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Rezension: Stephan Eisel. Internet und Demokratie

26. November 2011 4 Kommentare

Die Zahl der Bücher über „das Internet“ ist enorm. Täglich kommen Neuerscheinungen hinzu, die dem geneigten Leser das Netz und seine Bedeutung erklären wollen. Dazu gehört auch das Werk von Stephan Eisel, der in „Internet und Demokratie“ den Versuch unternimmt, das Web und seine Implikationen auf eine moderne Gesellschaft zu erläutern. Eines wird bei der Lektüre schon recht schnell klar. Hier schreibt zwar jemand, der das Netz schon lange nutzt und kennt. Aber durch das gesamte Buch zieht sich wie ein roter Faden die Warnung von den Gefahren aus und durch das Web. Schon das erste Kapitel, „Mythos Internet“ überschrieben, zeigt wohin die Reise geht. Zwar betont Eisel schon hier, dass das Internet „durchaus“ das Potenzial habe, „die Freiheiträume in unserer Gesellschaft zu erweitern“ (S. 24), aber nur wenige Sätze weiter sieht er es auch als „willfähriges Werkzeug“, das „Fluchtmöglichkeiten vor der harten Wirklichkeit“ (S. 25) biete. Das Internet vermittelt für Eisel „Weltbilder, Wunschbilder“ (S. 25). Daher ruft er zur „Entmythologisierung des Internets“ (S. 25) auf.

Er beginnt seine Aufklärungskampagne mit grundlegenden Überlegungen über die moderne freiheitliche Demokratie und ihre Wertegrundlagen. Dabei darf natürlich auch nicht der zitierte Rückgriff auf Karl Popper, quasi den Übervater der Demokratietheorie, fehlen. Kurz skizziert er die verschiedenen Nutzertypen im Web und erläutert das Problem der digitalen Spaltung. Als problematisch betrachtet Eisel, dass nach jüngeren Erhebungen nur knapp 70 % der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren online sei (S. 38). Da mag man nur antworten: Ja, und? Wurden mit anderen Medien jemals alle Menschen erreicht? Zwar liegt die Verbreitungsrate von Radio und Fernsehen heute noch höher, aber gerade im Vergleich zu diesen Medien erfordert das Internet eben etwas mehr Aktivität als Fernsehen oder Radio. Und wer sich über politische oder gesellschaftliche Themen informieren wird, wird im Netz zweifellos mehr Informationen finden als auf irgendwelchen Fernsehsendern. Und seien wir ehrlich, welche Einschaltquoten erreichen brauchbare politische Magazine im TV im Vergleich zu Unterhaltungssendungen gleich welcher Couleur?

Nicht minder bezeichnend für Eisels kritische Betrachtungsweise ist das Kapitel „Die Minderheit der Zeitreichen“ (S. 50). Für ihn wird Politik im Netz nur von denen gemacht, die offenbar „Zeit haben“ und sich mit ihren Themen auseinander setzen wollen. So kritisiert er, dass selbst in den „Internet-Blogs [..] die Aktivierung der Nutzer nicht gelungen“ (S. 55) sei. Nur selten gelänge es, eine größere Zahl von Nutzen zu aktivieren, selbst in Blogs aktiv zu werden, so dass die Zahl der reinen Konsumenten sehr hoch sei. Aber ist dies bei anderen Formen der politischen Kommunikation und Teilhabe nicht ähnlich? Wie viele Bürger erreichen politische Parteien mit ihren Verlautbarungen? Wie viele Menschen lesen täglich den politischen Teil einer Tageszeitung, die über das Niveau einer „Bild“ hinausgeht? Eisel erregt sich über die skurrile Geschichte vom zerbrochenen Blumenkübel, der so viele Twitter-Nutzer und andere User begeisterte. Für ihn das der Beweis, dass offenbar zu viele User im Netz auch „viel Zeit [..] für Unwichtiges und Unsinniges“ (S. 59) haben. Doch gerade hier wird offensichtlich, dass Eisel gar nicht begriffen hat, dass der Verbreiter der Nachricht vom zerbrochenen Blumenkübel die banale Nachricht einer Tageszeitung aufgegriffen und sie mit ironischem Ton nur weiter verbreitet hat. Sicher wird über das Netz viel Banales verbreitet, aber was in den anderen Medien täglich wiederfindet, ist keinesfalls von höherer Qualität. Ein Blick ins Privatfernsehen hilft hier zu relativieren…

