großen Anbieter von Software, Dienstleistungen und sozialen Netzen als Gefahr für Datenschutz und die Persönlichkeit des Einzelnen ansehen.

Und auch ein anderer Bereich des Web, der inzwischen schon fast ins Hintertreffen geraten ist, findet hier noch ausreichend Platz. Im Gegensatz zu manchem Web 2.0-Apologeten sieht Jodeleit die klassische, wenn auch modernisierte Website eines Unternehmens als das „Herzstück“ (S. 159) einer Kommunikationsstrategie an. Von hier aus sollen die Fäden ins Web 2.0 gehen, hier ist der Raum, um das Unternehmen zu präsentieren und die verschiedenen Bausteine zentral zusammenzuführen.

Jodeleits gesamte Darstellung ist gut lesbar, flüssig geschrieben und zeichnet sich vor allem durch Verständlichkeit aus. Diese wird noch durch ein Glossar im Anhang erhöht, indem er wichtige Begriffe der Social Media Relations kurz erläutert und mit entsprechenden Web-Adressen versieht. Wer will, kann hier ohne längere Suche tiefer einsteigen. Gerade für die PR-Leute, die bisher wenig web-affinen waren, bietet das Buch einen guten Einstieg, der Mut macht und die Chancen für die eigene Arbeit aufzeigt. Auf jeden Fall ist es eine kurzweilige und lohnenswerte Lektüre.

Bernhard Jodeleit: Social Media Relations. Leitfaden für erfolgreiche PR-Strategien und Öffentlichkeitsarbeit im Web 2.0. Heidelberg: dpunkt.verlag 2010. 227 S.

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Ich bin dann mal zeitweise offline – zumindest tagsüber

Vor einigen Tagen habe ich eine Rezension zu Christoph Kochs „ich bin dann mal offline“ geschrieben und mir dabei so ein paar Gedanken gemacht. Dem einen oder anderen Bekannten wird es sicher aufgefallen sein. Seit gut drei Monaten bin ich wochentags kaum mehr in den sozialen Netzwerken unterwegs. Aus verschiedenen Sicherheitsgründen sind Facebook, Twitter etc. an meinem Arbeitsplatz in der Zentralklinik Bad Berka gesperrt. Die Integrität der Patientendaten und der medizinischen Systeme muss in einem Krankenhaus höchste Priorität haben. Das muss man einfach akzeptieren.

Und dennoch: Wenn man es gewohnt war, gelegentlich bei Facebook reinzuschauen, schnell einen Status-update via Twitter durchzugeben oder sich über das muntere Treiben seiner Freunde zu informieren, so stellt man doch recht schnell fest, da fehlt einem etwas, woran man sich gewöhnt hatte. Kommunikation ist immer in zwei oder mehr Richtungen gedacht und sollte auch so funktionieren. Nun fühlte ich mich ein wenig ausgegrenzt. Nicht absichtlich, aber irgendwie beschlich mich manchmal das Gefühl, nicht immer mitzubekommen, was so bei meinen Freunden und Bekannten passierte. Diese Empfindung wurde noch dadurch verstärkt, dass ich nun nicht mehr in Berlin lebe und arbeite und die Online-Kommunikation der Weg der Informationsvermittlung und der Beziehungspflege ist.

Nach drei Monaten des stundenweisen offline-Lebens habe ich mich gut daran gewöhnt. Auch die Tatsache, dass mein Handy aufgrund eines ungünstigen Standorts im Gebäude nicht erreichbar ist, ist irgendwie auch verschmerzbar. So bleibt mir zumindest eine kleine Freude, wenn ich abends zu meinem Auto gehe und das Handy nach wieder gewonnener Verbindung „pling“ macht und ein paar Emails sich aufs Display schieben. Es kann zwar manchmal ganz schön nervig sein, wenn man „ohne Netz“ ist, aber auch an diesen stundenweisen Zustand kann man sich gewöhnen. 

Und wenn ich ehrlich bin, so schlimm ist auch nicht, nicht ständig bei Facebook, Twitter und Konsorten reinschauen zu können. Vieles von dem, das da geschrieben wird, ist nicht so brandaktuell und wichtig, dass es nicht auch ein paar Stunden gelesen werden könnte. Ein Ablenkungsfaktor am Arbeitsplatz fällt somit weg, aber der Verlust hält sich wahrlich in Grenzen.

