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Google Street View – ja wo laufen sie denn?

Seit heute ist es online –  das gefürchtete Google Street View. Der Schrecken der Datenschützer und Hausbesitzer und des gewöhnlichen Einbrechers neuer bester Freunde. Des Deutschen „German Angst 2.0“. Zwar ist bisher nur ein winzig kleiner Teil deutscher Straßenzüge zu sehen, aber es steht dennoch zu befürchten, dass der Sturm der Berufsempörung sich schon bald wieder erheben wird. Nachdem es in den letzten Wochen doch recht ruhig um Google war, wurde es auch Zeit, dass sich die Gemüter wieder erhitzen können.

Was gibt es denn eigentlich zu sehen? Da ist u.a. das Bundeskanzleramt in Berlin. Viel gibt es dort eigentlich nicht zu sehen, denn außer der bekannten Front von Angela Merkels Dienstsitz und den davor gerade gewässerte, noch dürren Grünanlagen bleibt nur der Blick auf den nackten Asphalt und ein paar Autos, die um die Ecke biegen. Und natürlich die unvermeidlichen Touristen, die die deutsche Hauptstadt gerade im Sommer so zahlreich überrennen. Mit käsigen Beinen und Sandalen bewaffnet umrundete so mancher den Sitz der Macht und findet sich nun im Internet wieder. Wenn man denn die gepixelte Person erkennen kann. Doch dies gelingt wohl kaum. Auch der Blick ins Merkels Arbeitszimmer bleibt einem leider versperrt. Google Street View ist und bleibt nun einmal eine Straßenansicht. Daran hat sich auch nicht an der heutigen Online-Stellung geändert.

Nicht viel anders sieht es an den wenigen anderen Standorten aus, die nun via Street View zu entdecken sind: z.B. die Siegessäule in Berlin, die Hamburger Köhlbrandbrücke oder das malerische Schloss Solitude in Stuttgart. Nicht einmal der akut vom Abriss bedrohte alte Hauptbahnhof, dieses Symbol des 19. Jahrhunderts, ist online. Dazu noch ein paar andere Objekte und das war es dann auch schon.

Interessanter sind da schon die Innenansichten mancher deutscher Fußball-Stadien, wie z.B. die Münchener Allianz-Arena, wo die glorreichen Bayern ihre Gegner daniederschießen. Allein die Architektur der Stadien dürfte in vielerlei Hinsicht deutlich interessanter sein als bundesdeutsche Vorgärten, Garagen oder Häuserfassaden. Wer im Abbild dieser vergangenen Wirklichkeit eine Persönlichkeitsverletzung sehen mag, dem ist wirklich nicht zu helfen. Noch mal: Fassaden haben keine Persönlichkeitsrechte und auch kein Recht am eigenen Bild.

Dass es auch ohne German Angst geht, zeigen uns die Bürger der wunderhübschen Stadt Oberstaufen im Allgäu. Diese kleine Stadt ist quasi das gallische Dorf gegenüber den Street-Viewer-Verweigerern. Als erste Kommune hat sich Oberstaufen darum beworben, bei Street View zu erscheinen und sich somit von seiner besten Seite gezeigt. Dies wurde inzwischen belohnt und die Stadt ist mit Recht stolz drauf. Anstatt die Schlagläden zu verriegeln, haben die Menschen das Google-Mobil mit einem Kuchen empfangen. Nun hat jeder potenzielle Besucher die Chance, das hübsche Städtchen in seiner reizvollen Umgebung vorab zu besuchen. Und ich muss sagen: Was ich sehe, gefällt mir. Hoffen wir also, dass sich das schöne Engagement auszahlt und mit vielen Besuchern belohnt wird. Übrigens gibt es auch hier ein wunderbar verpixeltes Haus, das so malerisch offenbar mitten im Stadtkern gelegen ist. Der daneben liegende Buchladen hatte offenbar keine Bedenken und präsentiert sein Angebot in voller Schönheit.

Mein erstes persönliches Fazit: Street View ist eine gute Sache, wenn man sich eine Stadt „mal eben“ vom heimischen Rechner aus ansehen möchte. Es ersetzt keine Reise oder eine Wohnungsbesichtigung, aber es kann einem in mancher Lebenslage ein klein wenig helfen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich bedauere sehr, dass meine neue Heimat Erfurt vorläufig nicht vertreten sein wird. Es gehört wohl nicht zu den 20 größten deutschen Städten und daher kein Street View. Schade, denn eigentlich hätte ich schon gerne die Gelegenheit genutzt, manch unbekannte Ecke zu „erfahren“. Bleibt wenigsten zu hoffen, dass recht bald Städte wie Berlin, Bonn oder Köln ganz vertreten sind, damit ich ein paar alte Erinnerungen an vergangene Wohnorte wieder wachrufen kann.

Ob der Sturm der Empörung noch einmal wirklich losbricht, bleibt abzuwarten. Ich denke, dass sich die Gemüter inzwischen beruhigt haben. Rund 244.000 Haushalte haben die Möglichkeit zum Widerspruch genutzt. Das ist okay und gehört zu einer offenen Gesellschaft dazu. Ich finde die Zahl nicht besonders hoch, wenn man bedenkt, wie laut manche Medien gegen Street View getrommelt haben. Auf jeden Fall bleibt es spannend.