Ebenso wenig kann Eisels Kritik an der „fragmentierten Echogesellschaft“ (S. 164ff.) überzeugen. So führt er aus, dass sich die „aktiven Internetnutzer in viele voneinander abgeschottete Netznischen zurückziehen“ (S. 165). Nach seiner Ausfassung suchen sich die Nutzer gerade die Mitstreiter im Netz, die gleiche oder ähnliche Meinungen vertreten. Daraus folgerte der Autor, dass diese Nutzer sich einen „Tunnelblick“ im Kreise Gleichgesinnter aneignen und sich gegenseitig nur in ihren Meinungen bestätigen. Aber ist das gerade nicht auch ein Problem, das sich außerhalb des Netzes ebenso ergibt? Die meisten Menschen treffen in ihrer Umgebung eher auf Personen, die eine gleiche oder ähnliche Lebenswelt haben und auch im politischen oder gesellschaftlichen Leben ähnlich denken. Wer einer politischen Partei beitritt, tut dies, weil er mit den Ideen und Zielen einer bestimmten Gruppe übereinstimmt. Wer dies nicht tut, wird nicht beitreten, denn andernfalls findet er keine Zustimmung und bestätigt. Das „Echo“ bliebe somit aus. Gleiches gilt auch für das soziale Leben. Wer sich für Fußball interessiert, wird eher selbst spielen und Kontakt zu Fans seines Lieblingsvereins suchen als derjenige, der sich für Hallenhalma interessiert. Dies ist kein Problems des Internets, sondern nur allzu menschlich. Dagegen öffnet das Netz gerade die Möglichkeit, sich mit Meinungen auseinander zu setzen, die man im normalen Leben eben nicht lesen würde, weil sie einen nicht erreichten. Wer sich also politisch einbringen und äußern möchte, hat im Netz jede Möglichkeit dazu.

So durchzieht das gesamte Buch eine gerade alarmistische Grundstimmung, die das Internet in weiten Teilen als Gefahr für die „wehrhafte Demokratie“ (S. 239ff.) oder als Ausgangspunkt für den „Cyberwar“ (S. 258ff.) ansieht. Hat man Eisels Ausführungen gelesen, muss man zweifellos den Eindruck gewinnen, dass mit dem Internet der ‚Untergang des Abendlandes‘ bevorsteht. Dass sehr vielen Menschen das Web inzwischen richtig ans Herz gewachsen ist und sie dies als Teil ihres Lebens und ihrer Lebensführung begreifen, will Eisel offenbar nicht anerkennen. Was einfach fehlt ist, dass das Netz auch jede Menge Chancen für politische Partizipation und Kommunikation bietet. Wie sonst kann man so viele Menschen erreichen. Eisel macht es sich zu einfach, wenn er alles Negative zusammenträgt, anstatt sich Gedanken zu machen, wie man das Netz effektiver gesellschaftlich nutzen kann. Seine „Zwanzig Thesen zum Umgang mit dem Internet“ am Ende des Buches, die er auch in seinem Blog diskutiert,  sind da auch keine Hilfe, um eine positive Sichtweise zu erzeugen.

Stephan Eisel: Internet und Demokratie. Herausgegeben im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Freiburg: Herder 2011. 358 S.

Rezension: Bernhard Jodeleit. Social Media Relations

5. Januar 2011 1 Kommentar

Bernhard Jodeleit weiß worüber er schreibt. Als Fachjournalist für ein Technikmagazin und nun als PR-Mann hat er zwei wichtige Seiten des Geschäfts mit den sozialen Netzwerken kennen gelernt. Mit seinem „Leitfaden“ gibt er Neulingen, aber auch bereits erfahrenen PR-Arbeitern sowie interessierten Privatleuten ein gutes Werkzeug an die Hand.

In klaren Sätzen erläutert er den Weg ins Web 2.0 und benennt die Chance, ohne die Risiken zu übersehen. Jodeleit schildert die Entwicklung, die zum Mitmach-Internet führte und erläutert die einzelnen Rollen der jeweiligen Akteure. Seine Aussage für den Schritt in Richtung Web 2.0 ist klar: Man benötigt eine Strategie, um letztlich erfolgreich sein. Bereits nach wenigen Seiten hat er einen Schwerpunkt gesetzt. Dialog ist das Zauberwort, denn nur wer den Dialog mit seinen Lesern sucht, wird die gewünschte Akzeptanz erfahren. Für den Autor bedeutet dies, dass der „klassische Pressesprecher ausgedient hat, wenn er seine Nachrichten nur in eine Richtung aussendet und selbst nicht auf „Empfang“ ist. Auch dies gehört für Jodeleit zu den Voraussetzungen eines PR-Arbeiters im Web 2.0.

Von Grund auf erklärt der Autor die notwendigen Schritte, um eine PR-Kampagne in eine Partnerschaft mit den Nutzern umzuwandeln und selbst Gewinn daraus zu ziehen. Dazu gehört u.a. die Entwicklung von Social Media Guidelines, die helfen sollen, die Nutzung der sozialen Netze zu steuern, ohne die Kreativität zu zerstören. Transparenz und Glaubwürdigkeit sind für ihn bestimmende Grundwerte, die notwendig sind, um sich die Akzeptanz im Netz zu erarbeiten (S. 49ff). Doch bevor der erste Schritt in Web 2.0 gemacht werden sollte, sollte eine gründliche Analyse der Situation erfolgen. Web Monitoring zur Beobachtung der jeweiligen Akteure ist für den Autor unabdingbar, wenn man wissen will, wer mit wem über welche Themen redet. Hier schlägt er den Bogen weg von der Theorie zur Praxis. Jodeleit benennt und erklärt verschiedene Werkzeuge, die dazu notwendig sind. Und auch wer die Kosten professioneller Dienstleister scheut, wird hier bedient. Manch brauchbares Tool steht auch in der Grundversion kostenlos zur Verfügung und kann für den ersten Blick ins soziale Netzwerk genutzt werden.