Wenn ich abends mich zuhause einlogge und nachschaue, was so in meinem Netzwerk passiert ist, muss ich oft stellen, dass viele Dinge nicht so bedeutend sind, dass man sie sofort erfahren muss. Und der Informtionsgehalt von „300+“ neuen Nachrichten bei Facebook ist in der Regel auch sehr überschaubar. Da reicht oftmals ein schneller Blick über die Ereignisse des Tages und die Links, die eine gute Seele gepostet hat. Gerade diese sind eigentlich interessanter, zeigen sie mir doch nicht selten spannende Artikel oder Blogs auf zu verschiedensten Themen. Das möchte ich nun wahrlich nicht missen. 

Letztlich ist es eigentlich ganz gut, wenn man nicht immer online ist und ständigen Zugriff auf die sozialen Netze hat. Der Wunsch, immer dabei zu sein, lässt schnell nach und man besinnt sich wieder auf „alternative Kommunikationsmethoden“ wie Festnetz und Email. Und siehe da: Der Kontakt zu den Leuten bleibt auch weiterhin bestehen, wenn man sich nur selbst darum bemüht. Es geht also doch, mal offline zu sein – zumindest stundenweise. Ob ich allerdings so einen 40-Tage-Offline-Test machen möchte, wie Christoph Koch ihn durchgeführt hat, weiß ich nicht. Eine paar Stunden offline-Sabbat sind ja auch schon genug.

Rezension: Christoph Bieber, politik digital. Online zum Wähler

12. Oktober 2010 1 Kommentar

Christoph Bieber, Politologe an der Uni Gießen und seit einigen Jahren Beobachter der deutschen politischen Internet-Szene hat mit seiner kleine Studie „politik digital“ eine gute und prägnante Darstellung vorgelegt. Auf rund 120 Seiten schildert er die Entwicklung der Digitalisierung der Politik in der Bundesrepublik, aber auch vor allem in den USA.

Kursorisch erläutert der Autor die Anfänge Mitte der 1990er Jahre und erinnert an solche „Meilensteine“ wie den „virtuellen Ortsverein“ der SPD, der letztlich nur Episode blieb. Mehr Raum widmet Bieber den amerikanischen Wahlkämpfen der letzten Jahre und dem mit Hilfe digitaler Medien und sozialer Netzwerke errungenen Sieg von Barack Obama. Gerade hier wird deutlich, wo die Unterschiede zu Situation in Deutschland liegen. Aufgrund der hiesigen Parteienlandschaft, die sich auf vielen Tausend Mitgliedern gründet, sind die digitalen Strukturen nicht annähern so schnell in den Parteien gewachsen wie in der USA. Während dort eher lose Zusammenschlüsse vorherrschen und man seine Zugehörigkeit zum politischen Spektrum durch die Teilnahme an Netzwerken wie myBO.com signalisiert, herrscht hier das „reale Treffen“ in den Verbänden noch immer vor. So kann es kaum verwundern, dass es den bundesdeutschen Parteien im letzten Wahlkampf kaum gelungen ist, größere Anhängerscharen via Internet an sich zu binden.

Aber auch der Piratenpartei, geradezu das Sinnbild einer neuen Entwicklung auf diesem Sektor, ist es nur teilweise gelungen, die wachsende Gruppe der Menschen hinter sich zu scharen, deren Lebensmittelpunkt das Internet und damit auch soziales Umfeld ist. Zwar konnten die Piraten eine nicht unbedeutende Anzahl von Wählern bei den vergangenen Urnengängen auf sich vereinen, ob dies jedoch dauerhaft so zu halten ist, sieht Bieber eher skeptisch. Zu sehr wird die Partei in der Öffentlichkeit als single-issue-Partei wahrgenommen. Man darf also gespannt sein, ob diese kleine Erfolgsgeschichte anhält.

Spannend ist auch die Darstellung des Autors über die letztlich bisher gescheiterten Versuche, elektronische Wahlmaschinen in Deutschland und Amerika einzuführen. Zu viele Widerstände haben sich ergeben. Vor allem Datenschützer und Computerexperten des Chaos Computer Clubs haben sich in den letzten Jahren scharf gegen die Einführung ausgesprochen, obwohl erkennbar ist, dass immer mehr jüngere Wähler dem eigentlichen Wahlakt fern bleiben und Wahlen per Internet einfordern. Hier offenbart sich einmal mehr der Zielkonflikt zwischen einem wirklich umfassenden digitalen Leben inklusive Online-Wahl und dem Schutz des Wahlgeheimnisses und der Wahl vor elektronischen Manipulationen. Wie dieser Konflikt schlussendlich entschieden werden wird, ist im Moment noch nicht absehbar. Meine persönliche Einschätzung: Zum Schluss werden wohl wieder einmal die typisch deutschen Bedenkenträger über die Wünsche einer wachsenden Zahl von potenziellen Online-Wählern siegen. Nur ein Faktor könnte, wenn auch eher unbeabsichtigt hier die Wende bringen. Der wachsende Unwille, sich an die Urne zur analogem Stimmabgabe zur begeben, geht einher mit dem Problem, dass die Kommunen nicht mehr genügend Wahlhelfer rekrutieren können, um die Wahl auch unter Mithilfe des Bürgers durchzuführen. So musste etwa die Stadt Hamburg zuletzt mehrere Millionen Euro ausgeben, um die Leute mit Hundert Euro „Begrüßungsgeld“ zu „überzeugen“. Es steht jedoch zu befürchten, dass auch solche Maßnahmen nicht mehr ausreichen werden, um eine demokratische Wahl durchzuführen. So kann es durchaus sein, dass der analoge Unwille des Bürgers letztlich den Online-Wahlen zum Durchbruch verhilft.