 

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German Angst 2.0

In letzten Tagen gab es wieder einmal viel Aufregung um Google und Facebook. Im Mittelpunkt der Auseinandersetzung in den digitalen und analogen Medien stehen die neuen Dienste „Street View“ und „Places“ (Orte), die von den Anbietern eingeführt werden.

Mit dem Erscheinen der Dienste, noch bevor sie überhaupt in Deutschland aktiviert sind, taucht ein altbekanntes Phänomen wieder:  „German Angst“. Wie sofort zuvor, macht sich wieder Panik in unserem Land breit. Die Angst vor dem guten, alten „Big Brother“ ist erneut ausgebrochen. Mit Street View soll nun angeblich jeder die Möglichkeit haben, dem Nachbar oder sonst einem Bürger noch besser als bisher über den Zaun zu schon und zu beobachten. Dass dies nicht möglich ist, schließlich handelt es sich ja nicht um Live-Aufnahmen einer Webcam, wird hier zumeist bewusst oder unbewusst übergangen. Was wir sehen werden, sind nur die abfotografierten Häuserfronten, also nur Straßenansichten, die sowieso jeder sehen kann. Hier geht es nicht um die Beobachtung lebender Menschen, sondern um eine fotografische Gesamtdarstellung deutscher Straßenzüge. Gerne wird in diesem Zusammenhang das Argument vorgebracht, sei könnte es sich dabei um einen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte des Hausbesitzers oder Mieters handeln. Doch halt: Häuserfassaden haben keine Persönlichkeitsrechte. Wer so etwas behauptet, negiert den Unterschied zwischen Mensch und seiner Umwelt. Und schließlich: schon seit langem gilt in Deutschland die Panoramafreiheit, die das Fotografieren von Häuser oder Straßenansichten aus dem öffentlichen Raum heraus erlaubt. So kann sich auch jetzt schon jeder, der die technischen Möglichkeiten besitzt, seine private Street View-Ansicht basteln und ins Internet stellen. Solange keine Personen abgebildet sind, spricht auch nichts gegen eine solche Darstellung.

Man kann nur dankbar sein, dass inzwischen zahlreiche vernünftige Menschen sich entsprechend positioniert haben und ein Verbot von Google Street View ablehnen. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel hat nichts gegen Aufnahmen einzuwenden, denn schließlich gehört ihr Haus bereits zu den meist fotografierten Objekten in Berlin. Sogar die Schweizer machen sich inzwischen über die „Angst“ lustig. Sicherlich nicht ganz zu unrecht.

German Angst gab es in den vergangenen Jahren zuhauf. Da waren das „Waldsterben“, die „Volkszählung“, die „Wiedervereinigung“. All diese Ereignisse zeigten, dass es uns Deutschen doch recht schwerfällt, sich auf Veränderungen unserer Umwelt und Lebensweise einzustellen. Beantwortet werden solche Veränderungen mit einer fast psychotischen Angst wie bei der Volkszählung in den 1980er Jahren. Viele Bürger und zahlreiche Kommentatoren sahen den Rechtsstaat untergehen und erblickten in Helmut Kohl den Big Brother. Auch das Bundesverfassungsgericht musste sich der Sache annehmen. Die Folgen sind bekannt. Wir haben heute weltweit mit die schärfsten Datenschutzbestimmungen, worüber sich andere Gesellschaften nur verwundert die Augen reiben. German Angst im Datenschutzrecht manifestiert. Nun gut!

Und dann trat auch noch das nächste Übel auf den Plan. Die amerikanische „Datenkrake“ Facebook bietet in den USA, nicht hier in Deutschland, den neuen Dienst „Places“ an, mit dem man seinen Freunden oder wem auch immer mitteilen kann, wo man sich gerade befindet. Das mag gut und manchmal nützlich sein, man kann aber auch gut ohne diesen Dienst leben. Netzpolitik.org hat inzwischen eine Anleitung zum Abschalten online gestellt, sodass jeder Facebook-Nutzer selbst entscheiden kann, ob er diesen Dienst irgendwann einmal nutzen möchte, wenn er denn dann in Deutschland funktioniert.

Aber auch hier treffen wir wieder auf die gewohnte German Angst. Diesmal hat das linke Zentralorgan für Verschwörungstheorien „Junge Welt“  aufgedeckt, dass es sich um eine neue elektronische „Fußfessel“ handelt, die von bösen Menschen („Personalchefs“) zur Überwachung genutzt werde könne. Wie gut, dass sich die „Junge Welt“ (gegründet 1947!) auch um die Jobs von Privatdetektiven Sorgen macht. Aber auch ihnen könnten ja mit der Überwachung von Facebook-Accounts neue Aufgabenfelder erwachsen. Wie absurd diese ganze Angstmacherei ist, zeigt sich allein darin, dass die Zeitung mit keinem Wort erwähnt, dass der Dienste „Places“ bisher in Deutschland überhaupt nicht verfügbar ist (nur ein kurzer Halbsatz weist auf die Nutzung in den USA hin), dass es sich deaktivieren lässt und ein Arbeitgeber wohl kaum jemanden dazu zwingen kann, sich bei Facebook anzumelden und dort anzugeben, wo man sich gerade befindet. Wer solche Ideen verbreitet, bemüht sich nicht um Aufklärung oder zeigt konkrete Lösung auf, sondern schürt nur die German Angst vor dem neuen Unbekannten. Auch dies wird sicher wieder willige Nachahmer finden, die der üblichen Hysterie anheimfallen und alle Übel dieser Welt heraufbeschwören.

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