In der zweiten Hälfte des Buchs widmet sich der Autor ausführlich, aber nicht detailversessen den verschiedenen Netzwerken und schildert deren Anwendungsmöglichkeiten in der professionellen PR-Arbeit und Unternehmenskommunikation. Twitter, Xing und Facebook, aber auch die Bedeutung eines spannenden Corporate Blogs z. B. auf der Basis von WordPress werden erklärt und Fallstricke der Aktivität erwähnt. Doch im Gegensatz zu manch anderer Publikation durchzieht Jodeleits Buch eine sehr positive Grundstimmung. Er verfällt niemals in den Chor derer, die die großen Anbieter von Software, Dienstleistungen und sozialen Netzen als Gefahr für Datenschutz und die Persönlichkeit des Einzelnen ansehen.

Und auch ein anderer Bereich des Web, der inzwischen schon fast ins Hintertreffen geraten ist, findet hier noch ausreichend Platz. Im Gegensatz zu manchem Web 2.0-Apologeten sieht Jodeleit die klassische, wenn auch modernisierte Website eines Unternehmens als das „Herzstück“ (S. 159) einer Kommunikationsstrategie an. Von hier aus sollen die Fäden ins Web 2.0 gehen, hier ist der Raum, um das Unternehmen zu präsentieren und die verschiedenen Bausteine zentral zusammenzuführen.

Jodeleits gesamte Darstellung ist gut lesbar, flüssig geschrieben und zeichnet sich vor allem durch Verständlichkeit aus. Diese wird noch durch ein Glossar im Anhang erhöht, indem er wichtige Begriffe der Social Media Relations kurz erläutert und mit entsprechenden Web-Adressen versieht. Wer will, kann hier ohne längere Suche tiefer einsteigen. Gerade für die PR-Leute, die bisher wenig web-affinen waren, bietet das Buch einen guten Einstieg, der Mut macht und die Chancen für die eigene Arbeit aufzeigt. Auf jeden Fall ist es eine kurzweilige und lohnenswerte Lektüre.

Bernhard Jodeleit: Social Media Relations. Leitfaden für erfolgreiche PR-Strategien und Öffentlichkeitsarbeit im Web 2.0. Heidelberg: dpunkt.verlag 2010. 227 S.

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Rezension: Christoph Koch. Ich bin dann mal offline

29. November 2010 1 Kommentar

Christoph Koch, Journalist und Einwohner Berlins, hat sich auf einen gewagten Selbstversuch eingelassen. Weg von all den Handys und Online-Medien – zurück in die Zeit von Festnetztelefonen, Fernsehen und „Holzmedien“. Zumindest für ein paar Wochen. 40 Tage und Nächte hat er durchgehalten und sich all den Folgen gestellt, die sich aus dem Zustand „offline“ ergeben. 

Und die Folgen sind offenbar vielfältiger Natur: zum einen zeigen sich körperliche Symptome und der Autor spürt, „wie sich starke Kopfschmerzen breitmachen“ (S. 33). Ständig verspürt er das Bedürfnis, auf sein Handy zu starren, das er jedoch gar nicht mehr bei sich trägt. „Phantomvibrationen“ nennt er das vermeintliche Brummen des Geräts in der Hosentasche, das jedoch gut gesichert in einer Schublade sein Dasein fristen muss. Aber zur Beruhigung für all diejenigen, die sich ähnlichen Tests unterziehen wollen. Offenbar lassen die Symptome nach einigen Tagen nach und ein „normales“ Leben ist wieder möglich.

Koch hat sich den Herausforderungen seines offline-Daseins gestellt und versucht, die Hürden des Alltags zu meistern. Dass dies in einer hochgradig vernetzten Welt gar nicht so einfach ist, zeigt sich z. B. daran, wie sehr der moderne Großstadtbewohner auf sein Mobiltelefon angewiesen ist. Verabredungen werden zunehmend vage und funktionieren nun nur noch auf Zuruf übers Handy. Was aber wenn selbiges nicht vorhanden ist? Auch die klassischen Telefonzellen sind inzwischen ein rares Gut in der Stadt und wer hat heute noch Telefonkarten dabei? Und ist es überhaupt heute möglich, ein Hotelzimmer in Bonn zu buchen, indem man einfach in Reisebüro geht? Selbst solch einfache Tätigkeiten werden heute zur echten Herausforderung, wenn sie nicht mehr zur Verfügung stehen (S. 180f).