Ein weiteres Kapitel widmet Autor Bieber der „neuen politische Klasse“, die er im digitalen Raum verortet sieht. Er nennt die üblichen Verdächtigen: Markus Beckedahl, Sascha Lobo, Constanze Kurz vom CCC oder padeluun (S. 66ff). Alles bekannte Namen und Gesichter, die aufgrund ihrer langen Erfahrungen im Web nicht zu Unrecht als deutsche Internet-Elite bezeichnet werden. Aber eines wird dabei auch klar: Wenn man bedenkt, dass mit Beckedahl, Kurz und padeluun gleich drei der Genannten auch Mitglieder der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ (#eidg) sind, so wird schnell deutlich, wie dünn doch die „Schicht“ der wirklich bekannten Größen ist. Mögen sie auch alle ihre Verdienste und wichtige Beiträge zum digitalen Diskurs geleistet haben, so besteht doch die Gefahr, dass der dauernde Rückgriff auf die nahezu stets gleichen Gesichter, letztlich selbstreferentiell wird. Man hat fast den Eindruck, dass die deutsche politische Szene nur aus diesen und ein paar anderen Politikern besteht, die sich wie etwa Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, häufig via Facebook und Twitter zu Wort melden. Ein bisschen mehr frisches Blut täte der „neuen politischen Klasse“ sicher nicht schlecht, egal woher es kommt.

Bieber hat mit seiner Darstellung eine gut lesbare und interessante Bestandaufnahme der heutigen digitalen politischen Szene in Deutschland geliefert. Knapp geschrieben, aber mit den nötigen Verweisen versehen, liegt hier zwar keine grundlegende wissenschaftliche Studie vor, als Überblicksdarstellung und kleiner Rückgriff in die Geschichte taugt das Buch allemal. Persönlich hätte ich mir noch einen kurzen Blick in die „Glaskugel“ gewünscht, um zu erfahren, wie es mit der Digitalisierung der Politik in Deutschland weitergeht. Bieber tut dies nur sehr punktuell, wohl wissend, dass dies sowieso nur „Kaffeesatzleserei“  und damit unwissenschaftlich sein kann. Lesenswert wäre es jedoch allemal gewesen.  

Christoph Bieber: politik digital. Online zum Wähler. Salzhemmendorf: blumenkamp verlag 2010. 127 S.

Hilfe für Pakistan – oder doch lieber ein neues Abflussrohr?

In der vergangenen Woche habe ich mich wieder einmal über die Engstirnigkeit von manchem Deutschen geärgert. Anlass war die Flutkatastrophe in Pakistan, ausgelöst durch wochenlange Regenfälle in der Region und Überschwemmungen am Indus. Diese Nachricht ist an sich nicht ungewöhnliches, erreichen uns doch nur allzu oft Meldungen, dass irgendwo in Asien der Monsun ganze Landstriche unter Wasser gesetzt hat.

Doch diesmal war es anderes. Noch nie zuvor waren so große Teile des Landes überschwemmt und damit vorerst unbewohnbar geworden. Pakistan, das wissen wir alle, ist ein armes Land, das zudem von Terror und Bürgerkrieg immer wieder heimgesucht wird. Sind Häuser, Felder und Vieh erst einmal verloren, so folgt die humanitäre Katastrophe dem Regen auf dem Fuß. So auch in diesem Jahr.

Leider flossen die internationalen Hilfszahlungen für das geschundene Land nicht in dem Maße, wie es angesichts des Ausmaßes der Katastrophe notwendig gewesen wäre. Auch aus Deutschland kamen weniger Spenden als bei anderen Ereignissen wie dem Tsunami 2004 oder dem Erdbeben auf Haiti vor wenigen Monaten. Allein nach dem Tsunami waren über 500 Mio. € privater Spenden bei den Hilfsorganisationen eingegangen. Ein Zeichen dafür, dass der Wille zum Helfen durchaus vorhanden ist.