Und dennoch es ihm gelungen, diese Hindernisse zu überwinden und seine berufliche Tätigkeit für verschiedene Medien fortzusetzen. Zahlreiche Interviews hat er in seinen offline-Tagen geführt und manche Erfahrungen von anderen Autoren zusammengetragen. Darin liegt der eigentliche „Nährwert“ des Buchs. Neben seinen persönlichen Schilderungen gibt Koch einige Beispiele von Leuten wieder, die aus irgendwelchen Gründen offline waren und ihre Situationen meistern mussten. Er berichtet von seiner Begegnung mit dem „Geräuschesammler“, einem Amerikaner, der sich in die Einsamkeit der Natur zurückzieht, um sich nicht menschlichen Geräuschen aussetzen zu müssen (S. 140ff). Ergänzt werden die Schilderungen persönlicher Eindrücke noch durch einige Verweise auf wissenschaftliche oder publizistische Arbeiten, sich mit Internet-Themen oder Lebensführung befassen. Natürlich ist auch Schirrmachers „Payback“ dabei, das heute quasi als Anti-Entwurf der Onliner geführt wird. 

Was ist Kochs Fazit? Es ist beruhigend zu lesen, dass es auch „offline“ weiter geht. Man muss nicht immer im Netz sein, sein Handy in der Hosentasche haben und immer 100% erreichbar sein. Manches aus dem Freundeskreis läuft an einem vorbei, wenn man nicht ständig seinen Facebook-Account checkt oder Emails abruft. Aber es ist auch möglich, sich wieder realen persönlichen Beziehungen zu widmen und Menschen in ihrem natürlichen Lebensumfeld zu treffen. Der Autor hat selbst Konsequenzen gezogen und sich selbst eine Entschleunigung verordnet. Dazu gehört z. B. der „Offline-Samstag“, den er seiner Partnerin widmet und dabei merkt, dass man auch persönliche Erfüllung aus Tätigkeiten wie Kochen ziehen kann. 

Ohne den erhobenen Zeigefinger zu zücken, führt Koch ein paar durchaus nützliche Tipps an, wie man sein on- und offline Leben gestalten kann, ohne sich dem Diktat des Internet zu unterwerfen. Amüsant zu lesen sind die Listen wie etwa „Dreizehn Dinge, die das Internet auf dem Gewissen hat“ (S. 172), mit denen er seine tagebuchartige Darstellung der 40 Tage offline auflockert. Da muss man schon öfters schmunzeln und kann sich an Dinge zurück erinnern, die heute kaum mehr anzutreffen sind wie Quelle-Kataloge und Telefonbücher, aber auch „Höflichkeit unter Fremden“. Koch ist insgesamt eine sehr lebendige und lesenswerte Darstellung gelungen, die reale Probleme nicht ausspart, aber auch nicht dem Schirrmacherschen Kulturpessimismus das Wort redet. Eine entspannte Lektüre zu einem Thema unserer Zeit, die sich noch einige Nachahmer finden wird. 

Christoph Koch: Ich bin dann mal offline. Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy. München: Blanvalet 2010. 271 S.

Rezension: Tobias Daniel Wabbel: Der Templerschatz. Eine Spurensuche

21. November 2010 2 Kommentare

Mancher mag sich denken, nicht noch so ein Buch über den Schatz der Templer. Wieder so ein ‚Irrer‘, der eine wilde Verschwörungstheorie ausbreitet. Doch weit gefehlt.

Dem Publizisten und Journalisten Tobias Daniel Wabbelist es trotz des berechtigten Misstrauens gelungen, eine lesenswerte Beschreibung seiner „Spurensuche“ vorzulegen. Wer allerdings hofft, anhand dieses Buches den Templerschatz zu finden, wird leider enttäuscht. Auch Wabbel hat den Schatz nicht in Frankreich gefunden, auch wenn er sämtliche greifbaren Hinweise ausgewertet und für seine Arbeit interpretiert hat. Ihm gelingt es, seinen Stoff spannend zu beschreiben, was er auch durch teilweise anekdotenhafte Erzählungen seiner Recherchereisen in Frankreich und Schottland auflockert.  

So beginnt er, nach einer kurzen Einführung in die Entstehungsgeschichte des Templerordens, mit seinen Überlegungen, was der Schatz eigentlich gewesen sein könnte. Er interpretiert hierfür zahlreiche Stellen des Alten Testaments und untersucht die mittelalterlichen Gralsepen (S. 76ff) des Chrétien de Toyes („Perceval“) und des Wolfram von Eschenbach („Parzival“). Wabbel kommt zu dem Schluss, dass der Templerschatz die religionsgeschichtlich wichtigste Reliquie, nämlich die Bundeslade mit den Tafeln mit den 10 Geboten, enthalten habe. Diese sei von den Israeliten nach der Ankunft im Heiligen Land, aus Angst vor Überfällen, in den Höhlen unter dem Tempel Salomons versteckt worden. In Laon schließlich glaubt Wabbel die Gralsburg zu erkennen, die beide Autoren in ihren Romanen beschreiben.  

Dies alles klingt recht plausibel, wertet der Autor doch bereits vorliegende historische, wenn auch zumeist populärwissenschaftliche Darstellungen und zahlreiche Bibelstellen aus und setzt ein Mosaik aus vielen Steinchen zusammen. Nach dem 1. Kreuzzug, der Eroberung Jerusalems und der geheimen Gründung des Templerordens, machten sich dessen Vertreten im 12. Jahrhundert auf den Weg in die heilige Stadt und begannen mit der Suche nach der Bundeslade unter dem salomonischen Tempel. Jahrelang „erforschten“ sie den Tempel mit seinen Höhlen und Gängen und müssten, so Wabbel, letztlich erfolgreich gewesen sein. Sie brachten die Bundeslade mit ihrem Inhalt nach Frankreich, wo sie sich seit Jahrhunderten befinden solle.  

Als „Beweis“ für seine Theorie führt Wabbel den Bau zahlreicher gotischer Kathedralen in Nordostfrankreich an, die von dem reichen Templerorden mit finanziert worden seien. Die Auswahl der Orte erfolgte dabei, so seine Theorie, nicht historischen Gegebenheiten oder der Größe und dem Ansehen der Städte nach, sondern allein nach einer eher astronomischen Deutung. So ergäbe die Lage der Kathedralen die Sternbilder „Jungfrau“ und „Drache“, die im Templerorden eine besondere Bedeutung besaßen (S. 183ff). Wabbel kommt schließlich zu dem Schluss, dass der Schatz sich im Umfeld der Kathedrale von Laon befinden müssen, das er als „Gamma Draconis“, dem „Kopf des Drachens“ identifiziert (S. 222). Den endgültigen Beweis muss er trotz seiner für ihn überzeugenden Darlegungen letztlich schuldig bleiben, denn seine Deutungen beruhen nur auf Indizien. So interpretiert er etwa die umfangreiche Ornamentik an den Kathedralen, die auf die Anwesenheit der Templer und schließlich auch des Schatzes hindeuten sollen.  

Dies ist der eigentliche Makel des Buches. Es fehlen für die meisten Theorien, die Wabbel aufstellt, schlichtweg die wirklich stichhaltigen Beweise. Seine Annahmen klingen zumeist plausibel, aber wie wahrscheinlich ist es, dass sie weiteren wissenschaftlichen Untersuchungen stand halten? So führt er u.a. aus, dass die Templer im Laufe der Jahrzehnte zum jüdischen Glauben übergegangen seien und ihre katholische Herkunft ablegten. Als „Beweis“ führt er dazu Verhörprotokolle an, die nach der Verhaftung zahlreicher Templer nach der Zerschlagung des Ordens durch den französischen König Philipp IV. im Jahr 1307 aufgezeichnet wurden (S. 209f). Doch welchen Wert haben Aussagen, die unter Folter oder deren Androhung gemacht wurden? Waren die Betroffenen nicht bereit, fast alles zu „gestehen“, wenn sie damit nur der Tortur entgehen konnten? Die Geschichte der Inquisition hat nur allzu gut gezeigt, dass solche Aussagen in der Regel ohne einen realen Hintergrund waren. Zu Recht gelten solche Foltergeständnisse heute als nicht juristisch verwertbar. Warum also nimmt Wabbel sie dann für bare Münze? 

Der Autor hat mit seiner Arbeit der Templerforschung einen weiteren Beitrag hinzugefügt, auch wenn er den letztlich stichhaltigen Beweis für die Existenz des Schatzes und vor allem der Bundeslade nicht liefern kann. Seine Theorie, dass sich die Lade in Laon befinden müsse, ist sicherlich ein guter Ansatzpunkt für weitere Nachforschungen. Es bleibt also abzuwarten, ob irgendwann die Meldung erscheint: „Templerschatz gefunden – Spurensuche beendet“. Lesenswert ist das Buch allemal, weil es den Leser ein wenig einführt in die mittelalterliche Welt der Ritter und Ordensleute und manch interessantes Detail aus der Frühzeit der französischen Gotik berichtet.  

Tobias Daniel Wabbel: Der Templerschatz. Eine Spurensuche. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010. 256 S.

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Kurz rezensiert: Twitter – Das Leben in 140 Zeichen. Wahre und kuriose Tweets aus dem Web

Twitter kann man mögen – muss man aber nicht. Es gibt genügend Menschen, die den Dienst ablehnen und die Inhaltsleere von 140 Zeichen kritisieren. Das kann man so sehen, aber es geht auch anders. Pons hat mit seinem kleinen Büchlein ein wenig aus der Twittersphäre zusammen getragen und gezeigt, dass die 140 Zeichen doch durchaus auch Inhalt haben können.

Über 230 Twitterer haben ihren Namen und ihre 500 Tweets hergegeben, um sie in diesem Buch aufzuführen. Es mutet in Zeiten von Web 2.0 schon fast anachronistisch an, ein Buch zum produzieren, das Inhalte des Webs wiedergibt. Und doch: Den Herausgebern ist es gelungen, eine originelle und sehr lesenswerte Zusammenstellung der Tweets vorzunehmen.

Unterteilt in 17 „Kapitel“ (kann man die noch so nennen?) finden sich dort teilweise sehr amüsante, aber auch nachdenkliche Äußerungen unserer Online-Zeitgenossen. Da geht es um „Liebe“, „Politik“ oder auch „Prokrastination“ und natürlich – wie sollte es anders sein – um „Berlin“. Wer ein paar Mal mit den Öffis durch Berlin kurvt, wird schnell der zahlreichen Sitznachbarn gewahr werden, die ihren Standort oder Status kurz (140 Zeichen) mal eben in die Welt hinaus senden. Erst wenn man das selbst probiert und gemacht, wird man den eigentlichen Reiz solcher Botschaften erkennen.