Nur leider eben nicht immer und auch nicht für jeden. Bundespräsident Christian Wulff hat dies zum Anlass genommen, einen Hilfeaufruf zu starten und die Bevölkerung zu Spenden für das Not leidende Pakistan aufzufordern. „Gut so!“ dachte ich. Manch einer muss erst dazu aufgefordert werden, um zu reagieren.

Doch weit gefehlt! Nur kurz  nach dem Aufruf und der Veröffentlichung u.a. bei Facebook brach ein Sturm ebendort los. Nicht wenige Facebook-User beschwerten sich lauthals und unverblümt über diese Spendenaufforderung. Sie kritisierten in einem teilweise recht derben Ton, dass es dieses Land wohl kaum verdient habe, Hilfe zu bekommen. Ich musste zweimal hinschauen, um die Kommentare zu lesen. Da klagten die User darüber, dass sie vom deutschen Staat auch keine Hilfe bekämen und dass die Menschen in Pakistan ja doch eh alle „Taliban“ seien, die man nicht noch unterstützen sollte. Besonders lautstark tat sich eine nordrhein-westfälische Frittenbudenbesitzerin, die ausführte, sie würde ja schon genug für die „Ossis“ in Form ihres „Solidaritätszuschlags“ spenden. Außerdem sei das Abflussrohr ihres Imbiss defekt und dafür würde sie auch keine Spenden erhalten.

Ich konnte es kaum glauben. Da verglich doch jemand ernsthaft das Leiden von rund 20 Mio. Menschen, die wegen der Überschwemmungen auf der Flucht sind, mit einem verstopften Abfluss. Wie menschenverachtend muss man eigentlich veranlagt sein, um solche Vergleiche zu ziehen? Dort sterben jeden Tag Dutzende Kinder an Infektionskrankheiten, Durchfall und Cholera und wir diskutieren über Abflussrohre. Ehrlich gesagt war ich ziemlich erschüttert und habe dies auch bei den Facebook-Kommentaren vermerkt. Einige User stimmten mir zu, andere meinten, diese „Talibans“ hätten keine Hilfe verdient. Natürlich, jedes zweijährige Kind, das Hunger leidet, ist schon ein Taliban.

Ich kann auch verstehen, wenn viele Menschen in Deutschland verzweifelt sind, wenn sie durch das aktuelle Hochwasser in Ostdeutschland ihr Hab und Gut verloren haben. Dies sind massive Schäden und schwere Verluste für die Betroffenen. Aber dennoch: nach einem solchen Ereignis muss bei uns niemand verhungern oder droht an Krankheiten zu sterben. In Pakistan ist dies anderes. Dort gibt es kaum Infrastrukturen zur Hilfe und die meisten Menschen leben von Landwirtschaft und Viehzucht. Ist dies zerstört, ist die humanitäre Katastrophe kaum mehr aufzuhalten. Ein wenig mehr Menschlichkeit, Anteilnahme und Hilfsbereitschaft würde uns sicherlich an dieser Stelle gut tun. Wer weiß, ob nicht auch uns Deutsche einmal eine Naturkatastrophe ereilt, bei der wir auf internationale Hilfe angewiesen sind. Wie wichtig ausländische Hilfe sein kann, haben gerade die Westdeutschen in der Zeit nach 1945 erfahren, als u.a. der Marshall-Plan, das European Recovery Program (ERP) die notwendigen Gelder und Hilfsgüter für das zerstörte Deutschland und Europa zur Verfügung stellte. Wir sollten dies nicht vergessen.

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German Angst 2.0

In letzten Tagen gab es wieder einmal viel Aufregung um Google und Facebook. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung in den digitalen und analogen Medien stehen die neuen Dienste „Street View“ und „Places“ (Orte), die von den Anbietern eingeführt werden.