Das Buch selbst gibt keine Einführung in das, was Twitter ist oder wie der Dienst funktioniert. Wer danach sucht, ist hier fehl am Platz. Und dennoch: es ist eine unterhaltsame und kurzweilige Lektüre für die Hosentasche, wenn das mobile Internet des Smartphone in der Berliner U-Bahn nicht funktioniert. Und auch für die Menschen, die abends lieber ein Buch statt iPad oder e-Book mit ins Bett nehmen.

Manche der Tweets erinnern doch sehr an die „Sponti-Sprüche“ der siebziger und achtziger Jahre. Manches kommt einem bekannt vor und hat man schon anderer Stelle gelesen. Während früher Generationen von Schülern und Studenten Tische und Wände mit ihren Geistesblitzen verzierten und so eine eigene Subkultur schufen, so ist heute Twitter das Medium der Zeit. Dass das Interesse der Bevölkerung an Twitter nicht nur online, sondern auch ganz offline vorhanden ist, zeigt nicht nur dieses Buch, sondern auch die sich daraus ableitende „Twitterlesung“. Sicherlich ist dies auch eine Möglichkeit, den vermeintlichen Graben zwischen Befürwortern und Gegner von Twitter zu überwinden. Das kleine Pons-Buch kann dazu ein bisschen beitragen – vorausgesetzt man lässt sich auf Weisheiten in 140 Zeichen ein.

Twitter – Das Leben in 140 Zeichen. Wahre und kuriose Tweets aus dem Web. PONS: Stuttgart 2010. 189 S.

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Rezension: Christoph Bieber, politik digital. Online zum Wähler

12. Oktober 2010 1 Kommentar

Christoph Bieber, Politologe an der Uni Gießen und seit einigen Jahren Beobachter der deutschen politischen Internet-Szene hat mit seiner kleine Studie „politik digital“ eine gute und prägnante Darstellung vorgelegt. Auf rund 120 Seiten schildert er die Entwicklung der Digitalisierung der Politik in der Bundesrepublik, aber auch vor allem in den USA.

Kursorisch erläutert der Autor die Anfänge Mitte der 1990er Jahre und erinnert an solche „Meilensteine“ wie den „virtuellen Ortsverein“ der SPD, der letztlich nur Episode blieb. Mehr Raum widmet Bieber den amerikanischen Wahlkämpfen der letzten Jahre und dem mit Hilfe digitaler Medien und sozialer Netzwerke errungenen Sieg von Barack Obama. Gerade hier wird deutlich, wo die Unterschiede zu Situation in Deutschland liegen. Aufgrund der hiesigen Parteienlandschaft, die sich auf vielen Tausend Mitgliedern gründet, sind die digitalen Strukturen nicht annähern so schnell in den Parteien gewachsen wie in der USA. Während dort eher lose Zusammenschlüsse vorherrschen und man seine Zugehörigkeit zum politischen Spektrum durch die Teilnahme an Netzwerken wie myBO.com signalisiert, herrscht hier das „reale Treffen“ in den Verbänden noch immer vor. So kann es kaum verwundern, dass es den bundesdeutschen Parteien im letzten Wahlkampf kaum gelungen ist, größere Anhängerscharen via Internet an sich zu binden.

Aber auch der Piratenpartei, geradezu das Sinnbild einer neuen Entwicklung auf diesem Sektor, ist es nur teilweise gelungen, die wachsende Gruppe der Menschen hinter sich zu scharen, deren Lebensmittelpunkt das Internet und damit auch soziales Umfeld ist. Zwar konnten die Piraten eine nicht unbedeutende Anzahl von Wählern bei den vergangenen Urnengängen auf sich vereinen, ob dies jedoch dauerhaft so zu halten ist, sieht Bieber eher skeptisch. Zu sehr wird die Partei in der Öffentlichkeit als single-issue-Partei wahrgenommen. Man darf also gespannt sein, ob diese kleine Erfolgsgeschichte anhält.