Mit dem Erscheinen der Dienste, noch bevor sie überhaupt in Deutschland aktiviert sind, taucht ein altbekanntes Phänomen wieder:  „German Angst“. Wie sofort zuvor, macht sich wieder Panik in unserem Land breit. Die Angst vor dem guten, alten „Big Brother“ ist erneut ausgebrochen. Mit Street View soll nun angeblich jeder die Möglichkeit haben, dem Nachbar oder sonst einem Bürger noch besser als bisher über den Zaun zu schon und zu beobachten. Dass dies nicht möglich ist, schließlich handelt es sich ja nicht um Live-Aufnahmen einer Webcam, wird hier zumeist bewusst oder unbewusst übergangen. Was wir sehen werden, sind nur die abfotografierten Häuserfronten, also nur Straßenansichten, die sowieso jeder sehen kann. Hier geht es nicht um die Beobachtung lebender Menschen, sondern um eine fotografische Gesamtdarstellung deutscher Straßenzüge. Gerne wird in diesem Zusammenhang das Argument vorgebracht, sei könnte es sich dabei um einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Hausbesitzers oder Mieters handeln. Doch halt: Häuserfassaden haben keine Persönlichkeitsrechte. Wer so etwas behauptet, negiert den Unterschied zwischen Mensch und seiner Umwelt. Und schließlich: schon seit langem gilt in Deutschland die Panoramafreiheit, die das Fotografieren von Häuser oder Straßenansichten aus dem öffentlichen Raum heraus erlaubt. So kann sich auch jetzt schon jeder, der die technischen Möglichkeiten besitzt, seine private Street View-Ansicht basteln und ins Internet stellen. Solange keine Personen abgebildet sind, spricht auch nichts gegen eine solche Darstellung.

Man kann nur dankbar sein, dass inzwischen zahlreiche vernünftige Menschen sich entsprechend positioniert haben und ein Verbot von Google Street View ablehnen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nichts gegen Aufnahmen einzuwenden, denn schließlich gehört ihr Haus bereits zu den meist fotografierten Objekten in Berlin. Sogar die Schweizer machen sich inzwischen über die „Angst“ lustig. Sicherlich nicht ganz zu unrecht.

German Angst gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Da waren das „Waldsterben“, die „Volkszählung“, die „Wiedervereinigung“. All diese Ereignisse zeigten, dass es uns Deutschen doch recht schwerfällt, sich auf Veränderungen unserer Umwelt und Lebensweise einzustellen. Beantwortet werden solche Veränderungen mit einer fast psychotischen Angst wie bei der Volkszählung in den 1980er Jahren. Viele Bürger und zahlreiche Kommentatoren sahen den Rechtsstaat untergehen und erblickten in Helmut Kohl den Big Brother. Auch das Bundesverfassungsgericht musste sich der Sache annehmen. Die Folgen sind bekannt. Wir haben heute weltweit mit die schärfsten Datenschutzbestimmungen, worüber sich andere Gesellschaften nur verwundert die Augen reiben. German Angst im Datenschutzrecht manifestiert. Nun gut!

Und dann trat auch noch das nächste Übel auf den Plan. Die amerikanische „Datenkrake“ Facebook bietet in den USA, nicht hier in Deutschland, den neuen Dienst „Places“ an, mit dem man seinen Freunden oder wem auch immer mitteilen kann, wo man sich gerade befindet. Das mag gut und manchmal nützlich sein, man kann aber auch gut ohne diesen Dienst leben. Netzpolitik.org hat inzwischen eine Anleitung zum Abschalten online gestellt, sodass jeder Facebook-Nutzer selbst entscheiden kann, ob er diesen Dienst irgendwann einmal nutzen möchte, wenn er denn dann in Deutschland funktioniert.

Aber auch hier treffen wir wieder auf die gewohnte German Angst. Diesmal hat das linke Zentralorgan für Verschwörungstheorien „Junge Welt“  aufgedeckt, dass es sich um eine neue elektronische „Fußfessel“ handelt, die von bösen Menschen („Personalchefs“) zur Überwachung genutzt werde könne. Wie gut, dass sich die „Junge Welt“ (gegründet 1947!) auch um die Jobs von Privatdetektiven Sorgen macht. Aber auch ihnen könnten ja mit der Überwachung von Facebook-Accounts neue Aufgabenfelder erwachsen. Wie absurd diese ganze Angstmacherei ist, zeigt sich allein darin, dass die Zeitung mit keinem Wort erwähnt, dass der Dienste „Places“ bisher in Deutschland überhaupt nicht verfügbar ist (nur ein kurzer Halbsatz weist auf die Nutzung in den USA hin), dass es sich deaktivieren lässt und ein Arbeitgeber wohl kaum jemanden dazu zwingen kann, sich bei Facebook anzumelden und dort anzugeben, wo man sich gerade befindet. Wer solche Ideen verbreitet, bemüht sich nicht um Aufklärung oder zeigt konkrete Lösung auf, sondern schürt nur die German Angst vor dem neuen Unbekannten. Auch dies wird sicher wieder willige Nachahmer finden, die der üblichen Hysterie anheimfallen und alle Übel dieser Welt heraufbeschwören.

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