Spannend ist auch die Darstellung des Autors über die letztlich bisher gescheiterten Versuche, elektronische Wahlmaschinen in Deutschland und Amerika einzuführen. Zu viele Widerstände haben sich ergeben. Vor allem Datenschützer und Computerexperten des Chaos Computer Clubs haben sich in den letzten Jahren scharf gegen die Einführung ausgesprochen, obwohl erkennbar ist, dass immer mehr jüngere Wähler dem eigentlichen Wahlakt fern bleiben und Wahlen per Internet einfordern. Hier offenbart sich einmal mehr der Zielkonflikt zwischen einem wirklich umfassenden digitalen Leben inklusive Online-Wahl und dem Schutz des Wahlgeheimnisses und der Wahl vor elektronischen Manipulationen. Wie dieser Konflikt schlussendlich entschieden werden wird, ist im Moment noch nicht absehbar. Meine persönliche Einschätzung: Zum Schluss werden wohl wieder einmal die typisch deutschen Bedenkenträger über die Wünsche einer wachsenden Zahl von potenziellen Online-Wählern siegen. Nur ein Faktor könnte, wenn auch eher unbeabsichtigt hier die Wende bringen. Der wachsende Unwille, sich an die Urne zur analogem Stimmabgabe zur begeben, geht einher mit dem Problem, dass die Kommunen nicht mehr genügend Wahlhelfer rekrutieren können, um die Wahl auch unter Mithilfe des Bürgers durchzuführen. So musste etwa die Stadt Hamburg zuletzt mehrere Millionen Euro ausgeben, um die Leute mit Hundert Euro „Begrüßungsgeld“ zu „überzeugen“. Es steht jedoch zu befürchten, dass auch solche Maßnahmen nicht mehr ausreichen werden, um eine demokratische Wahl durchzuführen. So kann es durchaus sein, dass der analoge Unwille des Bürgers letztlich den Online-Wahlen zum Durchbruch verhilft.

Ein weiteres Kapitel widmet Autor Bieber der „neuen politische Klasse“, die er im digitalen Raum verortet sieht. Er nennt die üblichen Verdächtigen: Markus Beckedahl, Sascha Lobo, Constanze Kurz vom CCC oder padeluun (S. 66ff). Alles bekannte Namen und Gesichter, die aufgrund ihrer langen Erfahrungen im Web nicht zu Unrecht als deutsche Internet-Elite bezeichnet werden. Aber eines wird dabei auch klar: Wenn man bedenkt, dass mit Beckedahl, Kurz und padeluun gleich drei der Genannten auch Mitglieder der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ (#eidg) sind, so wird schnell deutlich, wie dünn doch die „Schicht“ der wirklich bekannten Größen ist. Mögen sie auch alle ihre Verdienste und wichtige Beiträge zum digitalen Diskurs geleistet haben, so besteht doch die Gefahr, dass der dauernde Rückgriff auf die nahezu stets gleichen Gesichter, letztlich selbstreferentiell wird. Man hat fast den Eindruck, dass die deutsche politische Szene nur aus diesen und ein paar anderen Politikern besteht, die sich wie etwa Bundesfamilienministerin Kristina Schröder, häufig via Facebook und Twitter zu Wort melden. Ein bisschen mehr frisches Blut täte der „neuen politischen Klasse“ sicher nicht schlecht, egal woher es kommt.

Bieber hat mit seiner Darstellung eine gut lesbare und interessante Bestandaufnahme der heutigen digitalen politischen Szene in Deutschland geliefert. Knapp geschrieben, aber mit den nötigen Verweisen versehen, liegt hier zwar keine grundlegende wissenschaftliche Studie vor, als Überblicksdarstellung und kleiner Rückgriff in die Geschichte taugt das Buch allemal. Persönlich hätte ich mir noch einen kurzen Blick in die „Glaskugel“ gewünscht, um zu erfahren, wie es mit der Digitalisierung der Politik in Deutschland weitergeht. Bieber tut dies nur sehr punktuell, wohl wissend, dass dies sowieso nur „Kaffeesatzleserei“  und damit unwissenschaftlich sein kann. Lesenswert wäre es jedoch allemal gewesen.  

Christoph Bieber: politik digital. Online zum Wähler. Salzhemmendorf: blumenkamp verlag 2010. 127 S.

Rezension: Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille

Ulrich Kasparick hat ein interessantes, ein lesbares Buch geschrieben. Als ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär war er in verschiedenen Ministerien der Regierungen Schröder und Merkel tätig. Nun, so suggeriert der Titel, hat er die „Notbremse“ gezogen und ist ausgestiegen aus dem Politikbetrieb. Mit der Bundestagswahl 2009 hat er sein Mandat und seine Funktionen aufgegeben und sich ins Privatleben zurückgezogen.

Hier beginnt für ihn die Stille, die schon zuvor gesucht hat. Noch während seiner aktiven Zeit hat Kasparick versucht, Einkehr zu finden und die innere Ruhe wiederherzustellen, die ihm abhanden gekommen ist. Er schildert seine Kindheit in einem evangelischen Pfarrhaus in der ehemaligen DDR und seine Lebensumstände, die ihn dazu brachten, sich in den späteren Jahren einer besonderen Spiritualität zuzuwenden.

Intensiv hat sich Kasparick, selbst gelernter Theologe, mit dem ZEN-Buddhismus, der Spiritualität des Islams oder christlichen Mystikern wie Meister Eckhardt oder Theresa von Avilla auseinandergesetzt. Er hat in diesen Texten seine persönliche Kraftquelle gefunden, die es ihm auch ermöglichte, eigene Schicksalsschläge wie eine Krebserkrankung oder einen Schlaganfall zu überstehen. Aber auch neuere Autoren wie der ehemaligen UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld haben ihn auf seinem Weg begleitet und geholfen, die ersehnte Stille zu finden. Er hat sich einen eigenen Meditationsraum eingerichtet, um die Ruhe selbst spüren zu können, wie er seine Empfindungen schildert.

Diese Veränderungen waren nicht einfach für jemanden, der wie Kasparick rund 20 Jahre aktiv Politik in verschiedenen Funktionen betrieben hat. Für einen, der 1989 quasi über Nacht in die Politik kam und den sie nicht mehr losgelassen hat. So schildert er, manchmal fast anekdotenhaft, einzelne Erlebnisse und Erfahrungen aus seiner aktiven Zeit und der Leser erfährt einige Details aus dem Leben eines Abgeordneten. Manches ist nur dann wirklich nachvollziehbar, wenn man die Abläufe im Bundestag und den Fraktionen kennt. Hier macht sich bei ihm öfters mal ein Hauch von Frustration bemerkbar, wenn er etwa berichtet, wie politische, inhaltliche Arbeit im Bundestag geleistet wird. Da schwingt oft der Wunsch des einzelnen Abgeordneten mit, Politik selbst zu gestalten, statt sich der Fraktion und der Koalitionsmeinung zu unterwerfen.

Er selbst wünscht sich eine neue Politik. Eine Politik, die sich auf Nachdenken, Entschleunigung und wirkliche Diskussion stützt. Kasparick kritisiert vor allem, dass das politische Geschäft in den letzten Jahren immer hektischer und schnelllebiger geworden sei und dass keine Zeit mehr für eine intensivere Beschäftigung mit den Themen bliebe. Er verbindet dies mit einer skeptischen Haltung gegenüber Internet-Anwendungen und sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter. Er fordert gar, dass sich Politik wieder in „geschützte Räume“ (S. 130) zurückziehen solle, um in Ruhe zu beraten. „Werkstattcharakter müsse möglich sein“ (S. 130), um der Komplexität der Sachverhalte gerecht zu werden. Hier scheint er jedoch auf dem falschen Weg zu sein, denn diese „Hinterzimmerpolitik“ ist gerade das, was die Öffentlichkeit nun nicht mehr möchte. Politik verlangt zunehmend nach Transparenz, stärkerer Bürgerbeteiligung und Offenheit gegenüber neuen, unkonventionellen Vorschlägen. So unterstützt der Autor zwar die Zusammenarbeit mit NGOs, um deren Sachverstand zu nutzen. Die Idee einer neuen, kollaborativen Arbeit, wie sie heute in vielen Politikbereichen eingefordert wird, scheint bei Kasparick jedoch noch nicht angekommen zu sein. Umso verwunderlicher als er offenbar selbst sehr aktiv bei Facebook unterwegs ist.

Ein weiterer Kritikpunkt: Kasparick selbst postuliert eine sprachliche Abrüstung und mehr gegenseitiges Zuhören. Doch selbst kann er offenbar nicht von dieser martialischen Sprache lassen, wenn er sich gerne an „erfahrene, kampferprobte Weggefährten“, „Kämpen“ (S. 168) erinnert, mit denen er zusammen „manche politische Schlacht geschlagen“ (ebd.) hat. Dies alles klingt nicht nach einem überzeugten Abschied, sondern nach ein bisschen Wehmut. Und dass er stolz ist auf seine Verbindungen ist, kann auch Kasparick nicht verheimlichen. So führt er aus, dass sein eigener Verteiler „nicht ganz ohne Einfluss“ (S. 165) sei, um Freunde, Kollegen und Parteimitglieder nach der verlorenen Bundestagswahl zu beruhigen und wieder aufzubauen. Frei von Eitelkeiten ist auch er nicht. Es passt auch nicht recht zusammen, wenn er einerseits twitternde Abgeordnete kritisiert und im nächsten Moment seine eigene Arbeit im Netz darstellt. Ein bisschen mehr kritische Distanz hätte man sich an dieser Stelle schon gewünscht.

Letztlich bleibt ein schaler Geschmack zurück, denn Kapsarick hat nicht wirklich die „Notbremse“ gezogen. Wenn jemand über ein Jahr vor der Wahl beschließt, nicht mehr zu kandidieren, kann man dies kaum als „Notbremsung“ ansehen. Dies war kein spontaner Entschluss, sondern ein lange geplanter Ausstieg, der sicherlich seine guten Gründe hat. Vor diesem Hintergrund erscheint der Titel doch etwas reißerisch. Auch hat er sich nicht ganz zurückgezogen und verbringt sein Sabbatical in völliger Ruhe und Abgeschiedenheit. Vielmehr schreibt hier jemand, der es eben doch nicht lassen kann, über Facebook, Twitter, Blog und andere Netzwerke politische Kommentare zu senden und sich einzumischen.

Ulrich Kasparick schreibt in seinem Buch viel Lesenswertes und Nachdenkliches und kann auch manchen Einblick in ein Politikerleben bieten. Es bleibt aber auch der Eindruck, dass die Notbremse eben doch keine echte Notbremse war, sondern vielmehr ein geordneter Rückzug aus der aktiven Politik.

Ulrich Kasparick: Notbremse. Ein Politjunkie entdeckt die Stille. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2010. 222 S.

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